Notizen vom Pornfilmfestival 2015 – Teil 2

by on 10/26/2015

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© PFF 2015

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Mein Tag 3 auf dem Pornfilmfestival, und zur Abwechslung ist das Kino beinahe leer. Es ist Samstagmorgen: letzte Nacht gab es wieder das übliche Stelldichein in der Festival-Lounge um die Ecke – in einer Bar mit dem poetischen Namen Ficken 3000 – und heute Nacht öffnet die jährliche Festival-Party ihre Pforten. Schlaf täte also überaus gut, aber im Kino 2 läuft Leaving Africa, ein Dokumentarfilm von Iiris Härmä. Das Werk erzählt von einer ungewöhnlichen Freundschaft, die schon seit über zwanzig Jahren währt. Die Finnin Riitta (66) und Kata (63) aus Uganda haben bei Kampala die NGO COFCAWE gegründet, die die Bevölkerung über Sexualität und Gender-Gleichheit aufklärt. In Workshops helfen sie unzähligen Frauen im Alltag und bei gesundheitlichen Fragen, klären über Verhütungsmittel auf und räumen mit katholischen Ängsten auf, ein Kondom sei mit dem Mord an Ungeborenen gleichzusetzen. Iiris Härmä folgt ihnen bei der Arbeit auf Schritt und Tritt. Und während der Diskussionen in den Workshops wird klar, auf welch bedrückend niedrigem Niveau überhaupt angesetzt werden muss. Männer wissen nichts über Anatomie, geschweige denn darüber, dass ihre Frauen wichtige Entscheidungen ebenso treffen können wie sie. Und dann ist plötzlich das ganze Projekt in Gefahr: Riitta und Kata werden der Homosexualität bezichtigt, in Uganda ein schweres Vergehen. Trotz all der Frustration, der existenziellen Ängste und des kaum zu überschauenden Bergs an Arbeit ist Leaving Africa ein ruhiges, aber umso bestimmteres Plädoyer für den Idealismus, die Kraft der Freundschaft und die Notwendigkeit von gegenseitiger Unterstützung: empowerment. Und indem die Regisseurin die junge Daizy als quasi dritte Protagonistin immer wieder in ihren Film mit einschließt, ihre mentale und optische Entwicklung dokumentiert, weist sie mit vorsichtigem Optimismus in eine Zukunft, für die die Hoffnung nicht verloren ist.

Katrin Doerksen

Am Abend stehen die Zeichen hingegen wieder auf Vergangenheit. Nachdem mit Seed Money: The Chuck Holmes Story gestern ein Dokumentarfilm über den Gründer eines Gay-Pornostudios lief, steht heute tatsächlich ein schwuler Pornofilm aus den Siebziger Jahren auf meinem Programm: das Pornfilmfestival zeigt in diesem Jahr eine Retrospektive des Studios Hand in Hand und sogar der mittlerweile etwas in die Jahre gekommene Gründer und Filmemacher Bob Alvarez ist anwesend und gibt zu jedem Film eine kurze Einführung. Hothouse leitete die späte, leichtere Phase der Hand in Hand Studios ein und ist eine Komödie über einen Typen, in dessen Haus sich verschiede Männer einfinden: der Bekannte vom Sport, der Maler, der neue Nachbar vom oberen Stockwerk, der Klempner, der Freund mit einer neuen Platte. Ein typisches Pornoszenario, und Bob Alvarez kündigt schon vorher die Prämisse an: „Forget the story, it’s basically hot action. The more cruising is happening in the audience, the better the movie.“ Nun ja, zumindest in meiner Sitzreihe tut sich nicht viel, dabei stellt sich schon bald heraus, dass Alvarez ein Tiefstapler ist. Natürlich, über die heute ‚kultig‘ klischeehafte Optik und die Pornobalken muss man erstmal hinwegkommen, aber Hothouse hat durchaus Ambitionen. In einer Szene läuft Giorgio Moroders Cover „Knights in White Satin“ im Hintergrund, während die Protagonisten vor dem heimischen Fernseher im Zwielicht einen schwarzweißen Vintage-Porno schauen. Die Bewegungen korrelieren so harmonisch mit der Musik, das es wirkt, als hätte Hand in Hand ein inoffizielles Musikvideo zum Song produziert, merkt hinterher im Q&A eine Zuschauerin an. Auf Youtube wäre das der Renner.

Ambitioniert ist auch das richtige Stichwort für Dune Buddies, den zweiten Gayporn aus der Retrospektive, den ich am letzten Abend auf dem Festival sehe. Ein Ferienort am Strand, ein Dozent sucht hier eine ruhige Auszeit in seinem neuen Ferienhaus. Nur hat er dabei nicht mit seinen ehemaligen Studenten, anderen Urlaubern und alten Freunden gerechnet, die ihn besuchen und alle ihr Scheibchen abbekommen wollen. Hier bekommen wir es immerhin mit Spannung steigernden Parallelmontagen, mit Vogelperspektiven, mit grafischen Silhouetten aus dem Inneren eines beleuchteten Zeltes und wieder mit dieser bemerkenswerten Musikauswahl zu tun: eine Szene ergeht sich in schmalziger Romanzenmusik, in der Nächsten gibt es fröhliches Gevögel in einem Boot zu Discomucke und in der Zeltsequenz stöhnt sich paradoxerweise eine Frau im Soundtrack die Seele aus dem Leib.

Katrin Doerksen

Der Dokumentarfilm Not Safe For Work bildet dann noch einmal ein Kontrastprogramm zum unbeschwerten Ton der Hand in Hand-Filme. Der Regisseur Hendrik Schäfer nimmt über eine Dating-Website Kontakt zu Bluefrog auf, der zwar Wert darauf legt, keine persönlichen Details preiszugeben, aber hingegen kein Problem dabei hat, sich in Fotos und Videos online völlig nackt und entblößt zu zeigen. Schäfer bietet ihm ein gemeinsames Filmprojekt an: er will Bluefrog einen eigenen Porno inszenieren lassen und die Arbeit daran dokumentarisch begleiten. Als die beiden sich nach einigem Hin und Her endlich treffen, scheint der Zusammenarbeit nichts mehr im Weg zu stehen. Doch schon nach kurzer Zeit tun sich Probleme auf: Hendrik Schäfer scheint selbst nicht so recht zu wissen, welches Ziel er mit seinem Projekt verfolgt und Bluefrog hat Angst, im resultierenden Film als Narzisst zu erscheinen. Die Unstimmigkeiten mögen die Entstehung des Films gefährdet haben, aber sie schaden ihm nicht. Ganz im Gegenteil: wenn sich Regisseur und Darsteller vor der Kamera über ihre Missverständnisse austauschen und dabei Stück für Stück ihre anfängliche Anonymität aufgeben, erreicht Not Safe For Work erst die nötige Tiefe, die ihn über ein selbstreferenzielles Experiment hinauswachsen lässt. Visuell ist er zudem der wohl anspruchsvollste Film, den ich auf dem Festival gesehen habe. Die Unsicherheiten im Entstehungsprozess macht Hendrik Schäfer durch ein sicheres Gespür für Setting und Komposition wett: Spiegel fragmentieren seine Räume und ein pixeliger Glitch-Effekt verweist immer wieder auf die digitale Herkunft des ganzen Werks.

Auf mir lastet ein Fluch: auf Festivals sehe ich nie die Filme, die am Ende die Preise abräumen. Mittlerweile ist das 10. Pornfilmfestival Berlin wieder Geschichte, am Sonntagabend wurden die Auszeichnungen vergeben:

Bester Kurzfilm: Houseboy von Pandora Blake
Lobende Erwähnung: Last Call von Katybit
Bester Spielfilm: Nova Dubai von Gustavo Vinagre
Bester Dokumentarfilm: Yes, We Fuck! von Antonio Centeno & Raul de la Morena
Beste Regisseurin: Maike Brochhaus für Schnick Schnack Schnuck
Preis für das Lebenswerk: Bob Alvarez von Hand in Hand Films

Ach, und ihr fragt euch, wie nun die jährliche Festival-Party war? Tja, meine Liebsten, what happened in Prince Charles stays in Prince Charles.

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