Paradise in Service – Fiktive Neurosen und tatsächliche Probleme

by on 02/10/2015
© Ablaze Image

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Teehäuser – so lautete der zurückhaltende Euphemismus für die Bordelle, die die Moral der Soldaten von Taiwan im Kampf gegen die Truppen Mao Zedongs aufrecht erhalten sollten. Der Regisseur Doze Niu Chen-Zer widmet sich in seinem Film Paradise in Service (Jun Zhong Le Yuan) einem bisherigen Tabuthema der ostasiatischen Geschichte. Besonders für westliche Zuschauer ist es ein nettes Feature, dass er seinen Film mit einer kurzen Montage alter Archivaufnahmen und Zwischentitel einleitet – die asiatischen Kriege des 20. Jahrhunderts zählen schließlich nicht zu den Themen, die der hiesige Geschichtsunterricht erschöpfend behandelt.

Dann lernen wir auch schon Pao (Ethan Ruan) kennen, einen jungen Mann aus dem südlichen Taiwan, der unfreiwillig zum Kriegsdienst auf der Insel Kinmen eingeteilt wird. Weil er für die Elitetruppen nicht taugt, wird er schließlich der organisatorischen Einheit 831 zugewiesen – und 831 ist der Code für besagtes Bordell. Dort können sich Kriegsgefangene und Verbrecherinnen verdingen, um ihre Strafen zu verkürzen. Im Gegensatz zu den meisten seiner Kameraden stößt der Dienst im Freudenhaus Pao aber in tiefe Gewissenskonflikte. Schließlich hat er seiner Mutter und seiner daheim wartenden Freundin doch versprochen, keusch zu bleiben.

Paradise in Service behandelt ein relevantes und durchaus interessantes Thema – aber trotzdem bleibt er ein ausgesprochen merkwürdiger Film. Vielleicht, weil er sich nicht so recht entscheiden kann. Die komplexe historische Grundlage scheint Doze Niu Chen-Zer dazu motiviert zu haben, möglichst viele Aspekte in seinem Werk abzuhandeln. Aber der eigene Anspruch wendet sich gegen ihn: zwar arten die vielen Nebenhandlungen nicht in völliger Verwirrung aus, sie sorgen aber für dieses gewisse Gefühl von Zerfaserung, das einem Film diesen ernsthaften Genres nicht unbedingt guttut. Da ist Pao mit seinen Komplexen, ein Mobbingopfer mit Hang zum Deserteur, ein von seiner Vergangenheit heimgesuchter Sergeant mit Vorliebe für „Prostituierte Nummer 8“, ihre geheimnisvolle Kollegin, Streits unter den Frauen und der regelmäßige Bombenhagel. All diesen hochgradig dramatischen Geschichten in guten zwei Stunden gerecht zu werden, ist kein leichtes Unterfangen, auch nicht, wenn man das Ganze mit einer hochdosierten Portion Pathos überzieht.

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Noch viel schwieriger ist aber die Haltung von Paradise in Service zu seinen weiblichen Figuren. Der Regisseur scheint sich durchaus auf ihrer Seite zu wähnen, zeigt er sie doch nicht einfach nur als eindimensional dekorative Wesen, sondern stattet sie mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Vergangenheiten aus. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich diese vorgeblich progressive Attitüde aber als reichlich dünne Fassade. Zum einen sorgt dafür die narrative Ebene, die die Frauen eben doch vorrangig als Opfer oder zumindest als passive Spielfiguren der gesellschaftlichen Verhältnisse zeigt. Andererseits ist es aber vorrangig die Inszenierung der alltäglichen Arbeit der Frauen, die sich als problematisch herausstellt. Ich bin keine Gegnerin der Prostitution per se – was sich der Zuschauer hier allerdings vor Augen führen muss, ist die Zwangslage der Sexarbeiterinnen. Doze Niu Chen-Zer liegt aber eher daran, ihren mühseligen Alltag für Sequenzen der zwanglosen Unterhaltung auszubeuten. Ob es um die Menge der am Tag zu bewältigenden Freier geht, um die offiziell geforderte Nutzung von Kondomen oder die Konsequenzen, die die Frauen tragen, wenn sich doch ein Mann der gebotenen Vernunft verweigert – alles ist ein Witz, locker-flockig oder ein leicht aus der Welt zu schaffendes Problemchen. Müssen sie eben durch, gehört dazu.

Das viele Leid in den fiktiven Handlungssträngen von Paradise in Service lenkt den Zuschauer davon ab, ein Gefühl für die tatsächlichen Konflikte und Tragiken der damaligen Situation zu entwickeln. Statt sich mit den eigentlich viel spannenderen Frauen zu identifizieren, beschäftigen ihn die zahlreichen Neurosen der Soldaten. Schade, dass hier so viel Potential verschenkt wurde.

Paradise in Service auf der offiziellen Berlinale-Website

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