Über den Online-Filmjournalismus – Alles umsonst?

by on 12/04/2013

Vor etwa einem halben Jahr hatte ich im Zusammenhang mit der legendären Filmkritik-Diskussion mit Herrn Til Schweiger schon einmal kurz über die berufliche Realität eines Online-Filmjournalisten geschrieben. Heute, sechs Monate später, bin ich leider um eine ganze Reihe neuer, negativer Erfahrungen reicher und möchte daher noch einmal auf das Thema zurückkommen.

Vielleicht hat der eine oder andere schon gemerkt, dass es abseits dieses Blogs deutlich weniger von mir zu lesen gibt, als noch vor ein paar Monaten. Das hat neben meinen diversen Festivalreisen noch einen anderen Grund: Ich habe eine Zwangspause eingelegt. Vielleicht war es Wahnsinn, vielleicht Überheblichkeit, dass ich alle Warnungen der Kollegen, von der Filmkritik könne man nicht leben, blauäugig in den Wind geschlagen und es trotzdem versucht habe. Umso härter bin ich nun auf dem Boden der Realität aufgeschlagen.

Filmjournalistische Realität – Zahlen und Fakten

Was ist passiert? Eigentlich lief doch alles ganz gut! Aufträge noch und nöcher, Einladungen zu Festivals, die Berufung in eine Jury – das klingt doch nach Karriere! Die Realität ist aber eine andere: Weil in der Regel weder Flug, noch Unterkunft, noch sonstige Spesen für Festivals von meinen Auftraggebern übernommen werden, kann ich von Glück sagen, wenn ich nach einer solchen Reise mit einem leichten Plus nach Hause zurückkehre. Ein Beispiel: Während eines 10-tägigen Festivals habe ich insgesamt 31 (!) Artikel verfasst. Trotzdem habe ich im Grunde nichts verdient. Die ganz Arbeit war quasi umsonst.

Woran liegt das? Für meine Artikel bekomme ich Honorare zwischen 10 und 80 Euro, wobei letztere Zahl eine absolute Ausnahme darstellt. Ich würde schätzen, dass sich mein Durchschnittshonorar bei etwa 32 Euro pro Text bei einer Durchschnittslänge von 4.000 bis 5.000 Zeichen befindet. Da in der Regel mit diesem Text eine Filmsichtung verbunden ist, setze ich mal pauschal eine Arbeitszeit von 4 Stunden an. Dies setzt freilich voraus, dass der Film nur 1 ½ Stunden dauert, sich die Fahrtzeit zwischen Büro und Kino nicht durch Zugausfälle etc. verlängert und ich den Text in einem Zustand erhöhter Inspiration in maximal 90 Minuten verfasse. Wenn diese optimalen Rahmenbedingungen gegeben sind, habe ich einen Stundenlohn von 8 Euro brutto. Bei diesem Honorar muss jedoch bedacht werden, dass ich keinen bezahlten Urlaub habe und mit jeder Krankheit ein Verdienstausfall einhergeht. Ich muss also im Grunde von diesem Honorar auch noch etwas für „schlechte Zeiten“ beiseite legen.

Ich glaube, man muss kein Mathe- oder Wirtschaftsgenie sein, um zu erkennen, dass sich von diesem Honorar eigentlich nicht leben lässt. Das wissen auch die meisten Kollegen. Deshalb gehen viele einem anderen Beruf nach und betreiben die Filmkritik nebenbei. Das kann man machen. Ich möchte das nicht und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Nur weil ich eine andere Einkommensquelle habe, die meinen Lebensunterhalt sichert, wird ein Honorar von 32 Euro pro Filmkritik nicht fairer!

Ohne Text kein Internet

Über das Ungleichgewicht zwischen Arbeitsaufwand und Honorar habe ich mit mehreren meiner Auftraggebern gesprochen. Die Antwort war immer dieselbe: Wir würden ja gerne mehr zahlen, aber wir können es nicht.

Vielleicht stimmt das. Es stimmt aber auch, dass hinter mir schon hunderte Nachfolger Schlange stehen, die für dieses niedrige Honorar, in vielen Fällen auch ganz ohne Honorar, arbeiten wollen. Und es ist auch wahr, dass in vielen Fällen andere an der entsprechenden Publikation einen „normalen“ Monatslohn verdienen.

Ich habe für mich entschieden, dass ich es nicht mehr möchte, dass jemand anderes von meiner Arbeit lebt, wenn ich es selbst nicht kann. Ich finde es nicht richtig, dass den Autoren, die den meisten Online-Magazinen und Portalen ihren Inhalt und damit auch ihr Gesicht verleihen, so wenig Respekt in Form einer angemessenen Bezahlung entgegengebracht wird. Man stelle sich doch einmal vor, was aus all diesen Webseiten werden würde, wenn es keinen Content, keine Kritiken, keine Newsartikel, Interviews oder Themenspecials mehr gäbe. Dann würde auch niemand mehr diese Seiten besuchen, es ließen sich keine Anzeigen mehr verkaufen und somit wäre dann schließlich auch der oberste Geschäftsführer irgendwann pleite.

Es ist freilich etwas vollkommen anderes, wenn sich eine Gruppe filminteressierter Menschen zusammen tut, um gemeinsam und auf Augenhöhe einen Blog oder eine Internetseite zu betreiben. Dann handelt es sich um ein Hobby, vielleicht um eine Präsentation der eigenen Arbeit, an der niemand etwas verdient. Mit filmosophie.com machen wir trotz der vereinzelten Amazon-Anzeigen keinen Gewinn. Dennoch schreiben wir hier alle gerne, weil wir alle im selben Boot sitzen.

Der Ton macht die Musik

Für mich persönlich ist die Kommunikation mit dem Auftraggeber oder den Kollegen für die Arbeitsmotivation entscheidend. Versteht der Auftraggeber, dass sein Honorar eigentlich unangemessen ist und kann er erklären, wieso er kein Höheres zu zahlen imstande ist? Dann gebe ich (leider viel zu oft) schließlich doch nach. Es gibt aber auch ganz andere Reaktionen.

Es ist mir nun schon zwei Mal passiert, dass ich mich auf eine offiziell als „Job“ deklarierte Tätigkeit beworben habe und mir daraufhin – in einem Fall sogar erst während des Bewerbungsgesprächs – der Satz gesagt wurde: „Zahlen können wir natürlich nichts.“ Da stimmt doch irgendetwas mit unserer zeitgenössischen Definition des Wortes „Job“ nicht! In einem anderen Fall hatte ich eingewilligt, umsonst über ein Festival zu schreiben, da mir dieses „Arbeitsverhältnis“ ermöglichte, auf Englisch auf einer internationalen Internetseite zu publizieren. Die Artikel wurden jedoch mit einer derartigen Zeitverzögerung (wir reden hier von Monaten!) veröffentlicht, dass ich bezweifle, dass sie überhaupt irgendwer gelesen hat. Auch diese Arbeit war also umsonst! Ein weiteres Ärgernis in der Zusammenarbeit zwischen freien Autoren und Auftraggebern besteht aus meiner Sicht oft im fehlenden Feedback und Lektorat. Sicherlich ebenfalls aus ökonomischen Gründen findet dies oft nur sehr begrenzt statt. In fast jedem meiner Texte finde ich nach Veröffentlichung noch dämliche Fehler, die nun einmal passieren, wenn man im Grunde nur die schon erwähnten 90 Minuten hat, um mit seiner Arbeit noch irgendeine Form von Gewinn zu generieren. Das fehlende Feedback wiederum gibt mir das Gefühl, ins Leere zu schreiben. Besonders ärgerlich wird es, wenn die Arbeit Monate später kritisiert, ja geradezu zerrissen wird, anstatt am konkreten Beispiel konstruktive Kritik zu üben und damit auch die Zusammenarbeit produktiver zu gestalten (ein realer Fall übrigens!).

Ähnlich demotivierend können persönliche Kommentare der Leserschaft sein. Auf meinem eigenen Blog kontrolliere ich sehr genau, welche Kommentare veröffentlicht werden und lösche all jene, die dem Autoren nicht den notwendigen Respekt zollen und/oder völlig am Thema vorbei gehen. Viele Internetseiten jedoch betrachten jeden Kommentar, unabhängig von seiner Niveaulosigkeit, als unvermeidbar Begleiterscheinung des Online-Journalismus. Statt sich schützend vor ihre Autoren zustellen und pöbelnde Internettrolle in die Schranken zu weisen, fordern diese Redaktionen dann lieber ihre Freelancer dazu auf „über den Dingen zu stehen“ oder am besten die Kommentare gar nicht zu lesen. Womit einmal mehr gezeigt wäre, dass es bei der Kommentarfunktion in den seltensten Fällen um einen Austausch zwischen Autor und Leser, sondern um eine Marketingstrategie geht. Mehr Kommentare, mehr Klicks, mehr Einnahmen durch Werbung. Der Text und noch viel mehr sein Verfasser sind hier nur Beiwerk.

Wie gesagt: Es gibt solche und solche und ich will auf keinen Fall alle Online-Medien, die freie Autoren beschäftigen, über einen Kamm scheren. Trotzdem sind die oben beschriebenen Fälle die Realität.

Das Internet druckt kein Geld

Das Internet ist Segen und Fluch zugleich. Es macht alle erdenklichen Informationen für Jedermann überall zugänglich. Aber wir vergessen oft, dass hinter allen Webseiten, Grafiken und Texten eine Menge Arbeit steckt, die irgendwie bezahlt werden muss. Es ist ein schöner Gedanke, dass wir so großzügig sind, uns gegenseitig ehrenamtlich mit Informationen und Dienstleistungen zu versorgen. Solange aber der Rest des Lebens noch Geld kostet, müssen wir einen Weg finden, dass Internet auch finanziell nutzbar zu machen. Jeder, der seine Nachrichten, Filmempfehlungen oder gar ganze Filme, Lexikoneinträge, Literatur ausschließlich aus dem Internet bezieht, sollte sich vor Augen führen, dass er gerade eine Leistung umsonst erhält, für die jemand anderes gearbeitet hat! Genauso wie wenn wir zum Frisör, ins Kino oder zur Autowerkstatt gehen. Da würde doch auch niemand auf die Idee kommen, dass das umsonst sein sollte!

Ich habe keine Lösung parat. Aber ich habe viele wilde Ideen. Wie wäre es zum Beispiel mit einer friedlichen Demonstration, wenn einfach mal all jene, die mit ihrer Online-Schreiberei nichts oder annähernd nichts verdienen, für ein paar Tage ihre Arbeit niederlegen? Ich fände es interessant zu sehen, was das insbesondere für den Online-Filmjournalismus bedeuten würde! Oder wir führen ein Gütesiegel für Internetseiten ein: „Die Autoren dieser Seite werden dem Aufwand entsprechend für ihre Arbeit angemessen entlohnt.“ Ein Fair-Trade-Logo für den Online-Journalismus sozusagen. Oder wie wäre es mit einer Twitter-Kampagne (#Aufklick), um dem Thema zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen?

Ideen kann man aber nur entwickeln, wenn man ihren Bedarf versteht. Eine Lösung kann man nur finden, wenn man anerkennt, dass es ein Problem gibt. Deshalb dieser Artikel, deshalb mein Versuch, einmal mehr die Probleme des Online-Journalismus anzusprechen, in der Hoffnung, dass andere ähnliche Gedanken hegen und wir gemeinsam eine Lösung finden können. Dann wäre dieser Artikel nicht umsonst.

 

Ich freue mich sehr über Feedback, per Email oder in den Kommentaren: Was habt ihr als freie Autoren an positiven und negativen Erfahrungen gesammelt? Wie ist eure Meinung zum „Schreiben für umsonst“? Habt ihr vielleicht Ideen, was man anders oder besser machen könnte?

26 Responses to “Über den Online-Filmjournalismus – Alles umsonst?”

  • patrick says:

    Dirngend notwendige Worte. Ich will mich gar nicht in dem Maß beschweren, wie du es hier tust, da ich es so sehe, dass ich für mein Hobby wenigstens ein wenig dazuverdiene. Damit bin ich wohl auch Teil des Problems und vielleicht muss ich das noch einmal überdenken.
    Leider geht es ja dem Print-Journalismus in dem Bereich nicht viel besser. Magazine und Zeitungen sterben ja auch weg, wie sonst was. Dass die restlichen dann sehr vorsichtig sind mit den Zahlungen ist irgendwie auch verständlich. Das Interessante ist, wo das Problem anfängt: Nämlich beim Konsumenten (und auch das sprichst du ja kurz an) und der Wertschätzung von Journalismus im kulturellen Bereich.
    Eine Diskussion ist hier auf jeden Fall schon lange fällig. Und das am besten über die Grenzen der Blogosphäre hinaus!

    • filmosophie says:

      In gewisser Weise sind wir alle „Teil des Problems“. Ich lese jedenfalls auch fast ausschließlich kostenlos im Internet. Ich habe keine Tageszeitung und keine Magazine abonniert. Damit gehöre ich im Grunde auch zu den Konsumenten, die nicht für eine „Dienstleistung“, nämlich Journalismus, bezahlen.

  • dennis says:

    Ich finde den Artikel auch sehr interessant und bin auch der Meinung diese Thematik zur Sprache zu bringen. Vielleicht wäre es durchaus sinnvoll zu diesem Thema auch einmal eine Diskussionsrunde unter Filmkritikern und Verantworlichen zu organisieren.

    Die Krux bei der Sache ist, dass mit dem Internet jeder die Chance hat sich Online Kritiker oder Online Journalist zu nennen. Was wiederum gut ist, weil das Internet als demokratisches Medium es jedem ermöglicht seine Meinung zu äußern und so die Vielfalt der Meinungen erhört. Es steht aber auch außer Frage, dass viele Menschen diese neue Freiheit auch nutzen, um einfach nur ihren Frust zu äußern – was sich dann in den meisten Fällen in Form von Kommentaren äußert.
    Auf der anderen Seite macht es diese Masse an Nutzern auchwieder schwierig aus der selben hervorzustechen. Was wiederum ein Problem ist, wenn man mit Online Journalismus sein Geld verdient.

    Hinzu kommt auch noch das Problem, dass in unserer „Geiz ist geil“-Gesellschaft glaube ich mehr den je – ohne jetzt eine Wertung an bestimmten Texten zu machen – gute Arbeit nicht richtig gewürdigt wird. Das spiegelt im Grunde genommen die Situation wider, dass es immer jemanden gibt der es billiger macht. Dann stellen sich die Redaktionen wieder die Frage: „Warum mehr bezahlen, wenn ich es auch billig haben kann?“. Ein Teufelskreis, gute Arbeit wird nicht belohnt und am Ende leidet die Qualität der Texte darunter

    Das Problem ist aber nicht zwangsläufig auf den Online- oder Printjournalismus begrenzt. Es ist leider ein generelles Kulturproblem bzw. ist es leider so, dass für Kultur zu wenig Geld ausgebeben wird. Wie sagte einst der dänische König Christian VIII zu seinem Finanzminister: „Arm und elend sind wir. Wenn wir jetzt auch noch dumm werden, können wir aufhören, ein Staat zu sein“.

  • Mondwald says:

    Na dann Werbeblocker auf den Seiten, die man gerne liest, aus. Und ab und an mal auf die Werbung geklickt.

  • sebastian says:

    Ich sehe das etwas kritischer. Mein Kommentar wurde etwas zu lang, deshalb habe ich ihn auf meinem Blog veröffentlicht.
    http://hirnrekorder.de/2013/12/re-uber-den-online-filmjournalismus-alles-umsonst/

    • filmosophie says:

      Danke für Deinen ausführlichen Kommentar. Eine kleine Korrektur: Ich lebe nicht ausschließlich von der Filmkritik. Filmkritik und Filmjournalismus sind für mich zwei verschiedene Dinge. Während erstere nur die Besprechung eines aktuellen Films umfasst, beinhaltet letzterer Interviews, Kolumnen, Newsartikel – einfach alles, was sich mit dem Medium Film beschäftigt.
      Ich glaube auch nicht, dass die „Schuld“ bei den Auftraggebern liegt. Es ist ein sehr viel komplexeres System, mit dem wir es hier zu tun haben. Über das was Du im Anschluss daran aber über Festivals und die sich gegenseitig fütternde Umsonst-Kultur sagst, bin ich anderer Meinung. Natürlich freut sich jeder Filmliebhaber über eine Festivalakkreditierung. Für mich persönlich geht es dabei aber nicht darum, umsonst Filme sehen zu können, sondern darum, auf diesem Festival durch meine Artikel Geld zu verdienen. Und das ist genau der Punkt, um den es mir geht. Sicherlich sehen viele das Schreiben über Film als Hobby. Und das ist auch vollkommen in Ordnung. Es gibt aber auch Leute, die dies als Beruf sehen und daran ist auch nichts falsch. Kulturjournalisten gibt es in allen Bereichen und es erschließt sich mir wahrlich nicht, warum der Konsum der Kultur, die man beschreibt, schon Lohn genug sein soll! Viele Kolleginnen und Kollegen sehen es als Geschenk an, einem solchen Job nachgehen zu können. Dafür müsse man nicht auch noch durch Geld entlohnt werden. Nun, ich würde mal sagen, ein Hollywoodschauspieler hat auch einen tollen Job, würde aber nie auf die Idee kommen, dass er dafür kein Geld bekommen muss!
      Dann schreibst Du, Filmkritiken würden keine Einnahmen generieren. Genau darauf bin ich in meinem Artikel eingegangen. Es ist doch ein Trugschluss zu glauben, allein Werbung würde Einnahmen generieren. Werbung funktioniert auch nur im Zusammenhang mit Inhalten. Auf eine leere Seite wird niemand klicken.
      Du hast Recht, dass Filmkritik oder -journalismus herausstechen muss, dass wir uns profilieren müssen, um Geld zu verdienen. Einverstanden. Eine starke Meinung, garantiert aber noch kein starkes Honorar. Ich kenne viele sehr gute Schreiberlinge, die starke Meinungen haben, Nischen abdecken oder sich wie auch immer durch ihre Arbeit hervortun, die trotzdem nicht entsprechend entlohnt werden, bzw. für die es einfach keine Möglichkeit gibt, mit diesen Dingen Geld zu verdienen. Filmkritik und Filmjournalismus hat einfach keinen Wert, auch innerhalb der jeweiligen Unternehmen sind die Autoren viel unwichtiger als die Leute, die für Anzeigen, Marketing, Programmierung etc. zuständig sind. Das halte ich für falsch.
      Ich finde, Du machst es Dir ein bisschen einfach. Du sagst: Zeigt mir etwas, unterhaltet mich. Damit schiebst Du die gesamte Verantwortung zum Autoren zurück. Bei Dir klingt es, als würden wir freiwillig einem Text nur 90 Minuten widmen. Dabei entspringt diese Realität einem ökonomischen Zwang. Ich persönlich würde sehr gerne umfassende Kritiken schreiben, für die ich auch mal einen anderen Film ergänzend sichte oder Sekundärliteratur lesen, um wiederum meinem Leser einen größeren Mehrwert zu bieten. Dafür werde ich aber nicht bezahlt. Ich werde für „Bulimi-Kritik“ bezahlt: Film rein und Text schnellstmöglich raus.
      Ich sehe das andersherum: Wenn Interesse an „besseren“ (was auch immer das individuell bedeutet) Kritiken besteht, muss auch dem Konsumenten klar sein, dass diese Leistung etwas kostet und wir müssen gemeinsam überlegen, wie wir diese Kosten decken können. Oder wir lesen einfach nur noch Blogs. Mir geht es um Fairness: Ist das ein Hobby-Blog, dann schreibe ich gerne umsonst. Ist das ein professionelles Unternehmen, das Einnahmen generiert, dann möchte ich – wie jeder andere Mitarbeiter auch – angemessen bezahlt werden. Ich finde, das ist nicht zu viel verlangt!

      • sebastian says:

        Mir ist dein Standpunkt vollkommen klar. Ich weiß, dass es dir darum geht dich kopfüber in deine Passion zu stürzen, hart dafür zu arbeiten und entsprechend dafür bezahlt zu werden. Wenn rübergekommen sein sollte, dass ich dich auf eine Stufe mit Hobbybloggern stelle, hast du mich falsch verstanden.
        Mein Punkt ist, dass sich meiner Meinung nach die Texte für die bezahlt wird zu wenig von denen unterscheiden, die ein Hobbyprodukt sind. Und das ist sicher ein Henne-Ei-Problem. Ihr bekommt zu wenig Zeit für einen Text bzw. zu wenig Geld um ein höheres zeitliches Investment zu rechtfertigen. Dadurch wird Filmkritik zu einem Massenprodukt ohne ein Alleinstellungsmerkmal.
        Irgend jemand müsste eben diesen blöden Kreislauf durchbrechen. Wenn du dir beispielsweise nun doppelt so viel Zeit nehmen würdest, um einen Artikel zu schreiben, diesen mit Hintergrundinfos, Witz und ähnlichen anzureichern, wäre es doch möglich damit zwischen allen anderen, die ihre Texte so schnell es geht raushauen, aufzufallen. Wenn dies ankommt, würdest du damit deinen Marktwert steigern und könntest wenigstens darauf hoffen in der oberen Bezahlkategorie zu landen oder einen dauerhaften Gig zu landen.
        Sicherlich ist zweifelhaft, ob der Arbeitgeber dazu bereit ist mehr zu bezahlen, aber ich bin der Meinung, dass Qualität immer siegt. Schaut man sich Seiten wie thedissolve.com an sieht man, dass es funktionieren kann (ohne deren Businessmodell zu kennen).

        Mit meiner Äußerung „Filmkritiken generieren keine Einnahmen“ meinte ich nicht, dass eine leere Webseite das gleiche brächte, sondern dass es eher die etablierte Plattforn ist, die den Leser zieht und nicht der Kritiker. Spräche sich herum, du würdest an Ort XY regelmäßig ganz tolle Sachen machen, die aus der Masse rausstechen und gerne gelesen werden, würdest du damit den Wert der Seite steigern und somit aktiv Einkünfte generieren. So lange es für die Seitenaufrufe egal ist, wer für den Inhalt an der Tastatur saß, seid ihr alle austauschbar und so dem ständigen Preisverfall ausgesetzt.
        Dein Vergleich zum Hollywoodschauspieler hinkt somit massiv, weil diese Arbeit nicht jeder zweite Hobbyist abliefern könnte.

        Natürlich garantieren all diese von mir angesprochenen Dinge keine angemessene Bezahlung, aber — so denke ich — sind sie eine notwendige Bedingung in einem so umkömpfen Markt. Man muss einfach besser sein als der Rest. Webdesigner haben sicherlich mit einem vergleichbaren Problem zu kämpfen. Jeder denkt, er könne sich seine Webseite selber basteln und was ich selber kann, dafür will ich nicht bezahlen. Daher muss sich der Webdesigner durch seine Expertise absetzen und sich und seine Fertigkeiten entsprechend verkaufen, seine Dienste unverzichtbar machen.

        Mit deinem letzten Punkt stimme ich übrigens vollkommen überein. Ich verstehe den Zwang bei einer pro-Text-Bezahlung möglichst schnell zu arbeiten. Aber glaub nicht, dass ich so etwas lesen möchte. Zeigt doch wie es besser geht. Miese Bezahlung bekommt uninspirierte Texte und bringt die guten mit Herzblut und Mehrwert woanders heraus. Wenn irgendwann auffällt, dass „guter“ Filmjournalismus woanders stattfindet und nicht dort, wo scheiße bezahlt wird, kann sich etwas ändern. Wenn nicht, dann ist sowieso Hopfen und Malz verloren.

        • filmosophie says:

          Danke für Deine Antwort. Jetzt habe ich vieles besser verstanden. Ich glaube, grundsätzlich sind wir einer Meinung.
          Aber noch mal aus meinem Erfahrungsschatz: Ich habe damit angefangen, mir viel Zeit zu nehmen. Das hat mich nirgendwo hingebracht. Auch das Feedback der Leser, insofern es welches gab, war vom Aufwand unabhängig. Im Gegenteil hatte ich das Gefühl, je mehr ich recherchiert hatte, desto mehr wurde gemeckert. Da hatte ich dann irgendwann keinen Bock mehr drauf. Was die Bezahlung angeht: Viele Arbeitgeber KÖNNEN aus Gründen der Unternehmenspolitik nicht mehr zahlen, selbst wenn sie der Meinung sind, meine Arbeit sei mehr wert. Das ist ja das Perverse und auch das Entmutigende an der Sache. Wenn ich das Gefühl hätte, durch mehr oder bessere Arbeit, mehr zu verdienen, wäre ich nicht so frustriert!

        • Das erinnert mich auch daran, daß selbst in den Fernsehprogrammen die Laien herumhopsen wie wild.

  • Wie sagt man? Ich habe keine Lösung aber ich bewundere das Problem?

    Der Knackpunkt dieser Situation ist doch, daß im Internet zwei Seiten zusammen treffen. Gut oder schlecht, das Internet hat seinen Weg als ein Medium der Freiheit gemacht, die seit der ersten Kommerzialisierung immer mehr beschnitten worden ist. Diese Freigeistigkeit, diese zeitweilige Robin Hood Mentalität, widerspricht natürlich in gewissem Sinne dem, was ein Dienstleister für seine Existenz benötigt.

    Man wettert so schön ins Blaue, man habe verpennt, das Netz für Verwertungen von Musik oder Filmen urbar zu machen. Journalismus steht da nicht weit von entfernt. Es muß außerdem ja seinen Grund haben, warum ein Online“journalist“ in der Regel zu Printprojekten neigt, um auch einmal einen Geldfluß zu erleben.

    Mit meinen bescheidenen Qualifizierungen stehe ich definitiv auf der DIY-Seite. Ich schreibe seit dem letzten Jahrtausend schon in unterschiedlichsten Formaten, weil ich Spaß daran habe. Dann Anerkennung im Sinne einer Prestigepublikation zu erfahren oder wirklich mal Geld zu bekommen, das ist ein Kompliment, genauso wie es früher die Kostendeckung eines handkopierten Fanzines war. Aber das hat nichts mit Lebensunterhalt zu tun. Der kommt woanders her, wo zusätzliche Erfahrung aber nicht schlecht sein muß.

    Genauso ist es natürlich nett, auch Rezensionsexemplare zu erhalten. Der eine Hobbyautor nutzt dies mehr aus, der andere weniger. Da ich aus einem anderen Bereich die Zusammenarbeit mit Agenturen nur zu gut kenne und weiß, wie sehr man mit Dingen zugeschmissen wird, von denen eine Besprechung innerhalb von zwei Wochen einfach erwartet wird und man sonst halt aus dem Verteiler fliegt, halte ich mich zur Freude des Handels unabhängig und gebe gute 4-stellige Summen im Jahr aus, um zu sehen und zu besprechen was ich will.

    Zugeben muß ich, daß ich als Leser an kommerziellen Publikationen aber auch nicht sonderlich interessiert bin. Ich bin interessiert die Meinung eines anderen zu lesen, sehe von den angebotenen Formaten ausgehend jedoch keinen Mehrwert im Sinne eines Archivs, dem ich notwendige Informationen entnehmen kann. Warum soll ich dafür zahlen? Genauso gebe ich offen zu, Werbung nach Möglichkeit zu blocken.

    Werbung ist ohnehin ein schwieriges Thema im Netz. Der digital Native hat doch schon längst einen Tunnelblick entwickelt, der simple Banner gar nicht erst in der Wahrnehmung erscheinen läßt. Daraus folgende Werbestrategien mussten demzufolge auch aggressiver ausfallen und wenn man mit dem gleichen Desinteresse daran geht, sprich diese Werbung ohnehin nur genervt wegklicken würde und bestenfalls nur einen Hass auf das beworbene Produkt ausbilden würde, dann kann man es auch gleich unterbinden.

    Wie man im Internet dann Geld verdienen soll? Ich habe keine Ahnung. Bei Musik und Film hege ich ja noch einen gewissen Idealismus, der mich glauben läßt, ein gutes Produkt würde auch seine Belohnung erhalten. Ob es diese Honorierung speziell für Onlineschriften (noch) gibt, weiß ich nicht. Vielleicht ist es dabei arrogant zu glauben, daß man als selbst kostenfrei beitragender sich auch eine Gegenleistung verdient hat. Vielleicht ist das auch eine soziale Tauschwährung der Zukunft? Denn ich kann es viel besser verstehen, daß die jenigen, die nichts leisten, auch nichts in den Popo geschoben bekommen sollen.

    Dabei ist es ja nicht nur der „Journalismus“, sondern es sind z.B. auch die kleinen Hilfen in Communities und die stundenlange Arbeit bei der akribischen Pflege von Datenbanken, die zu den Grundfesten einer Netzkultur gehören.
    Was die kommerziellen Anbieter daran hindert, sich nicht einfach auf ein kostenpflichtiges Angebot zu reduzieren, ist ja, daß ein gewisser Respekt vor dem vorhandenen Angebot besteht. Im Internet ist jeder Verlag einer Streuung von Informationsschrapnells konfrontiert, deren „Defragmentierung“ sich andere Konzerne zur Aufgabe gemacht haben, von denen der Marktführer zumindest gute Gewinne einfährt.

    Man könnte es damit abtun, daß es eine Verlagerung gibt, von der man sich zurückziehen kann oder teilnimmt, weil man eben doch etwas mitverdienen möchte. Ganz so einfach ist es nicht. Vor allem kann die Arbeit eines Journalisten nicht obsolet sein, weil es durchaus erforderlich ist, mit einer zuverlässigen Arbeit gegen die Beiprodukte der Onlinefreiheit zu stehen, die von Irreführung und Falschinformation nur so durchwachsen ist. Nur wissen wir doch, daß sich immer mehr Profis auch nur fahrig auf Onlinequellen verlassen um schnell noch die aktuelle Info liefern zu können, bevor sie wirklich überall zu lesen ist.

    Wir sehen es immer mal wieder bestätigt, daß die angeblich so andere Journalistik von den gleichen Fehlern befallen ist, wie sie die Amateure auch begehen. Dieser Kurs kann ja nur zu einer Angleichung führen, die den Journalisten zum Hobbyisten herabbstuft. Naürlich habe ich auch keine frische Idee, welche zu einer Änderung führen würde. Es liegt meiner Ansicht nach jedoch auf der Hand, daß Kosten auch durch einen Gegenwert legitimiert werden sollten.

    Ich halte das Internet in gewissen Bereichen für bereits tot, weil sich ein völlig neues Gesicht entwickelt hat. Im Grunde ist es nämlich so, daß der Idealismus längst eingeschlafen ist und die User, die sich eventuell heute anderen Verpflichtungen unterwerfen müssen viel zu wenig durch ambitionierten Nachwuchs ersetzt werden. Ganz oft muß es schnell und einfach sein. Als Autor von mehr als einem Absatz ist man schon ein Exot, der seine Meinung vermutlich über Youtube oder einen Podcast besser unter die Leute bringen könnte.

    Diesen Schritt gehen derzeit viele Blogger, vielleicht auch, weil sie in Zukunft wie die anderen Shootingstars dieses Schmelztiegels von den sich immer stärker aufdrängenden Werbespots der Videoplattformen profitieren wollen. Vielleicht ist die Webseite als solches auch ein Konzept, welches man schon heute vollkommen überdenken muß. Vielleicht tanzen wir schon lange auf einem Aschehaufen, aus dem die Lösung emporsteigt, sobald die nächsten 200 E-Reader verkauft sind?

  • Alex says:

    Liebe Sophie, du weißt, dass ich grundsätzlich auf deiner Seite bin, aber ich kann leider nicht zu hundert Prozent in deine Klage einstimmen. Tatsache ist: Niemand hat einen Anspruch darauf, von selbstständiger Arbeit leben zu können. Es mag sein, dass die Bezahlungen total unangemessen sind und sich dahinter eine geringe Wertschätzubg der Dienstleistung verbirgt – das will ich gar nicht in Abrede stellen – aber daraus ist leider nicht die einzige Schlussfolgerung, dass die Wertschätzung und die Löhne steigen sollten. Es könnte auch sein, dass Filmjournalist schlicht für sehr wenige Menschen eine Lebensgrundlage ist – so wie Sportler zum Beispiel auch. Ich glaube nicht, dass man das durch gute Willensbekundungen und co ändern kann. Ändern könnte es nur eine breite Organisation, die dann aber auch gesellschaftlichen Rückhalt erfährt (Stichwort Gewerkschaften) oder der Gesetzgeber. Beides sieht zurzeit schlecht aus. Ich drücke dir die Daumen, dass du einen „break“ bekommst und ich verstehe deinen Frust – aber das ist leider alles ein Teil dessen, was das Internet verändert.

    • filmosophie says:

      Hi Alex,
      Du hast sicherlich Recht, dass Filmjournalismus als Beruf auszuüben einfach ein Privileg ist. Und ich stimme auch zu, dass es einer großen Umstrukturierung bedarf, um etwas an der Einkommenssituation von Online-Journalisten zu ändern. Und leider stimme ich auch zu, dass es gerade nicht so aussieht, als würde das passieren.
      Ein Privileg darf der Filmjournalismus gerne sein, nur möchte ich nicht das Gefühl haben, mit meinem Engagement und meiner Arbeitsleitung ausgenutzt zu werden. Ich denke, dass man da schon differenzieren sollte. Ich kann wenige Leute für angemessen viel Geld arbeiten lassen (z.B. indem ich Filmredakteure ANSTELLE, mal ne ganz abgefahrene Idee) oder ich kann viele Leute für sehr wenig Geld arbeiten lassen. In ersterem Fall sprechen wir von einem Privileg, dass man sich evtl. mit guten Leistungen erarbeiten kann. Bei letzterem aber sprechen wir meiner Meinung nach von einem grundlegenden Fehler im System, der auf lange Sicht auch die Qualität der Inhalte zum Negativen verändern wird. Natürlich ist das nur meine Meinung.
      Und schließlich glaube ich, dass vielen Leute der Situation der Internetschreiber, wie ich sie mal ganz allgemein nennen will, nicht bewusst sind. Ich werde häufig gefragt, ob ich von meinem Blog leben kann. Vielen ist gar nicht klar, dass das Internet ohne Werbung kein Geld produziert, was in gewisser Weise absurd ist. Schließlich konsumieren hier alle umsonst, aber keine macht sich das klar. Deshalb finde ich, dass es wichtig ist, auf diese Dinge immer wieder hinzuweisen, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen!

  • Andrea M. says:

    Ein allzu bekanntes Problem, welches tatsächlich nicht nur den Online-Journalismus betrifft, sondern alle kreativen Arbeiten, die zum Nachahmen motivieren oder Prestige bringen oder einfach zu konsumieren sind – dank des Internets oder eines Angebotsüberflusses.

    Ich habe lange in kleinen Filmverleihs gearbeitet, die bekanntlich ja auch zusehen müssen, wie sie ihr Geld zusammenhalten, besonders wenn die Filmverleihförderung mal wieder ganz anders entscheidet – mit welchen Begründungen, das ist einer weiteren Diskussion würdig. Da wurden Grafiker gebraucht – das ist mein „Lieblings“-beispiel für den desolaten Zustand des respektvollen Arbeitsverhältnisses -, für die natürlich Geld bezahlt werden musste. Da das Budget knapp ist, der Auftrag für einen Grafiker jedoch sehr schön in dessen Vita passt, wurden Dumping-Preise angenommen, und statt die üblichen 2000 € für die Gestaltung des kompletten Werbematerials, bekam man alles für schlappe 700 – 900 € – gefunden hat man immer Studenten oder Berufsanfänger, die das mitmachten. Auf der Strecke blieb als erstes die Moral und als zweites die Qualität. Aber um die ging es ja auch gar nicht mehr. Es musste nur noch irgendwie passen und man musste mit der Masse mithalte können.

    Diese Erfahrungen machte ich allerdings nicht nur bei Klein-Verleihern. Wenn ich mir die Job-Ausschreibungen so ansehe, fällt mir regelmäßig auf, wie viele Praktikanten gesucht werden. Da kommt man auf die Frage, ob alle (vor allem kreativ orientierte) Firmen nur noch aus Praktikanten bestehen…

    Im Zeitalter des Internets ist es dann auch nicht verwunderlich, dass es vieles sogar „umsonst“ gibt. Der Zugang zum Internet ist einfach, content im Internet zu veröffentlich ist auch einfach. Und die Qualität leidet darunter, weil die Erwartungshaltungen auch sinken (ist ja schließlich umsonst). Diejenigen, die sich trotz allem bemühen, Qualität zu liefern, gehen in der Masse unter. Die Wertigkeiten haben sich komplett verschoben, aber die Rahmenbedingungen nicht. Es wird konsumiert, was das Zeug hält, doch bezahlen will keiner mehr. Und da die Missstände nicht allgemein sind, sondern nur spezielle Gruppen betrifft, gibt es auch keinen Aufruhr. Die großen Film- und Musikstudios werden als Giganten gesehen, die den Geldverlust durch Piraterie ja wohl abkönnen, Autoren gibt es extrem viele im Internet (welcher Qualität auch immer), so dass man den einzelnen aus den Augen verliert und nicht mehr darüber nachdenkt, dass der/ die Einzelne Zeit und Arbeit investierte. Und vor allem, das Internet „entkoppelt“ von Verantwortung der Konsumenten – steht ja alles frei zur Verfügung (oder kann mit frei zur Verfügung stehenden manuals geknackt werden).

    Ich bin mir nicht sicher, ob Demonstrationen noch irgend etwas bringen, denn selbst die gibt es inzwischen fast jeden Tag. Und fast jeden Tag auch für begründete Missstände. Doch der Effekt des „Wachrüttelns“ will sich nicht mehr einstellen, weil man sich bereits an den lauten Ton gewöhnt hat.

    Das Internet ist im Gesamten noch recht jung und hat gerade erst angefangen, Fragen aufzuwerfen. Genauso wie Piraterie gerade erst anfängt, ein neues Lizenz-Modell notwendig zu machen. Vielleicht muss es erst mal dazu kommen, kostenlose Webseiten komplett abzuschaffen, dass jeder content wieder bezahlt werden muss – so wie es auch mit jedem Buch oder jeder Zeitschrift einst war. Und vielleicht kommt man dann auf Modelle, die tragfähiger sind…

  • Philipp Süßmann (@Konsumkind) says:

    Liebe Sophie, ich verstehe deinen Frust, da wir ja quasi im selben Bereich arbeiten, weiß ich nur zu gut, wovon du sprichst/schreibst.

    Ich persönlich habe für mich allerdings schon lange den Schluss gezogen:
    Filmkritik (als Text) ist tot. Toter als tot. Zumindest als bezahlte Profession. An sich ist es schon ein harter Trugschluss zu glauben, das wäre wirklich jemals ein tatsächlicher Karriereweg gewesen. Ich würde jetzt einfach mal behaupten, dass es selbst zu den Hochzeiten des Print-Journalismus in der Bundesrepublik vielleicht gerade einmal 50 Menschen gab, die sich ehrlich mit der Berufsbezeichnung „Filmkritiker“ schmücken konnten. Heute ist dieser Pool nochmal ordentlich geschrumpft, gleichzeitig ist der Pool derer, die es theoretisch sein wollen, nochmal ordentlich gewachsen, hast du ja alles schon aufgeführt.

    Aber ganz ehrlich, du argumentierst auch relativ naiv und idealistisch, denn:
    Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob „Filmkritiker“ ein Job ist, den es geben muss. Beziehungsweise andersum: Der Markt bestimmt, wie etwas bezahlt wird und ob überhaupt etwas bezahlt wird, so funktioniert das im Kapitalismus nun einmal. Dein Beispiel mit der Friseurin geht da nur bedingt auf, denn es stimmt zwar, dass niemand darauf kommen würde, die Friseurin würde Dir umsonst die Haare schneiden. Wenn aber vor deren Salon 20 Leute warten, die dir umsonst die Haare schneiden würden, ohne dass du einen spürbaren Unterschied sähest, dann wäre die bezahlte Friseurin auch ganz schnell ihren Job los.
    Und genau das ist die Situation im Online-Journalismus. Nur dagegen kann man eigentlich nur eines tun: Sich selbst wertvoller machen. Als Person über seinen Ruf oder sein Können einen derartigen Mehrwert bieten, dass es sich schlicht und ergreifend wirtschaftlich rentiert, dir etwas zu bezahlen, anstatt es den 19jährigen Studenten es umsonst als Hobby machen zu lassen.
    Nur da kommen wir gleich zu den zwei wesentlichen Problemen: Problem Eins: Die meisten Seitenbesitzer/Chefredakteure/CvDs können einen gut geschriebenen Text nicht von einem Apotheken-Beipackzettel unterscheiden. Für die zählt meistens dass es grammatikalisch wenigstens rudimentär richtig ist und die Mindestvorgabe an Zeichen erfüllt ist – die lesen doch meistens den Kram, der auf ihren Seiten steht nicht mal selbst. Aber den Mangel an redaktioneller Betreuung hast du ja auch selbst schon bemängelt.
    Aber das ist ja letztlich ein Symptom für etwas ganz anderes, nämlich:
    Es interessiert einfach keinen mehr. Filmkritik als Textform ist schlicht nicht mehr zeitgemäß. Es spricht kein größeres und vor allem kein jüngeres Publikum mehr an. Mal ehrlich: Wann habt ihr euch das letzte Mal eine ausführliche deutsche Kritik zu einem Film durchgelesen? Ich schreib‘ den Kram und nicht mal ich mach das mehr!
    Das Genre hat sich verlagert und ist in andere Medienformen aufgegangen. Stichpunkte Podcasts, also Audiodiskussionen und vor allem Video. Schaut euch mal an, was Auftritte wie „The Nostalgia Critic“, „Red Letter Media“ oder sogar Frank Tausch (RIP) machen – da liegt die Zukunft! Aber als Textform ist die Filmkritik, zumindest als Beruf, mausetot. Denn jeder kann schreiben. Und damit meine ich nicht, dass jeder gut schreiben kann. Sondern jeder kann Texte in ein Keyboard hacken. Und das reicht – daran ist die allgemeine demokratisierende Wirkung des Internets Schuld, aber natürlich auch Seiten wie Moviepilot, die dieses „Jeder ist Kritiker“-Prinzip ja auch aktiv herausstellen. Ganz abgesehen von Meta-Scores wie auf RottenTomatoes oder der IMDB. Um aus der überwältigenden Masse herauszustechen, ja da muss man schon wirklich etwas ganz außergewöhnnliches bieten. Aber ein geschriebener Text, der eine individuelle Meinung über einen Film wiedergibt? Das reicht einfach nicht mehr, egal wie gut der geschrieben ist oder wie interessant die dort formulierten Gedanken auch sein mögen.
    Cause sadly, no one gives a fuck. Da kann man sich jetzt noch so sehr hinstellen, mit dem Fuß stampfen und „Menno, ich will aber!“ schreien. Die Profession, sofern sie überhaupt je eine war, hat sich schlicht überlebt.

    • filmosophie says:

      Alles richtig. Ich habe meine eigene Naivität ja bereits eingeräumt. Allerdings habe ich im vergangenen Jahr durchaus versucht, mich zu profilieren. Durch Fleiß, die Bereitschaft zu Festivals zu reisen, thematisch (Feminismus, Kinderfilm) und durch Zuverlässigkeit. Und wohin hat es mich gebracht?

      Ich denke, dass es durchaus einen Qualitätsunterschied gibt zwischen jemandem, der hauptberuflich schreibt und jemandem, der das als Hobby macht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich im vergangenen Jahr, in dem ich ausschließlich Filmjournalismus (nicht nur Kritik!!) betrieben habe, deutlich bessere Texte verfasst habe als im Jahr davor, als ich nebenbei noch eine Ausbildung absolviert habe, einen Nebenjob hatte, etc. Aber Du hast Recht: Die Qualität interessiert niemanden. Die Auftraggeber ebenso wenig wie die Leser! Deshalb ist es schlichtweg egal, ob ich eine Kritik von einem Hobbykritiker schreiben lasse, der sich darüber freut, publizieren zu können, oder von einem „Hauptamtlichen“, den ich dann aber leider bezahlen muss.

      Wie ich eben schon auf Alex‘ Kommentar sagte: Mir geht es vor allem darum, darauf aufmerksam zu machen, weil Vielen nicht klar ist, dass das Internet kein Geld produziert. Und ich finde es grundsätzlich – unabhängig, ob es sich um Schreiber, Grafiker oder sonstwas handelt – nicht richtig, dass Arbeit auf Praktikanten oder schlecht bezahlte Freie abgewälzt wird, die eigentlich angemessen bezahlt werden sollten. Aber da sind wir wieder bei dem was Alex sagte: Da müsste sich eine Gewerkschaft oder ähnliche Organisation einschalten, um das zu ändern.

  • Philipp Süßmann (@Konsumkind) says:

    Die Gratismentalität im Netz ist das große Problem, hier hat die Netzkultur einfach viel zu lange ein völlig falsches Bewusstsein bei den Konsumenten herangezüchtet.
    Es gibt das schöne Sprichwort „Was nichts kostet ist nichts wert.“ Und genau da liegt der Hund begraben.

    Den Leuten ist in den letzten 15 Jahren schlicht die Erwartungshaltung anerzogen worden, dass alles, was im Netz zur Verfügung steht, gefälligst umsonst zu sein hat. Und lange Zeit war das Internet ja auch ein Hort für Hobbymacher und stiefmütterliche Zweitverwertung. Mittlerweile ist das Internet als Content-Produzent längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, die Nutzermentalität ist aber im Grunde dieselbe geblieben. Das wandelt sich langsam, mittlerweile sind die Leute es gewöhnt, für Musik, Filme oder Apps im Netz auch zu bezahlen. Doch ein überwältigender Teil der Leute und das merke ich immer wieder, macht sich über den Aufwand, der hinter vielem Content steckt, keinerlei Gedanken und ist auch nicht bereit, sich die zu machen.
    Aber letztlich ist das kein Problem der Filmkritik sondern aller Richtungen im Bereich „Journalismus“.

    • Das geht ja sogar soweit, daß man in Foren als Buhmann angegangen wird, wenn man negativ auf User reagiert, die einfach Texte von anderen einkopieren und dann noch dreist dabeischreiben, sie seien gerade zu faul, um selber etwas zu verfassen. Und genau das ist die selbstzerfleischende Situation.

  • Mit dem Problem sind wir nicht allein. Das klingt ja bereits in den Kommentaren an – das betrifft nicht nur Filmjournalisten, Grafiker, Schauspieler oder Filmemacher. Machen wir’s kurz – es zieht sich durch alle Berufe (Spitzenmanager und Aufsichtsräte vielleicht einmal ausgenommen) und man könnte es an dem Begriff „Gesetzlicher Mindestlohn“ fest machen. Der wird aber nicht kommen, auch 2017 nicht.

    Es sei denn, wir werden unserer politischen Verantwortung bewusst, und die beginnt nicht erst da, wo wir selbst betroffen sind. Dann ist es zu spät.

    Wenn wir glauben, dass wir eh nichts erreichen können, dann ist es zu spät.

    Wenn das geschriebene Wort nicht mehr mächtiger ist als die Algorithmen, die uns scannen (nicht lesen), dann ist es zu spät.

    Wenn wir Filme und die Gesellschaft in der sie beworben und gezeigt werden nicht besser beschreiben, dann haben wir auch nichts zu sagen. In all dem Dünnpfiff den es überall zu lesen gibt, ist nichts leichter, als daraus hervor zu stechen. Vorausgesetzt es gäbe noch Leser. Denn so wie wir schreiben werden wir auch gelesen. Oder eben nicht.

    Studiert unseren Papst, Georg Seeßlen – der schreibt sich die Seele aus dem Leib: http://www.seesslen-blog.de/ – von seinen Kritiken lebt er übrigens auch schon lange nicht mehr, und nach seinen kommt lange nichts. Aber er weißt uns den Weg. Kryptisch, verkopft vielleicht, und damit eben auch „abhörsicher“.

    Wenn nur ein Absatz gelesen wird, dann müssen wir den eben richtig schreiben. Dann muss der erste Absatz sitzen, oder schon alles in ihm gesagt sein. Dabei darf er sich nicht vor dem Politischen verschließen. Die Filme heute sind so scheiße wie ihr Publikum. Wir schreiben viel zu brav darüber, zu wenig aufklärerisch. Damit meine ich nicht bekehrend. Sondern mit Einsicht.

    Es gibt ein Wort dafür, dass zum Ausdruck bringt, was unserer Sprache fehlt, ihr abhanden gekommen ist. Jene, die mehr sagt, als das geschriebene Wort, jene, die sich unscannbar zwischen den Worten ausdrückt, in der Hegel’schen Synthese, oder eben der Lyrik. Geld verdienen kann man damit nicht, oder eine Familie ernähren. Aber mit Worten Bilder in die Köpfe malen, die uns verändern, was den Kinobildern immer seltener gelingt. Dann ist es unsere verdammte Pflicht, dem Publikum die Bilder zu beschreiben, die sie dort nicht sehen. Schreiben wir aus dem Antrieb um davon leben zu können, oder weil wir etwas zu sagen, zu zeigen haben?

    “We are generation 89. We are evolution!”

    • filmosophie says:

      Danke für Deinen Kommentar. Besonders gefällt mir der Satz „Wenn wir glauben, dass wir eh nichts erreichen können, dann ist es zu spät.“ Denn was mich oft noch mehr nervt als die niedrigen Honorare (gerade gestern wurden mir grandiose 20€ pro Kritik angeboten), ist die Resignation vieler Kollegen. Unter dem Motto „Es ist eben wie es ist“ wird sich arrangiert, bequem zurück in den Kinosessel gekuschelt und die nächste Hobbykritik zwischen Hauptberuf und Feierabendbier verfasst. Nichts gegen Hobbykritiken, viele Blogs beispielsweise lese ich gerne, aber auch dort lese ich am liebsten eben jene Texte, von denen Du hier wohl auch schreibst, die uns Dinge zeigen, die wir übersehen haben, die uns eine neue Bedeutung des Films in seiner Zeit und Kultur erschließen, die uns zum Nachdenken bringen, statt eine Konsumempfehlung auszusprechen. Für diese Art Filmbesprechung, die ich hier mal ganz bewusst nicht „Kritik“ nennen möchte, aber hat keiner mehr Zeit. Vermutlich, so fürchte ich, ist sie auch nicht gewünscht.

  • Lutz Granert says:

    Hallo Sophie,

    auch ich habe deinen Beitrag eben und natürlich seeeehr spät mit großem Interesse gelesen und vermute, dass es sich für dich inzwischen etwas zum Besseren gewendet hat. Filmkritiken bei Filmstarts.de, derFreitag und selbst im Jenaer Stadtmagazin07 (wie hat es dich denn da hingeschlagen?) sprechen für sich.

    Man hat meiner Meinung nach mehrere Möglichkeiten, mit Filmkritiken ordentlich Geld zu verdienen. Entweder man hat eben eine eigene Marke (das würde in den Kommentaren ja schon angesprochen) und reüssiert im übersättigten Print-Journalismus insbesondere bei größeren Tageszeitungen gegen andere Kollegen – oder man „sammelt“ online durch Doppel- und Dreifachverwertungen von immer etwas abgeänderten Texten zu demselben Film aus vielen kleineren Töpfen Geld ein. Denn je nach Größe der Seite ist eben mit einer eher bescheidenen Bezahlung zu rechnen – so dass Websites, die unter min. 500 000 Klicks im Monat haben, eben schlicht nicht genug mit Werbung verdienen, um Autoren angemessen zu entlohnen. Ein nettes Zubrot ist hier sicherlich die jährliche Ausschüttung der VG Wort, aber die sollte eben nicht Nichtbezahlung rechtfertigen.

    Wie du weißt, zahlen wir als Printmagazin nichts für Filmkritiken. Warum das so ist, müsste dir allerdings unser Verlagsleiter erklären. Ich vermute, es liegt an knappen Kalkulationen bei Film- und Multimedia-Magazinen, an stagnierenden Anzeigenerlösen mit steigenden Kosten für Papier etc. Printmagazine mit Schwerpunkt Film gibt es einfach ebenso zu viele Zeitschriften in dem Bereich wie Autoren oder Schreiber, die sich gern so bezeichnen und für die Filmjournalismus ein Hobby bleibt. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen ist allerdings textlich gesehen oftmals fließend.

    ich selbst bin nebenher übrigens auch Filmkritiker und verdiene damit etwas dazu. Nur allein davon leben, klappt aber nicht. Denn das Werben um das Mitschreiben bei Publikation xy, die eben gut zahlt, ist aufgrund hoher Marktsättigung an Menschen die etwas über Filme schreiben (und teilweise auch qualitativ hochwertig schreiben können) eben langwierig.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Tageszeitungen und große online-Plattformen – da muss man reinkommen. Das wäre zumindest mein Masterplan. Ich wünsche dir jedenfalls auf diesem Weg alles Gute!

    • filmosophie says:

      Lieber Lutz,
      danke für Deinen ausführlichen Kommentar. Leider haben Sich die Dinge nicht zum Besseren, sondern zum Schlechteren gewendet. Aber ich will nicht immer so viel jammern.
      Aber eine Sache musst Du mir erklären: Wie kommst Du darauf, ich hätte fürs Jenaer Stadtmagazin geschrieben? Und für den Freitag schreibe ich auch nicht (da ist ein einziges Mal ein Festivalbericht von mir erschienen). Auch meine Arbeit für Filmstarts ist schon lange Geschichte.

  • Lutz Granert says:

    Nun ja, das waren eben die Sachen, wo ich immer mal wieder deinen Namen gelesen habe. Es sind zumindest nicht die schlechtesten Adressen, wo man Kritiken veröffentlichen kann :).

    Zum Stadtmagazin07 habe ich mich bei FB geäußert.

    • filmosophie says:

      Nur noch mal für die Allgemeinheit, als Information zum Stand des Filmjournalismus: Weder wurde ich darüber informiert, dass meine Texte im Jenaer Stadtmagazin erschienen sind, noch habe ich hier für diese Veröffentlichung eines bereits online erschienenen Textes einen einzigen Cent Honorar erhalten.

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