Paranorman

by on 01/12/2013

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© Univerisal

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Wie unglaublich spannend, wie faszinierend muss es sein, die Geister der Verstorbenen zu sehen und mit ihnen sprechen zu können? Sam Fell und Chris Butler nehmen sich in Paranorman dieser Idee an und liefern einen turbulenten Film für die ganze Familie ab. Das Potenzial ihres Stoffs loten sie leider nicht aus.

Die Story: Der elfjährige Junge Norman Babcock hat eine besondere Gabe: Er kann Tote sehen und mit ihnen sprechen. Doch weder seine Eltern Perry und Sandra noch seine ältere Schwester Courtney glauben ihm. Und für die Kinder seiner Schule ist er nur ein Freak. Doch Norman nimmt es mit Fassung. Schließlich ist er sowieso lieber allein bzw. unter Geistern. Insofern ist es ihm auch gar nicht recht, dass er auf einmal im Mittelpunkt des Geschehens steht: Denn ein Fluch liegt über seiner Heimatstadt und scheinbar kann nur er, Norman, dank seiner besonderen Gabe diesen Fluch brechen.

Corpse Bride gehört zu den Klassikern des Stop-Motion-Kinos. Mit dem wunderbaren Coraline legte das verantwortliche Animationsstudio Laika 2009 noch einmal nach. Paranorman der im letzten Jahr in den deutschen Kinos startete und der seit dem 10. Januar  2013 auf DVD und Blu-Ray erhältlich ist, ist nun der dritte Film des Studios. Nicht wenige sind der Meinung, dass er sogar noch besser ist als der Vorgänger. Was mich ganz ehrlich wundert.

Mir gefallen Filme dann am besten, wenn sie mutig und fantasievoll sind, oder eine aufrichtige Geschichte mit glaubhaften Figuren zusammenbringen. Bei Paranorman finde ich nichts davon – zumindest nicht in  einer Ausprägung, die mich zufrieden stellt. Inhaltlich und strukturell ist der Film sehr  konventionell: Der Protagonist, ein Außenseiter, leistet dank seiner besonderen Fähigkeiten Großes und wird hinterher von der Gemeinschaft anerkannt. Das Ganze wird dem Zuschauer filmdramaturgisch risikoarm in drei Akten präsentiert. Soweit so normal. Aber auch die Figuren fügen sich in diese ecken- und kantenlose Form ein: Selten bedarf es mehr als zwei Adjektive, um sie umfassend zu beschreiben. Wo echte Schauspieler immerhin noch die Chance haben, ihrem Charakter subtile Facetten zu verleihen, sind Knetgummifiguren in dieser Hinsicht leider beschränkt und tendieren im Falle von Paranorman auch noch zum Knetgummiäquivalent des Overacting.

All das wäre mir möglicherweise gar nicht in dem Maße aufgefallen, wenn der Film mich auf anderen Ebenen gut unterhalten bzw. meine Aufmerksamkeit anders gefesselt hätte. Etwa durch seinen Witz. In der Tat gibt es immer wieder mal nette Anspielungen, zum Beispiel, wenn Sam Fell und Chris Butler Freitag, der 13. zitieren und auf einmal Jason in Normans Garten steht. Doch solche Momente sind mir leider zu selten. Außerdem ist der Humor des Films viel zu oft einfallslos, wofür stellvertretend die Szene genannt werden soll, in der Norman versucht, seinem Onkel ein Buch aus den erstarrten Fingern zu reißen und der Zuschauer darüber lachen soll, dass er mit der Leiche in den folgenden Minuten überall aneckt und schließlich unter ihr begraben wird. Diese Art von Humor geht mir persönlich zu sehr auf Kosten anderer.

Zuletzt möchte ich noch kurz auf die eingangs gestellte Frage eingehen. Müsste es nicht unglaublich faszinierend sein, die Toten zu sehen und mit ihnen sprechen zu können? Meine Antwort: Ja, das müsste es. Aber warum zeigt mir der Film dann nichts davon? Ich denke an Tim Burtons Beetlejuice oder Peter Jacksons The Frighteners, die vor Ideen nur so überkochen. Oder von mir aus auch an Brian Lumleys Necrosope-Reihe. Auch wenn es sich hierbei eher um B-Literatur handelt, finden sich schon im ersten, kurzen Band mehr Ideen als in Sam Fells und Chris Butlers ganzen Film.

Die Kritik fand den Film „entzückend“, bezeichnete ihn sogar als Meilenstein, lobte die Optik und die (Stop-Motion-)Technik und sah überall Witz, Spannung und Emotionen. Und auch beim Publikum kam er wie gesagt sehr gut an. Und ich freue mich, dass Paranorman so viele Menschen erfreut, ehrlich. Persönlich nehme ich aus dem Film und der Beschäftigung mit ihm aber vor allem mit, dass man manchmal wohl einfach damit leben muss, dass andere Dinge sehen, die man selbst nicht erkennen kann.

VERKAUFSSTRART: 10. Januar 2013

Pressespiegel bei film-zeit.de

 

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bjoern_filmosoph

Irgendwann in den frühen 1980er Jahren ist etwas mit ihm passiert. Seitdem lässt Björn nur ungern einen Film aus. Dieses zeitintensive
Hobby mit sozialversicherungspflichtiger Erwerbsarbeit zu verbinden, war nicht immer leicht, aber bisher ist es ihm noch immer gelungen, die richtigen Prioritäten zu setzen. Seit 2004 verschriftlicht Björn seine Gedanken zu Filmen auch für unterschiedliche Print- und Onlinepublikationen, sowie neuerdings in seinem Blog Yzordderrexxiii.

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