Nuoc (2030) – Der Mensch und das Meer

by on 02/07/2014
© Berlinale

© Berlinale

Ein Science Fiction-Film, der in der Zukunft spielt, dabei aber aussieht wie in unserer Gegenwart angesiedelt, birgt immer eine besondere Dimension von Grusel. Vor allem, wenn es sich bei der Zukunftsvision um eine Dystopie handelt. Denn dabei ist doch sonst vor allem die Gewissheit beruhigend, dass es sich bei den Geschehnissen auf der Leinwand eben nur um einen Film handelt. Einen Film zwar, der in gewisser Weise sicher tatsächlich existierende Problematiken berührt, aber das eben in überspitzter und abstrahierter Form. In weit entfernter Zukunft, auf einem fremden Planeten oder gar in einem Paralleluniversum.

Die Dystopie in Nuoc nimmt uns allerdings nur knappe 16 Jahre mit in die Zukunft. Keine abgespaceten Raumanzüge oder verrückte Hightech-Waffen geben uns ein Gefühl von Distanz. Vielmehr scheinen Sao (Quynh Hoa) und ihr Mann Thi (Kim Long Thach) ein auf den ersten Blick ganz normales Pärchen zu sein. Nur ihre Umgebung unterscheidet sich von der aktuellen Situation. Im Jahr 2030 ist die globale Erwärmung so weit fortgeschritten, dass der größte Teil Südvietnams unter Wasser steht. Das Meer hat den ursprünglichen Küstenstreifen geschluckt und die letzten Bewohner, die die Region noch nicht verlassen haben, leben in kleinen Holzhäusern, die auf Stelzen im Wasser stehen. Im Kontrast zu den ärmlichen Hütten stehen schwimmende, abgeschottete Hightech-Farmen, die unter Hochdruck daran arbeiten, das mittlerweile knapp gewordene Gemüse unter Einsatz von Gentechnik zu ziehen. Die Gesundheitsschäden, die das Klon-Grünzeug verursacht, haben die Wissenschaftler überhaupt nicht im Griff. Thi ahnt das – und kurz darauf ist er tot. Seine Frau Sao vermutet die Mörder auf den schwimmenden Farmen und beginnt mit ihrer Recherche.

© Berlinale

© Berlinale

Selten habe ich Wasser in einem Film als so bedrohlich wahrgenommen wie in Nuoc. Und das, obwohl es bis auf einen Sturm keine spektakulären Fluten oder Überschwemmungen zu sehen gibt. Vielmehr ist das Wasser einfach überall, stets allgegenwärtig. Es ist durch die Rillen des Fußbodens in der Wohnhütte zu sehen, es leckt an den Küstenlinien und schluckt Hafenmauern und Anbauflächen, bedroht Existenzen. Das Meer hat sein Image als lebenspendenden Sehnsuchtsort längst eingebüßt. Die Unterkünfte der Menschen erinnern mich an den japanischen Kurzfilm Das Haus aus kleinen Schachteln, in dem die Hütten ebenfalls einfach ein Stockwerk höher gebaut werden, wenn der Meeresspiegel wieder steigt. Der Versuch, dem Wasser wenigstens einen kleinen Lebensraum abzutrotzen, ist trotz aller Tapferkeit letztlich auch nur eine Lösung auf Zeit. Diese gegenwärtige Bedrohung beeinflusst die Stilmittel und die Atmosphäre von Nuoc. Die Kamera wackelt, als stünde sie permanent auf einem der kleinen Boote, die in Südvietnam zum Hauptfortbewegungsmittel geworden sind. Der Horizont krümmt sich in extremen Weitwinkel-Einstellungen zu einem Halbkreis und erweckt den Eindruck einer abgeschlossenen Welt unter Wasser. Wir gewöhnen uns so schnell an diesen Zustand, dass es uns als regelrechter Kulturschock erscheint, als wir später die Straßen von Ho-Chi-Minh-Stadt zu Gesicht bekommen. Stimmt ja, eigentlich sind befestigte Gebäude und Straßen die Normalität.

Nuoc bedient sich der Mittel einer Romanze, um in Rückblenden die Geschichte des Paares im Mittelpunkt, aber auch die Liebesgeschichte Saos mit einem weiteren Mann nachzuzeichnen. Der Film nutzt aber auch die Mittel eines Psychothrillers, wenn es um die Aufdeckung des Mordes und des dazugehörigen Motivs geht und die Musik kreiert mit ihren dissonanten, nervösen Tönen eine permanente Ahnung von Horror.  Die Mischung hält uns bei der Stange, sorgt aber manchmal auch für empfundene Längen, wenn wir einfach nicht mehr so recht einordnen können, wo die Szenen mit uns hinwollen, welches Wissen wir aus ihnen ziehen sollen, um den Fortgang des Filmes verstehen und beurteilen zu können. Dann schwimmen wir kurzfristig genauso orientierungslos wie die Protagonisten, die sich nichts sehnlicher wünschen, als wieder einmal mit festem Boden unter den Füßen das Land betreten zu können, das nun unter blaugrauen Wogen salzigen Wassers verborgen ist. „Wie man auf einem abgesoffenen Land liebt und stirbt…“, heißt es auf dem Filmplakat. Das ist es, was ich Nuoc wirklich anrechne: dass wir hier einen Science-Fiction-Film sehen, in dem tatsächlich der Mensch als Individuum im Mittelpunkt steht: sein leben, lieben, sterben, seine existenziellen Bedürfnisse, nicht mehr und nicht weniger.

Nuoc auf der offiziellen Berlinale-Website

Vier andere Filme über die globale Erwärmung und ihre Folgen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.