Nymphomaniac Volume One – Der Sex-Skandal, der Keiner ist

by on 02/19/2014
© Concorde

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„Lang ist gut“, sagt Seligman (Stellan Skarsgard) als die Frau ankündigt, dass die Geschichte sich etwas hinzieht, die sie ihm jetzt erzählen wird. „Und mit einer Moral, fürchte ich“, fügt sie noch hinzu. Lange Geschichten mit Moral, das klingt doch irgendwie nach großväterlichen Reden. Dabei handelt es sich hier noch nicht einmal um die lange Version. Von Lars von Triers neuem Skandalfilm bekomme ich nämlich vorerst nur den ersten Teil in der gekürzten Fassung zu sehen. Macht nichts, das schau ich mir auch gern noch ein weiteres Mal an. Und noch mal und noch mal.

Jeder kennt mittlerweile wahrscheinlich die Rahmenhandlung von Nymphomaniac Volume One, aber ich bin so penetrant und gebe sie noch einmal wieder. Als Service am Leser auf dem Mond, ihr versteht. Der passionierte Fliegenfischer Seligman findet auf dem Rückweg von seinem Einkauf in seiner abgewrackten Wohngegend eine Frau, dargestellt von Charlotte Gainsbourg, übel zugerichtet auf der Straße liegend. Eigentlich will er einen Krankenwagen rufen oder doch zumindest die Polizei. Aber Joe weigert sich und kommt stattdessen mit zu ihm auf eine warme Tasse Tee mit Milch und ein Hörnchen. Als Seligman versucht herauszufinden, was auf der Straße eigentlich passiert ist, wimmelt sie ihn mit der Bemerkung ab, sie sei ein schlechter Mensch und habe das alles nur verdient. Damit Seligman versteht, beginnt sie, ihm ihre Geschichte ganz von Anfang an zu erzählen: die Geschichte einer Nymphomanin von ihrer Kindheit bis zur Gegenwart.

Die gewitzte Online-Kampagne des genau kalkulierenden Enfant Terribles Lars von Trier, der in den vergangenen Monaten immer wieder kurze Ausschnitte seines Films veröffentlicht hatte, erzählt alles über Nymphomaniac Volume One und gleichzeitig auch so gut wie nichts. Wir wussten alle im Vorfeld, dass wir in seinem neuen Film nicht wenige explizite Sexszenen zu Gesicht bekommen würden, dargestellt allerdings durch Pornodarsteller als Body-Double, auf deren Körper nur die Gesichter der eigentlichen Darsteller montiert würden. Viele Kinogänger haben bei Nymphomaniac Volume One den nächsten großen Skandal erwartet- und irgendwie blieb der aus. Gut, ich kenne genügend Leute, die sich bei einer Sichtung des Films erschreckend stark auf den Schlips getreten fühlen würden. Wer aber ein halbwegs liberales Verständnis von Kunst, Film und auch von Sexualität hat, wird die kopulierenden Körper auf der Leinwand nicht als allzu schockierend empfinden. Ich für meinen Teil bin spätestens seit Melancholia ziemlich angetan von Lars von Trier und irgendwie mutet es ein bisschen an, als sei die körperlich versehrte Charlotte Gainsbourg nach dem Weltuntergang aus eben genanntem Film hier gewaltsam aufgeschlagen. Zumindest scheint sie aus einer Welt zu kommen, die weder Seligman noch wir als Otto-Normal-Zuschauer in ihrer Vollständigkeit erfassen können.

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In fünf Kapiteln erzählt Joe von ihrem Werdegang, von der schnell sehr selbstbewussten Entdeckung ihrer Sexualität, von ihrer Entjungferung durch den ruppigen Mechaniker Jerome (Shia LaBeouf) und gewagten Wettbewerben mit ihrer Freundin B. (Sophie Kennedy Clark). Jedes Kapitel ist dabei in einem anderen Stil gedreht, in bedächtigen Schwarzweiß-Aufnahmen während des Verlusts ihres Vaters, im dreifachen Split-Screen während der Rekapitulation ihrer favorisierten Liebhaber und immer wieder mit Überblendungen, Zwischentiteln, grafischen Elementen und einem feinen Gespür für absurden Humor. Ganz großartig ist zum Beispiel eine Szene, in der die junge Joe (Stacey Martin) ihrem Beglücker eine herzzerreißende Lüge auftischt, um ihn loszuwerden und in einer halben Stunde den Nächsten zu begrüßen. Ihr Plan geht nicht auf: ein paar Minuten später steht er mit Koffern bepackt erneut auf ihrer Türschwelle – die soeben verlassene Ehefrau mit den drei gemeinsamen Söhnen auf den Fersen. Der kammerspielartige Humor, der sich hier ausgehend von Uma Thurman entfaltet, ist von so tragikomischer, ja grotesker Intensität, dass ich mich gar nicht zwischen herzhaftem Gelächter und ungläubigem Kopfschütteln entscheiden konnte.

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Nymphomaniac Volume One wirkt zu jedem Zeitpunkt seltsam rau und unfertig – und doch angenehm konzise und stringent durcherzählt, zusammengehalten durch die Rahmenhandlung, in der Seligman Joe immer mal wieder ins Wort fällt, um ihr zu versichern, dass sie doch eigentlich gar keine Schuld auf sich geladen habe. Hier blitzt auch immer wieder überdeutlich die Handschrift Lars von Triers hervor, wenn  er wie eingangs erwähnt seine eigene Erzählweise kommentiert oder durch Seligmans Bemerkungen zum Unterschied zwischen Antisemitismus und Antizionismus auf den Skandal in Cannes anspielt. Trotz zahlreicher Referenzen ist Nymphomaniac Volume One aber glücklicherweise mehr als nur eine um Rechtfertigung bemühte Selbstbeweihräucherung.

Lars von Trier verpackt seine Aussagen in schöne Metaphern wie der vom Fliegenfischen, die Stellan Skarsgard mit einer so aufrichtigen Naivität vorträgt, dass man ihn dabei nur lieb haben kann. Joes Vater (Christian Slater) hingegen erklärt ihr als Kind immer wieder lang und breit von der Geschichte der Esche, die im Sommer der schönste Baum im Wald sei und im Winter wegen ihrer zum Vorschein kommenden schwarzen Knospen von den anderen Bäumen ausgelacht würde. „Die Esche hatte ihre Finger in der Asche“, singen sie und freuen sich, einen Makel gefunden zu haben. Eine zwischenzeitliche Versöhnung folgt durch Johann Sebastian Bachs polyphones Orgelmeisterwerk „Ich ruf‘ zu dir, Herr Jesu Christ“ das mit seinem perfekten Dreiklang ein Triptychon aus Liebe, Lust und vertraulicher Freundschaft vor unseren Augen entfaltet. Ich bin ein wenig hin- und hergerissen: jedes Kapitel in Nymphomaniac Volume One hätte wahrscheinlich einen eigenen Text verdient und zeitgleich habe ich das Gefühl, mir über das Werk erst eine Meinung bilden zu können, wenn ich auch Nymphomaniac Volume Two gesehen habe. Zum Glück müssen wir darauf nicht mehr allzu lange warten.

Kinostart: 20. Februar 2014

Pressespiegel auf film-zeit.de

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