Philomena – Wider den Zynismus

by on 11/26/2013
© Pathé

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Der Beruf des Journalisten scheint es mit sich zu bringen, dass ab und zu etwas Zynismus angebracht ist. Das merke ich gerade sehr deutlich und diverse Kollegen werden mir da sicher Recht geben. Dabei ist es anscheinend nicht wichtig, ob Film-, Wirtschafts-, oder Politjournalismus, jeder ist sich selbst der Nächste. Aber was jammere ich? Wahrscheinlich wird es in den meisten Berufen so aussehen. Die Frage ist wohl nur, ob es möglich ist, diesen Zynismus beim Verlassen der Redaktion abzustreifen oder ob er von einem ganzen Leben, einer ganzen Persönlichkeit Besitz ergreift.

Bei Martin Sixsmith (Steve Coogan) ist wohl Letzteres der Fall. Im Grunde scheinbar ein sanfter und freundlicher Mann, ist er auf dem besten Weg, durch seinen Beruf zu verbittern. Durch einen unglücklichen Vorfall ist er bei einigen Journalistenkollegen in Ungnade gefallen und überlegt, ein Buch über russische Geschichte zu verfassen – auch wenn das eigentlich niemanden interessiert. Hauptsache keine sogenannten Human Interest Stories schreiben, denn diese Geschichten sind ja sowas von seicht und blöde. Dann lernt Sixsmith aber Philomena Lee (Judi Dench) kennen, eine alte irische Lady mit akkurat gelegter Dauerwelle und einer Vorliebe für romantische Groschenromane. So unscheinbar sie jedoch erscheint, die Lady hat eine wahnsinnige Lebensgeschichte vorzuweisen: als Jugendliche (gespielt von Sophie Kennedy Clark) unehelich schwanger geworden, blieb ihr im streng katholischen Irland der 1950er Jahre nichts anderes übrig, als in einem Kloster zu leben. Die dortigen Nonnen praktizierten allerdings nicht gerade die beschworene Nächstenliebe und betrachteten die jungen Frauen als unwürdige Sünderinnen. So hat Philomena auch keine Chance sich zu wehren, als ihr Sohn Anthony gegen ein hübsches Sümmchen von einer reichen US-amerikanischen Familie adoptiert und fortgebracht wird. Über ein halbes Jahrhundert schweigt die um ihre Rechte gebrachte Frau über ihre Geschichte, Martin Sixsmith scheint ihr aber der Richtige, um gemeinsam auf Recherchetour zu gehen.

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Philomena heißt dieses neuste Werk von Stephen Frears und basiert auf den tatsächlichen Ereignissen, die der real existierende Journalist Martin Sixsmith in seinem Buch The Lost Child of Philomena Lee aufdeckte. Ergo existiert auch tatsächlich die Person namens Philomena Lee und es erscheint wie ein ironischer Treppenwitz der Geschichte, dass die Frau sich ausgerechnet den Namen mit der Heiligen teilt, die als Beschützerin der Kleinkinder und Schwangeren, der Gefangenen und Gefolterten gilt. Die Erlebnisse, die die junge Frau durchstehen musste, grenzen nämlich an körperliche wie psychische Folter und lassen es besonders für religionsferne Zuschauer unverständlich erscheinen, dass sie selbst nach solchen Erfahrungen nichts auf die Kirche kommen lässt. Aber Philomena denkt eben sehr geradeaus und bringt Sixsmith damit mehrmals an den Rand seiner Nervenstärke. Irgendwann steht zwischen den beiden Weggefährten die Frage im Raum: Glauben Sie an Gott? „Ich glaube, das ist eine viel zu komplexe Frage, um sie in nur wenigen Worten zu beantworten“, antwortet darauf Sixsmith. „Ja“, antwortet Philomena.

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Es fällt ehrlich gesagt etwas schwer, Judi Dench die Rolle der naiven elderly lady abzunehmen, nachdem sie in anderen Filmen als M, als altehrwürdige Königin Victoria von England oder wahlweise Queen Elizabeth zu sehen war und auch sonst eher als unnahbare Intellektuelle gilt. Das ist aber genau genommen eher ein Problem des Zuschauers als das der wie immer überragenden Akteurin, und Steve Coogan hält locker dabei mit, einen Sinneswandel darzustellen ohne dabei in süßlichen Kitsch abzugleiten. Die eigentliche Stärke von Philomena ist aber das Drehbuch, verfasst übrigens vom Hauptdarsteller höchstselbst. Berührende und sogar erschütternde Momente wechseln sich darin mit Beglückung und sogar Spaß ab, und der Martin Sixsmith eigene Zynismus sorgt dafür, dass der köstlich trockene Humor des Films nicht bei oberflächlichen Lachern verbleibt, sondern von Zeit zu Zeit auch mal im Halse stecken bleibt.

Das ist auch kein Wunder, denn bei all der Leichtigkeit, die Philomena immer wieder aufweist, steckt der Film doch voller harten Stoffs. Eine Geschichte über geldgeile Nonnen, die jungen Frauen ihre Kinder wegnehmen – das ist Wasser auf die Mühlen eines sensationsgeilen Journalisten und Kirchenkritikers. Schön, dass Stephen Frears sich letztlich nicht für eine Seite entscheidet und weder eine Absolution erteilt, noch zum blindwütigen Rundumschlag ausholt. So wie sich Philomena und Sixsmith einander annähern, so feinfühlig tariert auch das Drehbuch verschiedene Standpunkte aus und sorgt dafür, dass wir unseren Zynismus auch mal für eine Weile vergessen.

Kinostart: 27. Februar 2014

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