Pioneer – Tour de Force fürs Publikum

by on 10/30/2014

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© farbfilm verleih GmbH

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Wenige Spielorte entfalten ein derartiges Gefühl von Bedrängnis und Gefahr wie der Meeresgrund. Deshalb funktionieren U-Boot Thriller ja auch so besonders gut, denn die Bedrohung der Protagonisten durch das Wasser ist omnipräsent. Dazu kommt, dass der Druck in den Tiefen des Meeres nicht nur auf physischer, sondern durchaus auch auf psychischer Ebene zunimmt. Erik Skjoldbjærgs macht sich in Pioneer diese Wirkung des Meeres zu nutze, obwohl der Film tatsächlich die meiste Zeit an Land spielt.

Um die gerade entdeckten Erdölvorkommen in der Nordsee mit Hilfe einer Pipeline abzutransportieren, schließen sich norwegische und US-amerikanische Unternehmen zusammen und führen eine Testreihe durch. In einer Simulation werden die Versuchspersonen, darunter auch die Brüder Peder (Aksel Hennie) und Knut, den Druckverhältnissen in 500 Meter Tiefe ausgesetzt. Bis auf leichte Halluzinationen scheint alles gut zu gehen und so brechen die amerikanischen und norwegischen Teams kurz darauf zu ihrer ersten Mission auf. Doch etwas geht schief: Peder verliert für einen Sekundenbruchteil das Bewusstsein und verursacht ein Unglück, das Knut das Leben kostet. Was ist geschehen? Wer ist zur Verantwortung zu ziehen? Der Kollege, der die Gaszufuhr kontrollierte? Das amerikanische Forschungsteam, dass das Gasgemisch für den Tauchgang hergestellt hat? Oder das norwegische Unternehmen, das um jeden Preis seinen eigenen Taucher auf den Meeresgrund schicken wollte? Im Zuge seiner Suche nach dem Schuldigen findet Peder vor allem eines heraus: Im Wettstreit der Nationen um die milliardenschweren Ölvorkommen verliert ein Menschenleben drastisch an Wert. Das gilt auch für das seinige.

Regisseur Erik Skjoldbjærg inszeniert Pioneer durchgängig aus der Perspektive Peders. Der Zuschauer ist nicht nur stets auf demselben Wissensstand wie die Hauptfigur, sondern durch schiefe Kamerawinkel, Unschärfe und zuweilen schnelle und chaotische Schnitte auch derselben Wahrnehmung ausgesetzt. Während für Peder nach und nach Realität, Paranoia und Halluzinationen miteinander verschwimmen, wird auch der Zuschauer durch eine stark wackelnde Kamera, schnelle Schwenks und verschwommene Bilder herausgefordert. Leider schießt Erik Skjoldbjærg mit dieser Inszenierung ein wenig über das Ziel hinaus. Pioneer ist eine visuelle Tour de Force, bei der sich der Zuschauer schließlich selbst so durcheinander und schwindelig fühlt, dass er das Ende des Films herbei zu sehnen beginnt, um endlich wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

© farbfilm verleih GmbH

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Es ist diese Atmosphäre und die Orientierungslosigkeit der Hauptfigur, die den Reiz des Films ausmachen, denn das Drehbuch selbst kann kaum Spannung erzeugen. Stattdessen wird diese Funktion hauptsächlich von der dominanten Filmmusik übernommen, die anhaltend Unheil andeutet. Pioneer entwickelt sich zu wenig aus den Charakteren und ihrer Geschichte und wirkt daher, obwohl auf wahren Begebenheiten beruhend, sehr konstruiert. Es fehlt an Twists und Wandlungen der Figuren. Weder Peder noch sein prominent besetzter Rivale Mike (Wes Bentley) machen im Laufe des Films eine nennenswerte Entwicklung durch. Der Held selbst ist zu blass, um den Zuschauer an die Geschichte zu fesseln und ihn für sich einzunehmen und auch die übrigen Figuren bleiben in ihrer Eindimensionalität schlichtweg uninteressant.

Pioneer scheint sich stärker auf das historische Ereignis als auf die Charaktere zu konzentrieren und beschneidet sich damit selbst so stark in seiner Wirkung, dass er lediglich die Qualität eines Fernsehfilms erreichen kann. Dagegen spricht freilich die außergewöhnliche Inszenierung, aber eine wacklige Kamera allein macht eben noch keinen Kinofilm!

Kinostart: 30. Oktober 2014

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