Papilio Buddha – Ein langsamer Sog der Gewalt

by on 02/07/2014
© Berlinale

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Grüne Landschaften, ein einsamer Mann streift durch die Wiesen. Über der Schulter trägt er ein Schmetterlingsnetz und hält Ausschau nach den flatternden Insekten. Ist das hier ein Spielfilm oder ein Dokumentarfilm? Das gedehnte Erzähltempo und der alltägliche, unaufgeregte Einstieg sprechen für eine filmische Beobachtung, manche Bilder sind dann aber doch so fein durchkomponiert, ein paar Affen hüpfen so perfekt positioniert durch das Bild, das alles für eine Inszenierung spricht. Erst nach einigen späten Dialogzeilen wird endgültig klar: bei Papilio Buddha handelt es sich um einen Spielfilm. Und zwar um einen, der bei fortschreitender Laufzeit immer schwieriger zu ertragen ist.

Shankaran (Sreekumar SP), sein Vater (Kallen Pokkudan) und seine Freunde leben im Bundesstaat Kerala in Indien. Sie gehören zur Kaste der Dalit, der Unberührbaren, und bekommen das auch täglich zu spüren: sie gelten als Terroristen, erhalten kein nutzbares Land, werden von der Polizei schikaniert und finden nicht einmal in ihrer Religion, dem stark hierarchisierenden Hinduismus, einen Zufluchtsort. Also protestieren sie lautstark gegen das System und wenden sich letztlich sogar dem weniger unterdrückenden Buddhismus zu. Mit fatalen Folgen: Shankarans Freund, ein amerikanischer Tourist namens Jack (David Briggs) wird von der Polizei des Landes verwiesen, die ohnehin schon alltägliche Gewalt verschlimmert sich zusehends und Festnahmen sind bald an der Tagesordnung.

Papilio Buddha ist ein sehr langsam erzählter Film, trotzdem entwickelt er mit der Zeit aber einen gewaltsamen Sog, dem man sich einfach nicht entziehen kann. Zu Beginn erscheint die Welt noch fast in Ordnung: Shankaran erlebt entspannte Abende in seinem Freundeskreis, wir sehen seinen Vater im Einklang mit der Natur, die Kinder der Dalit lernen in einer eigenen Schule. Die Situation verschlechtert sich jedoch zunehmend für die Menschen: zuerst sind es nur unnötige Polizeikontrollen, die uns das Gefühl geben, hier gehe nicht alles mit rechten Dingen zu. Bald sind es aber ausgewachsene Folterszenen, die wir zu Gesicht bekommen und selbst bei der brutalen Gruppenvergewaltigung einer Lehrerin (Saritha Sunil) hält der Regisseur Jayan Cherian noch voll drauf. Die Dalit müssen immer schlimmere Demütigungen ertragen und kein Weg scheint sie aus ihrer Not zu führen.

Es ist offensichtlich, dass Cherian in Papilio Buddha ganz klar mit den Unberührbaren sympathisiert und das unerbittliche Kastensystem Indiens radikal in Frage stellt. Die Polizisten und Bramahnen bleiben bei ihm Figuren ohne Persönlichkeiten, bloße Repräsentanten eines fragwürdigen Systems. Selbst als Westler mit einem höchstens oberflächlichen Wissen über die Gesellschaftsordnung auf dem Subkontinent stellt sich schnell das Gefühl ein, dass dieser Film absolut nötig ist. Dass er ein Thema, einen Missstand diskutiert, der dringend in der Öffentlichkeit ausgehandelt werden muss. Und so bleibt Papilio Buddha als starker Film in Erinnerung und gewissermaßen auch als Dokument einer gesellschaftlichen Situation. Wenn er auch definitiv schwer zu ertragen ist.

Papilio Buddha auf der offiziellen Berlinale-Website

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