Nymphomaniac Volume Two – Das schwächste Glied in der Kette

by on 03/13/2014

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© Concorde

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Ist das nun eigentlich Fluch oder Segen, dass Lars von Triers lange angekündigter Skandalfilm über die Lebensgeschichte einer Nymphomanin in zwei Teile aufgesplittet wurde? Fans des dänischen enfants terrible dürften sich sicher freuen, bekommen sie doch zwei Filme ihres Lieblings innerhalb eines leicht überbrückbaren Zeitraums zu Gesicht. Und doch stellt sich nun nach der Sichtung des zweiten Teils das Gefühl ein, das Nymphomaniac 1 und Nymphomaniac 2 als Gesamtwerk oder vielleicht zumindest direkt hintereinander konsumiert ein runderes Bild, ein letztlich gelungeneres Stück Film abgegeben hätten.

Wir erinnern uns: in Nymphomaniac 1, den ich bereits an dieser Stelle ausführlich besprochen habe, findet Seligman (Stellan Skarsgard) die übel zugerichtete Joe (Charlotte Gainsbourg) auf der Straße liegend. Da sie partout nicht die Polizei einschalten will, nimmt er sie kurzerhand auf einen Tee mit zu sich nach Hause, wo sie ihm offenbart, sie sei ein schlechter Mensch. Seligman kann sich das nur schwerlich vorstellen, und so beginnt die Frau, ihm ihre außergewöhnliche Geschichte zu erzählen. Nachdem im ersten Teil vorrangig Kindheit und Jugend und somit das sexuelle Erwachen der selbsterklärten Nymphomanin nacherzählt werden, widmet sich der zweite Teil mehrheitlich einer Phase in Joes Leben, die der filmischen Gegenwart nahekommt. Jetzt sucht sie nach sexuellen Abenteuern mit einem Sadisten (Jamie Bell) oder wildfremden Einwanderern, gründet eine Familie mit Jérôme (Shia LaBeouf) und nimmt einen rechtlich und moralisch fragwürdigen Job bei Willem Dafoe an. Dass sich all diese Unternehmungen kaum in ein und dem selben Leben vereinen lassen, ist schon früh zu erahnen.

Was die Erzählstruktur angeht, schließt Lars von Trier mit dem zweiten Teil seines Filmes ohne große Überraschungen an den Vorgänger an, lässt erneut Joe ihre Geschichte erzählen und Seligman immer wieder mit Erklärungen und Referenzen intervenieren. Während der Mann im ersten Teil aber hauptsächlich versuchte, die Frau von ihrer Annahme abzubringen, dass sie ein schlechter Mensch sei, entwickelt er sich hier zunehmend zu einer wandelnden Enzyklopädie, verweist auf Theologie und Kunstgeschichte, Literatur und gesellschaftliche Debatten. Joe lässt sich davon jedoch immer weniger beeindrucken: Klar äußert sie ihr Gefühl, ihr Zuhörer sei mehr an den Bezügen zur Kulturgeschichte interessiert als an ihrer persönlichen Geschichte und nach einem Einschub über eine beim Bergsteigen genutzte Methode, Seile zu verknoten, wirft sie ihm sogar an den Kopf, dies sei seine bisher schwächste Abschweifung. Diese oft zu Tage tretende Selbstreflexion in allen Ehren, aber auch dem Zuschauer entgeht nicht, dass Nymphomaniac 2 deutlich sperriger daherkommt als der Tragödie erster Teil.

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Trotz der verschiedenen Kapitel, die durch unterschiedliche Stilmittel wie Schwarzweißaufnahmen, Split-Screens oder eine aberwitzige Kammerspielatmosphäre voneinander abgegrenzt werden, wirkte Nymphomaniac 1 wie ein organisches Gebilde. Joes und Seligmans Erzählungen hielten die einzelnen Sequenzen zusammen, ließen die Anekdoten ineinander fließen und die Bilder sich teilweise auch visuell überlagern. Diese unbeschwerte Verspieltheit ist im zweiten Teil den Bach runtergegangen. Und irgendwie macht das auch Sinn, denn nachdem Joe ihrer Jugend entwachsen ist (sie wird nun auch mehrheitlich von Charlotte Gainsbourg selbst dargestellt), haben ihre Entscheidungen und Handlungen viel drastischere Konsequenzen als in ihrer experimentellen Teenagerzeit. Das schlägt sich auf die Atmosphäre des ganzen Films nieder: seine vereinzelten Gags rufen eher bittere Lacher hervor,  Joe stürzt sich in eine Katastrophe nach der Anderen. Weil starke stilistische Unterschiede wegfallen, verschwimmen die einzelnen Kapitel immer mehr und Nymphomaniac 2 leidet sogar unter einigen Längen. Er wirkt nicht mehr so originell und auch nicht mehr so fließend wie der Vorgänger. Und genau das ist der Punkt, den ich meine, wenn ich die Frage formuliere, ob das Werk nicht vielleicht doch um Längen besser funktioniert, wenn es in der Gänze oder zumindest mit sehr kurzem Abstand betrachtet wird. Möglicherweise käme dann der Gedanke gar nicht auf, dass Lars von Triers Fortsetzung etwas fehlte.

Und noch eine andere Frage stellt sich bei Nymphomaniac 2: die Frage nach dem Gehalt, nach der Botschaft und der Einstellung dieses Films. In ihrer Kolumne hat filmosophie uns bereits vor Augen geführt, dass im ersten Teil die auffällige Abwesenheit der Vulva eine Rolle spielt und die Frage ist wohl berechtigt, ob dies einer unterschwelligen Angst vor dem weiblichen Sexualorgan oder vielleicht doch eher einer aus anderen Gründen bewusst getroffenen Entscheidung Rechnung trägt. Die Sexualität einer Frau allein steht hier aber schon mal definitiv nicht im Mittelpunkt. Der Regisseur macht aus der ganzen Genderproblematik viel eher ein absichtlich offenes Ratespiel. Während Nymphomaniac 2 durchaus extreme Formen der Sexualität und Folgen der Sucht anspricht, reflektiert er auch immer gleich die Reaktionen der Gesellschaft mit. Agierte nämlich ein Mann so wie die Hauptfigur, stellt Seligman an einer Stelle fest, würden die meisten Menschen wohl nur müde mit den Schultern zucken. Und nicht umsonst benennt Lars von Trier seine Protagonistin mit einem sowohl männlich als auch weiblich einsetzbaren Namen, besetzt mit Charlotte Gainsbourg eine eher androgyne Schauspielerin und lässt sie in ihrem Abspann-Song namens „Hey Joe“ von einem Mann singen, der seine Lady niedergeschossen hat.

So kaputt Lars von Trier auch sein mag, es scheint ihm immerhin klar zu sein, dass eine Verurteilung seiner Protagonistin nicht angebracht ist. Auch wenn die Konsequenzen ihres Handelns im Gegensatz zu den vor der Kamera praktizierten sexuellen Handlungen durchaus manchmal skandalös zu nennen sind, wie der Regisseur in einer überdeutlichen Referenz auf seinen früheren Film Antichrist andeutet. Letztlich läuft seine Aussage auf den Spruch von der Kette hinaus, die nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied. Wenn ein Individuum strauchelt, sollte es sich zumindest auf die Stärke seines Umfelds verlassen können. So lässt das Drehbuch beispielsweise genügend Raum, um gesellschaftlich Geächtete wie Männer mit pädophilen Neigungen differenziert zu betrachten, eine Position, die mir in der aktuellen Debatte um Pädophile viel zu oft übergangen wird. Oder es lässt Joe vor den verschreckten Damen in ihrer Selbsthilfegruppe ein leidenschaftliches Plädoyer für ihre berechtigte Lust halten. Der eigentliche Skandal, den das Gesamtwerk Nymphomaniac anprangert ist der, das die ach so tolerante westliche Gesellschaft für so viele von der Norm abweichende Existenzen in ihrer Mitte noch immer keinen Platz gefunden hat.

Kinostart: 03. April 2014

Pressespiegel auf film-zeit.de

Lars von Trier hats drauf:

2 Responses to “Nymphomaniac Volume Two – Das schwächste Glied in der Kette”

  • Jan says:

    Eine Frage, die sich mir jetzt stellt ist, ob du beide Teile in der langen Fassung oder in der deutschen Kinofassung gesehen hast.
    Teil 1 konnte ich glücklicherweise in der von von Trier „genehmigten“ Langfassung sehen, beim zweiten Teil wird sich diese Möglichkeiten nicht bieten. Vielleicht gehen durch etwaige Kürzungen noch zusätzlich einige Elemente des Films verloren?
    Ich bin ja erstmal beruhigt, dass der zweite Teil ja durchaus sehenswert zu sein scheint, wenn er auch nicht an den Vorgänger gänzlich anschließen kann. Gespannt bin ich vor allem auf den Eindruck, wenn ich beide Filme Mitte/Ende des Jahres direkt nacheinander im Wohnzimmer gucken konnte. Dann erst wird mein finales Urteil über NYMPHOMANIAC fallen.

    • cutrin
      cutrin says:

      Leider konnte ich beide Teile nur in der jeweils gekürten Kinofassung und mit einem Monat Wartepause sehen. Auf die Langfassung des zweiten Teils hoffe ich nun noch in Cannes, denn die Kürzungen machen ganz bestimmt einiges aus. Aber ich gebe dir absolut recht, dass ein abschließendes Urteil eigentlich erst gefällt werden kann, wenn man beide Teile so schnell wie möglich hintereinander sieht. Das Gesamtwerk wirkt dann sicher nochmal komplett anders.

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