Notizen vom Pornfilmfestival 2015 – Teil 1

by on 10/23/2015

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© PFF 2015

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Ich habe die perfekte Lösung für nervig schreiende Babys im Kino. Wenn ihre Mütter sie einfach stillen können, weil sich niemand daran stört, dann sind sie ruhig. Das Kino Moviemento während des Pornfilmfestivals ist eine ganz besonderer Ort. Es ist ein bisschen fiebrig, zum Einen, denn viel zu viele Menschen drängen sich in viel zu kleinen Räumen, laut und warm, aufgeregte Filmemacher und Vergnügung suchende Zuschauer, eine Community, in der gefühlt Jeder Jeden kennt. Aber es ist auch eine entspannte Umgebung, weil sich niemand verstellen muss. Weil „All Gender“ an den Toiletten steht und Babys im Kino gestillt werden. Weil man einfach sein kann, mit blauen Haaren, mit Glitzer im Gesicht, mit einem tätowierten Schnurrbart oder komplett durchsichtigen Tops ohne BH darunter.

Am Ende meines ersten Films steht die Crew auf der Bühne, lässt sich beklatschen, und eine der Darstellerinnen sagt: „Wenn ich diesen Film sehe, dann ist das für mich kein Porno. Aber vielleicht ist das auch nur die Abwehrreaktion dagegen zu sehen, wie ich auf der Leinwand gefistet werde.“ Dieser Satz fasst das Pornfilmfest ziemlich treffend zusammen, das derzeit in seiner zehnten Ausgabe im Moviemento stattfindet. Denn die Grenzen verlaufen hier allesamt fließend: es zeigt nicht jeder Film explizite Bilder, aber eben Viele. Ein kinky Experimentalfilm steht neben einer klassischen Dokumentation und unsere filmosophie, die hier in der Doku-Jury sitzt, hat eine wirkliche Herausforderung vor sich, wenn sie sich bei dieser Vielfalt tatsächlich für einen Gewinner entscheiden soll.

© Katrin Doerksen

© Katrin Doerksen

Mein erster Film heißt When We Are Together, We Can Be Everywhere. Gedreht von der Schwedin  Marit Östberg an drei Tagen im Sommer vor vier Jahren in Berlin. Ihr Film ist ein Hybrid aus Spiel-, Experimental- und Dokumentarfilm. Zum Teil gescriptet, zum Teil improvisiert, immer persönlich. Der Film erzählt davon, was passiert, wenn jemand neu in die Hauptstadt kommt und sich auf die Suche nach sicheren queeren Räumen begibt. Dabei gibt es natürlich Sex zu sehen. Jede Menge Sex sogar, in allen Konstellationen, Ausprägungen und Körperformen. Und doch muss ich der Hauptdarstellerin Liz Rosenfeld gewissermaßen recht geben. When We Are Together, We Can Be Everywhere fühlt sich tatsächlich nicht in erster Linie wie ein Porno an. Er ist eher eine nostalgische Reflexion über eine vergangene Zeit, die Anfänge neuer Beziehungen und das Formen einer Art Familie. Er ist auch eine Komödie. Denn Östberg gibt sich in der Regel nicht damit zufrieden, ihre Darstellerinnen beim Sex zu zeigen. In diesen Szenen wird ihr Film dokumentarisch, trägt fast Züge eines Making-Ofs. Sie selbst tritt dann ins Bild, Anweisungen werden hörbar und die körperlich sichtlich geforderten Akteurinnen sprechen sich über ihre nächsten Stellungen ab. Porno erreicht selten eine vergleichbare Ehrlichkeit mit dem Moment, in dem eine der Darstellerinnen feststellt: „It’s so hard to fuck being fucked at the same time.“ Die vergebliche Suche nach einem Vibrator wird zu einem komödiantischen Höhepunkt bevor sie sich wieder mit einem nachdenklichen Moment abwechselt. Man muss gar nicht selbst zu einer Community gehören, um sich in Marit Östbergs bemerkenswert universellen Feststellungen wiederzuerkennen: „Ich weiß nicht, wie ich mich Menschen in Berlin nähern soll. Wenn du jemandem gefällst, dann schaut er dich nicht an. Alle haben davor Angst.“

© Katrin Doerksen

© Katrin Doerksen

Ganz anders geht es ein paar Stunden später in Fuck the Police von Lily Cade zu. Ein lesbischer Porno im Gewand einer Polizeistory aus Los Angeles, in der es Officer Cade mit einer Drogenbaronin und ihren Gespielinnen zu tun bekommt. Fans von Frauen in Uniform dürften hier auf ihre Kosten kommen, darüber hinaus bleibt der Film aber als ominöse Mélange in Erinnerung. Während die betont auswendig gelernten Dialoge, billigen Sets und ausgespielten Mainstreamporno-Konventionen zu Beginn noch bissige Ironie vermuten lassen, ergeht sich der Film irgendwann in einer nicht enden wollenden Litanei aus gemachten Brüsten, Designermuschis und viel zu langen Sexszenen. „Bitte nicht noch eine Stellung“, will man den akrobatischen Darstellerinnen zurufen.

Der zweite Tag beginnt für mich mit einem Dokumentarfilm namens Seed Money: The Chuck Holmes Story. Der Regisseur Michael Stabile erzählt darin die Geschichte Chuck Holmes, des Gründers des Gayporno-Studios Falcon, das in den Siebziger und Achtziger Jahren von San Francisco aus die Leinwände und Bildschirme der USA eroberte. Holmes mag vielleicht der Aufhänger der Geschichte sein, besonders nah kommt man ihm während des Films allerdings nicht. Das mag daran liegen, dass ein Großteil der Aufnahmen sich aus alten Ausschnitten der Falcon-Streifen bedient, inklusive Pornobalken, perfekt definierter Muskeln und Dialogen à la: „Warum liegt hier Stroh?“ Die alten Ausschnitte kreieren durch die Collagentechnik Jahre später noch einmal eine völlig neue Bedeutung. Sie werden zu einem Schnelldurchlauf durch die Gay-Community der Westküste: von zunehmendem Mut, sich öffentlich zu outen, zum Goldrausch der Videokassette und zur allgegenwärtigen Panik während der AIDS-Epidemie in den 1980ern. Seed Money: The Chuck Holmes Story ist ein Zeitdokument aus einer interessanten Perspektive, aber zugegebenermaßen hat der Film auch seine Längen und ist gerade während des Mittagstiefs nicht unbedingt zu empfehlen.

Am Abend fällt es mir schließlich wesentlich leichter bei Fucking In Love dranzubleiben. Ein Dokumentarfilm von Justine Pluvinage, aber gleichzeitig auch eine Art sehr persönliches Reisetagebuch. Jahrelang lebte die Französin – eine Art extrovertierte Amélie – mit ein und demselben Mann zusammen, ihrem ersten und einzigen Freund, Sex war dabei zu einer routinierten Nebensache geworden. Vielleicht auch nie etwas anderes gewesen. Justine trennt sich und geht nach New York, um ihre Sexualität zu entdecken. Sie hat einiges nachzuholen. In der Stadt angekommen, hält sie die Kamera drauf. Und zwar nicht auf das Empire State oder die Freiheitsstatue, sondern auf die Männer, die sie trifft. Sie hält beim Kennenlernen drauf, vor, während des Sex und danach, bei profunden Gesprächen und albernen Unternehmungen. Und so entwickelt sich ihr visuelles Tagebuch zu einer einzigartigen Stimme, ganz nach dem Motto: das Private ist Politisch. Und manchmal auch Philosophisch. Nicht jede Szene, die Justine Pluvinage filmt, ist unbedingt Gold wert. Aber viele davon lassen funkelnde Gedankensplitter aufblitzen, die selbst zu verfolgen sich lohnt. Und wenn einer ihrer Lover mit verliebt-euphorischem Blick Justine – und damit die Kamera und uns – anschaut wie ein Golden Retriever, dann ist Fucking in Love auch einfach fucking witzig.

FUCKING IN LOVE – TEASER from justine pluvinage on Vimeo.

Hier geht es zur offiziellen Website und zur Facebook-Seite des Pornfilmfestivals in Berlin.

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