Paterson – Stadt und Mensch werden eins

by on 11/02/2016

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© Weltkino Filmverleih

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Paterson (Adam Driver) führt ein festgefahrenes Leben. Seine Gedichte sammelt er mangels Selbstvertrauen oder auch mangels Ambitionen, wer weiß das schon genau, in einem kleinen, geheimen Notizbuch. Statt seine Träume zu verfolgen, folgt er jeden Tag der gleichen Routine: Busfahrerjob, Abendessen mit seiner Frau Laura (Golshifteh Farahani), Spaziergang mit der Englischen Bulldogge, genau ein Bier mit den Bekannten aus der Bar. Laura ist da ganz anders. Am einen Tag plant sie ein Cupcake-Imperium, am Nächsten streicht sie das Haus und dann träumt sie von einer Karriere als Folksängerin.

Es ist Fluch und zugleich auch manchmal Glück, dass sich diese Beschreibung mit ein paar kleinen Wortverschiebungen zur Gänze umkehren lässt. Dann ist Paterson der Alltagsheld, der bescheidene Poet. Und sie die ich-bezogene Sozialschmarotzerin. Eine Kamera urteilt nicht über Lebensentwürfe, über äußeren Anschein. Es ist die Person die sie führt. In der street photography ist das deutlich bemerkbar: manchmal wirkt sie je nach Fotograf zurückgenommen beobachtend, manchmal ausbeuterisch invasiv. In letzterem Fall wären die Bilder ohne Personen manchmal stärker. Dann ginge es um die persönliche Wahrnehmung eines Ortes, einer Straße. Jim Jarmusch betreibt in seinem Film Paterson kinematographische street photography im angenehmsten Sinne. Es scheint, als filme er nicht Adam Drivers Figur auf dem Weg zur Arbeit. Es scheint, als filme er die Straßen Patersons, durch die gerade zufällig jemand läuft. Es scheint, als filme er nicht eine Figur beim Busfahren. Sondern als filme er einen Bus, der durch Paterson fährt. Ansichten der Straßen spiegeln sich in den blanken Fensterscheiben. Leere Bänke sind im Bild zu sehen, bevor plaudernde Kinder sich darauf niederlassen. Die Füße eines kleinen Jungen baumeln zwei Zentimeter über dem Boden. Rebellische Studenten unterhalten sich über den Anarchisten Bresci, der hier einst lebte, bevor er den italienischen König ermordete. Paterson schmunzelt über die Flirtversuche der Halbstarken auf der Bank hinter sich und grüßt den entgegenkommenden Busfahrer.

© Weltkino Filmverleih

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Es ist kein Zufall, dass Jim Jarmusch den Ort Paterson als namensgebenden Schauplatz für seinen Film ausgesucht hat. Unscheinbar in New Jersey gelegen, ist es die Heimat des Beat-Dichters Allen Ginsberg – und des Poeten William Carlos Williams, der ein ganzes Epos nach der Stadt benannte. Dass dann noch die Figur des geheimen Poeten in Gestalt Adam Drivers kleine Gedichte schreibt, die inspiriert sind vom Fluss oberhalb der Stadt, von der kleinen Streichholzschachtel der Marke Ohio Blue Tip auf dem Küchentisch – die, bei der die Buchstaben die Form eines kleinen Megafons bilden – das unterstreicht noch das Prinzip, nach dem Leute ihre Umgebung genauso formen wie die Umgebung die Wahrnehmung und das Denken der Leute. In Paterson werden Stadt und Person eins, werden Dokumentarismus und Fiktion eins, Ethnologie und Psychologie. Ein Ort, wie geschaffen für das langsame Kino des späten Jim Jarmusch, der seinen frühen Themen und Motiven treu bleibt, sie jedoch verdaulicher anzurichten gelernt hat als in Geduld abverlangenden Filmen wie Stranger than Paradise.

Auch Paterson, diese Hommage an den Alltag, ergeht sich in beharrlicher Ungerührtheit. Der Film ist in Kapitel unterteilt, die jeweils einen Wochentag umfassen. Sie beginnen mit dem Blick in Patersons und Lauras Bett, in dem sie jeden Morgen in einer anderen Position erwachen. Die Kamera schaut von oben auf das Paar herab, ganz wie im Vorgängerfilm Only Lovers Left Alive, nur dass Tilda Swinton und Tom Hiddleston darin erst des Nachts erwachten. Hier gibt es keine 360°-Kameradrehung, ja nicht einmal das Geräusch eines Weckers. Paterson wacht von allein auf, so eingespielt ist der Alltag des Ehepaars. Die Ruhe dieser repetitiven Strukturen anzunehmen, fällt nicht leicht. Die Gier nach Geschichten, nach Sensationen, sie scheint nicht nur in den Zuschauern angelegt, sondern auch in den Figuren. Als Patersons Bus eines Tages mit einem ruckeligen Stottern stehen bleibt, reagieren alle Beteiligten mit dem gleichen Satz: „Der Bus hätte als riesiger Feuerball explodieren können!“

Aber der Dienstag folgt auf den Montag und der Mittwoch auf den Dienstag. Und so lähmend die Vorstellung eines unerschütterlich konstanten Alltags manchmal klingen mag – er bietet überhaupt erst die Grundlage, um so etwas wie eine kleine blaue Streichholzschachtel wahrnehmen zu können. Die Muße, daraus ein bezauberndes kleines Gedicht zu stricken. Kleine Muster auf die Schale einer Orange zu malen. Dem Geliebten jeden Tag ein Foto von sich in die Lunchbox zu schmuggeln. Die Vorstellung einer magischen Armbanduhr zu entwickeln, dank derer man jeden Tag automatisch aus dem Schlaf erwacht.

Kinostart: 17. November 2016

 

This is just to say

I have eaten
the plums
that were in
the icebox

and which
you were probably
saving
for breakfast

Forgive me
they were delicious
so sweet
and so cold

(William Carlos Williams)

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