Nurse – Sexismuskritik oder BH-Parade?

by on 11/05/2014

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© Square One

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So sieht doch keine Krankenschwester aus!! Nein, natürlich nicht. Und genau das ist der Punkt. So sieht keine reale Krankenschwester, sondern ihr sexistisches Klischee aus und um genau dieses geht es in der Horror-Trash-Komödie Nurse. Halloween ist gleich zweifach die perfekte Zeit für den ungewöhnlichen Film von Douglas Aarniokoski. Erstens weil zu diesem Fest Horrorfilme Hochkonjunktur haben. Zweitens, und das ist noch viel wichtiger, weil eben dieses Fest Gelegenheit bietet, den sexistischen Bildern in unserem Kopf mal so richtig freien Lauf zu lassen. Googelt doch einfach mal „Krankenschwester Kostüm“ und hinterfragt mal offen und ehrlich, wie viel die Ergebnisse noch mit einer Krankenschwester und wie viel mit einem Seoxbjekt zu tun haben. Und wenn das die Sache immer noch nicht klar macht, empfehle ich dieses YouTube Video, in dem sich Männer Halloween-Kostüme für Frauen anziehen und damit die Absurdität der Outfits unter Beweis visualisieren. 

Warum aber diese lange Vorrede? Ganz einfach: Ein Blick auf das Cover von Nurse könnte den Eindruck erwecken, es handele sich hier um eine furchtbar sexistische Darstellung einer Krankenschwester. Doch sowohl inhaltlich als auch auf einer Metaebene, versucht Nurse genau das Gegenteil, nämlich Sexismus und die aus ihm hervorgehenden Bilder sichtbar zu machen und anzuprangern. Im Zentrum steht die Krankenschwester Abby (Paz de la Huerta), vornehmlich halb oder gleich ganz nackt im Bild, die untreuen Ehemännern mit viel Liebe zu ästhetisch spritzenden Blutfontänen den Garaus macht. Das Krankenhaus, in dem sie arbeitet, ist eine Sexismus-Hochburg. Die Schwestern, selbstredend allesamt weiblich, tragen Arbeitsuniformen, die man auch im Sexshop an der Ecke erstehen könnte, und sexuelle Belästigung durch die natürlich ausschließlich männlichen Ärzte ist an der Tagesordnung.

© Square One

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Aarniokoski aber zelebriert das sexistische Klischee der sexy Krankenschwester jedoch nicht, sondern er entlarvt es durch Übertreibung. So tragen Abby und ihre Kolleginnen unter ihren Kleidchen natürlich auch noch halterlose Strümpfe (was sonst trägt Frau zur Arbeit?!) und selbst dem gehirnamputiertesten Macho dürfte ziemlich schnell aufgehen, dass Krankenschwestern so doch eigentlich gar nicht aussehen. Ebenso überdeutlich gestalten sich die Übergriffe des männliche Personals. Klapse auf den Po, offene Einladungen, Konflikte am Arbeitsplatz durch Beischlaf zu lösen. Dieses sonst eher subtil angedeutete Verhalten so plakativ dargestellt zu sehen, lies mich vor dem Fernseher ein lachtränenseliges Fest feiern.

Das funktioniert natürlich nur, weil der Film an anderen Stellen ganz klar Position für seine weiblichen Charaktere bezieht. So wird beispielsweise das Aussehen männlicher Figuren wiederholt durch die Frauen kommentiert, ein Verhalten, das in der Regel umgekehrt zu beobachten ist. Auch macht ihre Triebsteuerungen die männlichen Helden angreifbar und zu leichten Opfern für Abbys mordlüsterne Spielchen und Intrigen. Nicht zuletzt konterkariert die zweite weibliche Hauptfigur Danni (Katrina Bowden), eine Lehrschwester, die Abby unter ihre Fittiche nehmen möchte, das Klischee des naiven Dummchens. Während ihr Freund eine gemeinsame Wohnung vorschlägt, möchte sie sich erst einmal um ihren Beruf und ihre Familie kümmern, was das männliche Gegenüber freilich überhaupt nicht verstehen kann. Wahrscheinlich hat Steve (Corbin Bleuzu viele Filme gesehen, in denen Frauen alles versuchen, um ihre Partner durch eine gemeinsame Wohnung zu domestizieren (böse, böse Glucken-Frauen), während die Herren sich aus den unterschiedlichsten Gründen zieren (tolle, tolle unabhängige Menschen). Das mag schon mal eine falsche Erwartungshaltung wecken…

Anfangs war ich von dieser Zurschaustellung und Entlarvung von Sexismus ziemlich angetan. Doch in meinen Augen fehlt Nurse in diesem Unternehmen die Konsequenz. So ist zum Beispiel Abbys Vagina in ihren Nacktszenen – vermutlich durch CGI – wegretuschiert, wodurch sie wie eine erschreckend androgyne Barbie-Puppe wirkt. Auch dies ist freilich ein sexistisches Idealbild (siehe auch Vulva 3.0), das vielleicht als solches entlarvt werden soll, doch fügt es sich zu nahtlos in die zweifelhafte Körperpolitik der Inszenierung, die trotz aller Sexismus-Kritik lieber Frauen als Männer entblättert und in erotisch ansprechenden Posen präsentiert. Auch dass sich Abby schließlich als Psychopathin herausstellt, deren Rage sich nicht mehr nur gegen böse Männer, sondern auch gegen unschuldige Frauen richtet, schwächt das Konzept erheblich. Psychotische, also hysterische Frauen haben immer den faden Beigeschmack von Schwäche. Sie wissen es ja nicht besser, können ja nicht anders, handeln vollkommen irrational. Auch verliert Abby durch ihr unkontrolliertes Verhalten ihren Status als mutige Rächerin der Frauen und wird mehr und mehr zur letztlich bemitleidenswerten Furie. Das ist höchst bedauerlich.

Es ist eine schmale Gratwanderung, sexistische Rollenmuster durch Übertreibung zu entlarven, ohne sie versehentlich hierdurch wieder zu rekonstituieren. Es braucht eine besonders durchdachte Storyline und Geschlechterpolitik, um dieser Falle zu entgehen. Nurse scheitert an diesem Unterfangen. Die Frauen werden trotz aller Kritik an den männlichen Lustmolchen auch für die Zuschauer_innen zu Sexobjekten, während die Männer zwar einfältig sind, aber immerhin angezogen bleiben dürfen (in Anbetracht der attraktiven Darsteller höchst bedauerlich, wenn man mich fragt). Das liegt aber vielleicht auch an der insgesamt recht verklemmten Inszenierung, die zwar Sexualität anhaltend durch die Hauptfigur thematisiert, jedoch vor ihrer tatsächlichen Darstellung zurückschreckt. Oder bin ich die einzige, die es absurd findet, dass Blutfontänen spritzen und Körperteile abgetrennt werden dürfen, es aber nicht im Rahmen des Möglichen ist, einen Blowjob zu zeigen?!

DVD-Erscheinungsdatum: 10. Oktober 2014

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