Out of Nature – Wer bist du, wenn niemand hinschaut?

by on 02/07/2015
© Mer Film

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Martin sitzt in einem kleinen Büro und schaut aus dem Fenster. Draußen laufen Menschen vorbei und er stellt sich vor, was sie für Typen sind, wie sie ticken. Sein Blick scheint nicht gerade menschenfreundlich zu sein. Kein Wunder, denn Martin ist frustriert. Zuhause wartet seine Frau Sigrid (Marte Magnusdotter Solem) und der gemeinsame Sohn Karsten (Sivert Giæver Solem) im gemütlichen Einfamilienhaus, die Kollegen verabreden sich mit ihm auf einen Feierabenddrink, eigentlich ist doch alles perfekt. Aber Martin (Ole Giæver) ist frustriert. Er muss raus. Für ein Wochenende allein wandern in den Bergen. Allein sein mit sich und der Welt.

Out of Nature (Mot Naturen) ist ein brutal ehrlicher Film; ein Film, der die Hosen runterlässt. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch Martin tut das immer wieder. Der norwegische Regisseur Ole Giæver, der hier auch die Hauptrolle spielt, zeigt im Grunde nichts als einen Mann, der allein durch feuchte Berglandschaften wandert und nachdenkt. Aber er tut das auf eine Art und Weise, bei der wir nicht die Augen und Ohren abwenden können. Ständig wechselt er die Perspektive. Eben noch zeigte er Martins Blick auf seine Mitmenschen – dann rückt er Martin selbst in den Fokus und wir Zuschauer sind es, die plötzlich über ihn urteilen.

Dieses Urteil fällt ehrlicherweise nicht immer positiv aus. Ganz im Gegenteil: es besteht hier sogar die Gefahr, die potentielle Antisympathie für den Protagonisten mit dem kompletten Film gleichzusetzen. Das wäre allerdings fatal, denn Ole Giæver hütet sich davor, uns zur Identifikation mit seiner Figur einzuladen. Er hält uns zu Martin auf Distanz. Gerade weil wir die ganze Zeit über per Voice-Over an seinen Gedanken teilhaben dürfen, bröckelt die Fassade des liebevollen und ottonormalen Familienvaters merklich. Martin ist egoistisch und ichbezogen, hat für die meisten Menschen in seiner Umgebung nur Verachtung übrig, Frauen beurteilt er hauptsächlich nach der Größe ihres Hinterteils, seine Eltern haben ihn nie verstanden und seine Frau lässt sich von Castingshows zu Tränen rühren. Man hat sich gehen lassen, in den letzten Jahren. Nicht einmal zu seinem eigenen Sohn findet er ein zufriedenstellendes Verhältnis. Es sind Gedanken wie diese, die so roh formuliert Anstoß erregen, und doch so oder ähnlich in vielen von uns schlummern. Wenn der Alltag zerrt, die Mitmenschen nerven, die eigenen Leistungen nicht den Erwartungen entsprechen. Wer hat dann noch nicht an einen drastischen Schritt gedacht? Neustart, Scheidung, kündigen, einfach verschwinden?

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Meinte man es hämisch, könnte man Out of Nature unterstellen, er sei ein Hipsterfilm. Skandinavische Bergpanoramen, ein Mann (wenn auch ohne Vollbart) lebt seine Naturburschigkeit aus, teure Funktionskleidung kommt zum Einsatz und obwohl man die Einsamkeit schätzt, behält das iPhone natürlich zu jeder Zeit seinen 3G-Empfang. Tatsächlich verbleibt das Werk aber eben nicht an der Oberfläche trendiger Lifestyle-Referenzen. Und aus den politisch inkorrekten Äußerungen Martins macht es keinen Selbstzweck. Die Macho-Attitüde entpuppt sich schnell als Ausdruck eigener Hilflosigkeit, fehlender Orientierung im Umgang mit Menschen, ob lose bekannt oder nahestehend. Als Kommunikationsunfähigkeit und Ausdruck tief sitzender Schuldgefühle. Die prächtige Naturkulisse wird so zu einem Versuch des Selbstbetrugs. Im Angesicht der Wildnis hofft Martin zu sich und seinem Platz in der Welt zu finden. Aber wie soll das funktionieren, wenn das eigene Selbstbild die Sicht versperrt? Schon das Filmplakat fragt: Wer bist du, wenn niemand hinschaut?

Dabei ist es Ole Giævers höchster Verdienst, dass er uns eben doch hinschauen lässt. Indem er beständig die Perspektiven wechselt und uns das durch Schwankungen der Stimmung, durch die Kameraarbeit und den sporadischen Einsatz von Musik auch deutlich macht, hält er uns von dem gedanklichen Leerlauf ab, den sich Martin eigentlich so sehnlich herbeiwünscht. Out of Nature zeigt: wer Martin ist, spielt im Grunde keine große Rolle. Frag dich lieber, wer du bist, wenn niemand hinschaut.

Out of Nature auf der offiziellen Berlinale-Website

https://www.youtube.com/watch?v=z4Lb7VXSPUM

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