Paradies: Hoffnung

by on 03/14/2013

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© Neue Visionen

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Der finale Teil der Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl ist wahrlich kein Film zum Wohlfühlen. Und das, obwohl er oft als der freundlichste Film des Österreichers beschrieben wird. Vielmehr liefen in den anderthalb Stunden aber Bilder über die Leinwand, die allerhand negative Gefühle in mir auslösten: Ärger und Trotz, Melancholie, Resignation und allgemeines Unwohlsein. Trotzdem kann ich nicht sagen, Paradies: Hoffnung nicht gemocht zu haben.

Die Mutter (Margarete Tiesel) sonnt sich im Urlaub in Kenia. Die Tante (Maria Hofstätter) missioniert am liebsten die Nachbarschaft, aber immerhin findet sie noch die Zeit, ihre Nichte im Diätcamp abzuliefern. Hier, abgeschieden von der Außenwelt in einem Wald gelegen, soll Melanie (Melanie Lenz) ihre Ferien verbringen und mit Gleichaltrigen das eine gemeinsame Ziel verfolgen: Trainieren bis die Schwarte kracht und die Kilos purzeln. So drückt es jedenfalls der selbst nicht ganz gertenschlanke Trainer (Michael Thomas) aus. Das unantastbare Motto der ganzen Veranstaltung liefert er gleich mit. Disziplin, ohne geht hier nichts. Klar, dass die Jugendlichen Grenzen austesten, sich Freiräume suchen. Melanie findet ihre Ablenkung vom streng geregelten Alltag im 40-jährigen Diätarzt (Joseph Lorenz). Es bleibt nicht bei einer Schwärmerei gegenüber den Freundinnen. Die Dreizehnjährige beginnt einen Flirt, und der Doktor weiß schon bald nicht mehr, wie ihm geschieht.

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Und ich weiß es auch nicht. Glücklicherweise wurden mir bis heute Erfahrungen wie die eines Diätcamps erspart, und nun weiß ich das auch wieder so richtig zu schätzen. Wer schön sein will, muss leiden, werden Pädagogen, Ernährungswissenschaftler und verkappte Drill-Instructoren nun vielleicht argumentieren, und persönliche Wandlung fällt am leichtesten, wenn sie mit der Abkehr von alten Gewohnheiten und dem vertrauten Umfeld verbunden ist. Trotzdem, muss ich dagegen halten, ist auch eine pummelige Pubertierende ein Individuum. Schlafenszeit um halb zehn, das eigene Handy nur eine Stunde am Tag zur Verfügung und bei Verstößen müssen die Jugendlichen mit ausgetreckten Armen im Flur stehen oder sich auf den kalten Fußboden legen. Wer ist dieser schmierige Zuhälterverschnitt eigentlich, würde ich mir denken, der sich herausnimmt, mich zu bestrafen oder mich beim Sport mit zu dressierenden Lipizzanern zu vergleichen?

Und überhaupt frage ich mich: wie soll eine so karge Umgebung wie die des Diätcamps in Paradies: Hoffnung zum Abnehmen motivieren? Die kargen Wände, abgenutzten Turnhallen (vom Trainer liebevoll Folterkammer genannt) und gefängnisgleichen Gänge im kalten Neonlicht lassen selbst ordinäre Jugendherbergen wie einen Hort der Freude und Geborgenheit wirken. Zu der seelenlosen Umgebung passt auch wunderbar Ulrich Seidls Manier, seine Bilder symmetrisch aufzuteilen. Ob die gebeutelten Teenager in einer Reihe stehen, an der Sprossenwand hängen oder schnurgerade hintereinander weg durch das Bild marschieren, für individuelle Belange oder gar – Gott bewahre – Spaß gibt es hier keinen Platz. Die Bilder atmen förmlich Disziplin und vermitteln wirkungsvoll eine beklemmende Atmosphäre.

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Aber dann gibt es auch noch die Momente, in denen die Kamera ihre frontale Perspektive, ihre kalte Distanz  verlässt. In diesen Momenten scheinen der Drill und die Regeln der Betreuer für einen Moment nicht präsent. Vor allem die Mädchen im Camp fassen schnell Vertrauen zueinander. Abends auf ihrem Zimmer erzählen sie sich von den schwierigen Verhältnissen zu ihren Eltern, sie rauchen, trinken, spielen Flaschendrehen. Ihrer besten Freundin Verena (Verena Lehbauer) erzählt Melanie schließlich sogar von der Schwärmerei  für den wesentlich älteren Arzt.

Ich bin nun wahrlich niemand, der es besonders mit der Moral hält, trotzdem erreichte Paradies: Hoffnung für mich mit diesem Handlungsstrang einen Punkt, an dem ich allen Figuren am liebsten gehörig den Marsch geblasen hätte. Denn während bei Herrn Doktor viel zu spät die Alarmglocken schrillen und er sich auf ein zwangsläufig verwirrendes Katz- und Mausspiel mit der Pubertierenden einlässt, kommt Melanie erst gar nicht in den Sinn, dass sein widersprüchliches Verhalten vielleicht mit dem immensen Altersunterschied zusammenhängen könnte. Stattdessen bezieht sie seine Ablehnung naiv auf ihr Gewicht. An dieser Stelle drängt sich mir die zugegebenermaßen immer wieder bescheuerte Frage auf: Was will uns der Künstler damit sagen? Dass junge Mädchen vom Schlankheitswahn besessen sind? Dass Menschen sich alles Mögliche antun, um dem fehlgeleiteten Schönheitsideal unserer Gesellschaft zu entsprechen? Je dümmer, desto gefährlicher? Besonders nach den sprengstoffgeladenen Inhalten der ersten zwei Drittel der Trilogie Paradies: Liebe und Paradies: Glaube erscheint mir diese Botschaft doch etwas banal.

Und so blieb bei aller Begeisterung für die seidlschen Tableaus bei mir ein schaler Nachgeschmack. Vor allem, als während des Abspanns noch einmal dieses fürchterliche Lied ertönte: „If you’re happy and you know it, clap your fat…“ Das nun als Schluss einer Trilogie mit dem Überbegriff Paradies – zynischer geht es wohl kaum.

KINOSTART: 16.05.2013

Pressespiegel bei film-zeit.de

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