Nobody Wants The Night – Showdown in der Arktis

by on 02/05/2015

Jahrelang stritten sich Joseph Peary und Frederick Cook darum, wer von ihnen zuerst den Nordpol erreicht habe. Und ob sie ihn überhaupt erreichten – oder vielleicht doch nur den geografischen Pol. Was davon bis heute übrig geblieben ist, ist eine abenteuerliche Geschichte und der nach wie vor existente Drang des Menschen zu entdecken, Neues zu erfahren, der Beste, Größte, Schnellste, Erste zu sein.

Die katalanische Regisseurin Isabel Coixet eröffnet mit ihrem Drama Nadie Quiere La Noche (Nobody Wants The Night) die 65. Berlinale. Aber sie erzählt nicht aus dem Leben des Polarforschers, sondern aus dem seiner Frau. Josephine Peary (Juliette Binoche) hat schnell erkannt, dass sie ihren geliebten Ehemann Robert nicht im heimischen Washington halten kann. Von sechzehn Ehejahren hat er gerade 14 Monate zuhause verbracht. Als er zu seiner letzten Expedition aufbricht, entscheidet sie deshalb ihm entgegenzufahren und in seiner Nähe zu sein, wenn er mit dem Erreichen des nördlichsten Punktes seine Karriere krönt. Für ihre Pläne erntet sie von allen Seiten nur Warnungen. Besonders der erfahrene Forscher Bram (Gabriel Byrne) hält ihr Unterfangen so kurz vor Einbruch des Polarwinters für unmöglich. Aber Josephine lässt sich nicht abbringen.

© Leandro Betancor

© Leandro Betancor

Nobody Wants The Night hält sich nicht an die historischen Gegebenheiten in der frühen Polarforschung – und auch nicht an die tatsächlichen Ereignisse im Eheleben der Pearys. Ein allwissender und uns anfangs unbekannter Erzähler berichtet uns von dieser seltsamen Josephine, die ein Grammophon mit in die Arktis schleppt und den besten Wein in ihrem Gepäck hat. „Was sagst du dazu, Park Avenue?“, ist ihr Kommentar, als sie ihren ersten Eisbären erlegt.Wer im ewigen Winter überleben will, muss ein dickes Fell und hehre Ziele haben. So wie die meisten Männer hier, die sich außerordentlich viel auf ihre akademischen Weihen und abenteuerlichen Erfolge einbilden. Die Inuit verstehen die Weißen nicht. Wenn sie in ihrem Leben alles haben – warum wollen sie dann noch mehr? Warum kämpfen sie sich unter lebensbedrohlichen Umständen vor in die weiße Wüste? Josephine hat darauf eine pathetische Antwort. Sie will ihren Mann begleiten, ja. Aber es geht ihr auch um die Überlegenheit der Menschheit. Den ultimativen Triumph der Zivilisation.

Dass in der Arktis die Natur die Regeln macht, will sie nicht so recht wahrhaben. Ohne Rücksicht auf Verluste kämpft sie sich deshalb bis zum Basislager durch – aber dort stößt sie nicht auf Robert Peary, sondern auf die Inuit Allaka (Rinko Kikuchi). Wie sich herausstellt, wartet die junge Frau ebenfalls auf Robert. Mit ihr hat er hier oben im ewigen Eis eine zweite Familie gegründet, sie erwartet sein Kind. Als die Sonne schließlich für ein halbes Jahr verschwindet und das Reisen unmöglich macht, sind die beiden Frauen gezwungen in der Holzhütte zu bleiben. Die Bedrohung, die Isabel Coixet zuvor schon durch wackelige Nahaufnahmen, dunkel ziehende Wolken und Aufnahmen donnernder Lawinen anzukündigen wusste, erreicht hier ihren Höhepunkt. Die Regisseurin verlegt sich an dieser Stelle weniger darauf, noch einen Story voranzutreiben, als vielmehr von einer Beziehung, einer Stimmung zu erzählen.

© Leandro Betancor

© Leandro Betancor

Dafür gilt die Prämisse: mehr ist mehr. Es darf ruhig bedeutungsschwanger sein, gern sehr symbolisch und gern auf allen Ebenen leicht überladen. Immer wieder geht die wackelige Kamera ganz nah heran an die Figuren, besonders an die zunehmend ausgezehrte Josephine, der Haare und Fingernägel ausfallen (und trotzdem sieht Juliette Binoche dabei noch göttlich aus). Und auch die Tonebene lässt uns nicht in Ruhe. Ständig bläst der Wind, Geräusche treten laut hervor – Essgeräusche, das Knistern der verbrennenden Holzes, die Ketten der Schlittenhunde – die Zermürbungsstrategie funktioniert und zeigt ihre Wirkung nicht nur bei den Figuren. Es bleibt den Frauen nichts anderes übrig als sich auf Gedeih und Verderb einander zu überlassen. Josephine leidet unter Kälte und Dunkelheit, Allaka ist es wegen ihres Säuglings irgendwann unmöglich auf die Jagd zu gehen. „Sohn von zwei Frauen“ lautet der Name des Babys übersetzt und tatsächlich ist es ein merkwürdiges Gespann, das sich dort im weißen Nichts aus einer Zwangssituation heraus bildet. Josephine ist die erste weiße Frau, die in der Arktis überwintert, sie lernt ihre eigenen Befindlichkeiten zu überwinden und ihr Mann ist in Nobody Wants The Night nur in seiner Abwesenheit präsent. In Erinnerung bleibt sie trotzdem vorrangig als die Ehefrau von Robert Peary. Und im Grunde macht ihre Tortur sie auch nicht zu einer starken Figur. Ihre Entscheidungen sind geleitet von Männern, von den daheim geträumten und längst irrelevanten Träumen. Selbst wenn sie sich erfolgreich gegen ihre erfahrenen Begleiter durchsetzt und dabei eine gewisse Chuspe an den Tag legt, handelt sie doch stets nur im Bestreben, damit ihrem Gatten nachzueifern. Die eigentlich starke Figur ist natürlich Allaka, die naturverbundene Inuitfrau, die Josephine mehrfach rettet, sie wärmt und versorgt; der nicht überheblich menschlicher Größenwahn den Verstand vernebelt.

Es ist im Grunde ein recht plakativer Kontrast, den Isabel Coixet hier aufmacht. Natur und Kultur, die „Wilde“ und die Zivilisierte, Ausrichtung auf das Materielle und ein Leben im engen Verbund mit der Welt. Insofern ist Nobody Wants The Night ein typischer Berlinale-Eröffnungsfilm. Bedeutungsschwer, aber nicht zu sehr, durchaus politisch, irgendwie, aber dabei trotzdem recht konventionell und leicht verdaulich. Einen Blick wert ist er aber in jedem Fall – wegen seiner Hauptdarstellerinnen, wegen der beeindruckenden Mächtigkeit, mit der Coixet die Gewalt der lebensfeindlichen Umgebung inszeniert, aber auch wegen der behutsamen Entwicklung einer sehr besonderen Beziehung zwischen zwei so unterschiedlichen Frauen, die sich auf der Leinwand vollzieht. Am Ende des Films können wir immerhin mit Bestimmtheit sagen: Robert Peary – wer ist das denn? Josephine – das ist doch die viel spannendere Figur.

Nobody Wants The Night auf der offiziellen Berlinale-Website

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