Pionery-geroi (Pioneer Heroes) – Rote Ideologie, graue Plattenbauten

by on 02/06/2015

Ganz knapp kann ich mich als Einheitskind bezeichnen, gezeugt wurde ich nämlich noch in der ehemaligen DDR. Trotzdem gehörte für mich die Mauer, der Sozialismus und all seine Begleiterscheinungen immer in eine gefühlt völlig andere und längst vergangene Welt. Ein wenig anders ist das schon mit meinen nur Jahre älteren Cousins und Cousinen. Die wissen von der Irritation zu berichten, als plötzlich Fernsehbilder von Menschen auf der Mauer zu sehen waren, der sie sich noch einige Tage zuvor niemals hätten nähern dürfen.

Ein vergleichbares Gefühl steht im Mittelpunkt des russischen Berlinale Panorama-Beitrags Pionery-geroi (Pioneer Heroes). Zumindest meine ich zu erahnen, dass das Gefühl irgendwie so zu greifen sein muss. Der Film befasst sich mit der letzten Generation, die im Kindesalter in der ehemaligen Sowjetunion in die Pionierorganisation ‚Wladimir Iljitsch Lenin‘ aufgenommen wurde. Jahre später gehört die Ideologie von damals der Vergangenheit an. In den Köpfen der mittlerweile jungen Erwachsenen wirkt sie aber noch immer nach. Sie arbeiten in Moskau, haben sich Existenzen aufgebaut und hadern doch alle auf die eine oder andere Art mit ihrem Schicksal, ihrem Leben, ihren Zielen und Fragen.

© CTB Film Company

© CTB Film Company

Ohne große Vorankündigung springt die Regisseurin Natalia Kudryashova immer wieder zwischen den Zeitebenen hin und her: das riesige und unübersichtliche Moskau der Gegenwart, die sowjetische Plattenbauwüste Weliki Nowgorod im Jahre 1987. Wer der Meinung ist, Kinder hätten keine Probleme, muss hier nur die Augen aufmerksam offen halten. Katya kämpft mit ihrem schlechten Gewissen, denn der Onkel brennt illegalen Schnaps und wenn sie sein kriminelles Verhalten deckt – ist sie dann des roten Halstuchs der Pioniere noch würdig? Olga legt sich derweil lieber mit der autoritären Lehrerin an und der kleine Sergeyev hat es sich zur Aufgabe gemacht, in einem Einweckglas unter der Badewanne eine Anti-Sterbe-Pille zu züchten. Sie alle eint die paranoide Angst vor Spionen, die es auf sowjetische Kinder abgesehen haben. Der Wunsch, sich nahtlos in ihr Umfeld einzufügen, nicht schlecht aufzufallen und im Idealfall eine heldenhafte Tat zu vollbringen.

Vor allem in diesen Kindheitsszenen entwickelt Pionery-geroi einen ungeheuer anziehenden Charme. Die Regisseurin zeigt uns eine Welt voller kindlicher Vorstellungskraft, in die wir uns sofort zurückerinnern können, selbst wenn wir das Glück hatten in einer freieren Gesellschaft aufzuwachsen. Immer wieder nutzt sie beispielsweise die Mittel der Architektur, um uns die Gefühlswelt ihrer kleinen Protagonisten nahezubringen. Vor der monumentalen Sowjetarchitektur werden wir plötzlich ganz klein, graue Plattenbauten sorgen für triste Stimmung – aber auch für jede Menge Fantasie, die die Lücken füllt. Und in ihren Träumen wandelt Katya durch kafkaesk verschachtelte Korridore.

Etwas schwieriger wird es schon in den Moskauer Szenen. Sergeyev (Aleksei Mitin) isoliert sich durch seinen aufreibenden Job von seinem sozialen Umfeld, Olga (Daria Moroz) hat Beziehungsprobleme und Katya (Natalia Kudryashova) leidet unter Angstzuständen, die es ihr sogar unmöglich machen mit der U-Bahn zu fahren. Natürlich suggeriert der dramaturgische Aufbau des Filmes, dass die Ursachen für all diese Probleme in der unsteten Kindheit der Figuren liegen. Die Regisseurin verzichtet vollkommen auf einen narrativen Spannungsbogen und stellt lediglich in einer kontinuierlichen Verwebung ihre beiden Zeitebenen einander gegenüber. Das mag eine spannende Grundidee sein, in der Praxis führt es aber zu einer gewissen Unausgewogenheit. Während der kindliche Charme ausreicht, um über die Szenen der Vergangenheit hinweg zu tragen, frustrieren die erwachsenen Figuren zunehmend mit ihrer permanenten und zum Teil recht schwer nachzuvollziehenden Schwermut.

Um das klarzustellen, natürlich ist inneres Leid nicht immer von außen nachvollziehbar. Und seitdem ich im letzten Sommer zum ersten Mal eine Plattenbausiedlung vor St. Petersburg gesehen habe, kann ich im Grunde bestens nachvollziehen, wie man in einer solchen Betonwüste auf verstörende Gedanken kommen kann. In der Bewertung eines Films führt es aber nicht allzu weit, bei der leicht zu erschließenden Küchenpsychologie stehenzubleiben. Und in der Inszenierung eines Films auch nicht. Natalia Kudryashova versucht uns ein gegenwärtiges Problem vor Augen zu führen – dreht letztlich aber einen Film, in dem die Vergangenheit wesentlich präsenter bleibt. Pionery-geroi dürfte vor allem jenen Zuschauern gefallen, die ohnehin eine persönliche Verbindung zur Thematik haben.

Pionery-geroi (Pioneer Heroes) auf der offiziellen Berlinale-Website

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