Ode to my Father – Koreanische Geschichte in bunten Farben

by on 02/09/2015
© CJ Entertainment

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Ode to my Father – oder wie er im Original heißt: Gukje Shijang – beginnt ganz zart mit einem weißen Schmetterling, der über einen lebhaften koreanischen Markt flattert. Und später entfaltet er eine ungeahnte Wucht. In der Panorama-Sektion der 65. Berlinale ist ein Film zu sehen, der in seinem Heimatland Südkorea kürzlich zum Überraschungserfolg avancierte. Dabei sollte das so überraschend eigentlich gar nicht sein, denn das Trauma des Volkes auf der Koreanischen Halbinsel ist noch lange nicht verarbeitet. Es äußert sich tagtäglich entlang der hässlichen Narbe, die auch nach Jahrzehnten noch den Norden vom Süden trennt. Ode to my Father ist der Versuch einer Aufarbeitung.

Für die epischen zeitlichen Ausmaße, die der Film umfasst, ist er also mit seiner Laufzeit von guten zwei Stunden im Grunde sogar noch vergleichsweise kurz geraten. Der eingangs erwähnte Markt ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Hier werden wir Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen einem alten Marktstandbesitzer (Jung-min Hwang) und Geschäftsmännern, die ihm das Objekt abkaufen wollen. Der Alte weigert sich aus umersichtlichen Gründen. Überhaupt scheint er ein über die Jahre verbitterter Zeitgenosse zu sein. Aber als seine kleinen Enkel ihn und seine Frau (Yunjin Kim) besuchen kommen, beginnt er sich zu erinnern. Als er noch der kleine Junge Dug-Soo war, musste er mit seiner Familie aus seiner Heimatstadt Hungnam im Norden fliehen. Dabei wurden er, zwei Geschwister und seine Mutter (Young-nam Jang) unter tragischen Umständen von einer jüngeren Schwester und dem Vater (Jin-young Jung) getrennt. Im Süden baut er sich in den Folgejahren gezwungenermaßen eine neue Existenz auf. Aber sein ganzes Leben lang kämpft er um die Zusammenführung seiner Familie.

In zahlreichen Rückblenden erfahren wir nach und nach alles über die Lebensstationen Dug-Soos und somit auch zeitgleich über die Geschichte und Gesellschaft Koreas seit den 1950er Jahren. Ein ambitioniertes Unterfangen, das der Regisseur JK Youn zum Anlass nimmt, um ein umfangreiches Melodrama im Stil des Classical Hollywood zu erzählen. Seine Montage und Erzählweise sorgen jederzeit für größtmögliche Orientierung und Mitgefühl, seine Figuren sind zumeist Spielbälle eines barbarischen Schicksals. Besonders über die Farbgestaltung hebt er die unterschiedlichen Orte und Zeitebenen voneinander ab. Während die filmische Gegenwart hell und lichtdurchflutet daherkommt, dominieren in den Szenen der Flucht aus Hungnam bläulich kalte Töne und unentwegt fallender Schnee. Bei der Ankunft im Süden wartet eine staubig gelbliche Einöde und das Duisburg der 1960er Jahre, wo Dug-Soo eine Zeit lang als Minenarbeiter schuftet, ist in kräftig gesättigte Farben und starke Kontraste getunkt. So besticht Ode to my Father zu jeder Zeit durch seine überaus professionell und teuer anmutende Optik und lässt nichts unversucht, uns zu jedem Zeitpunkt tiefer in die Geschichte hineinzuziehen, betroffen zu machen und immer wieder in besonders lang ausgespielten Sequenzen zu Tränen zu rühren.

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JK Youn weiß was er tut und sicher ist es ihm hoch anzurechnen, dass er hier mit Elan ein Thema anfässt, das gerade in der südkoreanischen Funktioniergsellschaft gern verdrängt wird. Es würde dem Film aber trotzdem gut tun, von Zeit zu Zeit etwas mehr Distanz walten zu lassen, statt immer wieder auf bloße Überwältigung zu setzen. Werden wir dann doch einmal aus der Immersion herausgerissen, ist das nicht unbedingt ein gutes Zeichen. So wird zumindest einem deutschen Publikum spätestens in den Duisburger Szenen auffallen, dass in den kleinen Nebenrollen hier teils Akteure gecastet wurden, die den Titel des Schauspielers nicht wirklich verdienen. So kommt der hagere blonde Deutsche, der den Oberaufseher des Bergwerks gibt, als Karikatur eines unbarmherzig zackigen Preußenverschnitts daher und spricht seine Sätze wie im Moment des Drehs vom Teleprompter abgelesen. Ein Mangel, der an der Qualität des Gesamtwerkes im Nachhinein doch ein wenig zweifeln lässt.

Wer sich an solchen Schnitzern und großen Dosen Pathos hingegen nicht stört, wird in Ode to my Father einen sehenswerten, wichtigen und nicht zuletzt lehrreichen Film über das vergangene und das gegenwärtige Korea vorfinden. Einen Film, der virtuos und mit viel lobenswertem Engagement fernöstliche und westliche Sehgewohnheiten miteinander verwebt.

Ode to my Father auf der offiziellen Berlinale-Website

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