Pride und das Prinzip der binären Opposition

by on 08/06/2014
© Senator

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Eine irre Anzahl von Filmen aller möglichen Entstehungszeiten, Regisseure, Genres und Stilrichtungen basieren immer wieder auf ein und demselben Prinzip: dem der binären Oppositionen. Schwarz und weiß, links und rechts, weiblich und männlich, Katze und Hund. Schauen wir uns doch nur ein paar Filmbeispiele aus diesem Jahr an: Madame Mallory und der Duft von Curry – Inder gegen Franzosen. Monuments Men – Alliierte gegen Deutsche. Words and Pictures – bildende Kunst gegen das geschriebene Wort. Das Prinzip macht alles schön einfach, erlaubt die fein säuberliche Aufteilung in Schubladen und kommt, wie wir hier sehen, nicht nur in einigen vergessenswert stupiden Sommerblockbustern vor.

Fragt sich, warum wir dieses Prinzip einfach nicht abschütteln können. Im Großen und Ganzen sind wir über die Welteinteilung der 1950er Jahre glücklicherweise hinaus: es gibt weder im wahren Leben, noch im Film ausschließlich gut und böse. Bösewichter dürfen (und sollen) genau wie Helden ambivalent sein. Und doch können wir der Vereinfachung oft nicht widerstehen, wenn sie auch beschönigend gern mal Dualität statt Opposition genannt wird. In den deutschen Kinos läuft im Herbst ein Film, der wie kaum ein anderer für die Eröffnung einer solchen Dichotomie geeignet ist. Pride erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen, und doch auf wahren Begebenheiten beruhenden Allianz. Als 1984 in Großbritannien der Streik der Bergarbeiter gegen die Thatcher-Regierung immer hässlichere Züge annahm, formierte sich in London die LGSM-Bewegung: Lesbians and Gays support the Miners.

Nun kann man sich vorstellen, für welche Irritationen es gesorgt haben könnte, als ein quietschgelber Bus voller rebellischer Kids aus London in einem dieser walisischen Dörflein mit reichlich wenigen Vokalen anlandete. Und tatsächlich scheinen erst einmal die Unterschiede alles zu dominieren: in Wales regieren die Gewerkschaften und die gottesfürchtigen Kleinfamilien. Männer verrichten ihr Tagwerk in der Miene, Frauen in Strickjacke und Blümchenrock hüten die Kinder. Männer in Wales tanzen auch nicht und die Frauen nehmen am Nachmittag die einzige Straße des Dorfes entlang bis zur Mehrzweckhalle, wo sie sich ehrenamtlich im Gewerkschaftskomitee engagieren. „You’re gays have arrived“, erschallt es dann aber tatsächlich durch eben diese Halle, und die nur mäßig willkommenen Spender treten herein: exzentrisch gekleidete Männer und eine Handvoll Lesben, alle vegan, natürlich. Der Trailer zu Pride spielt mit genau diesen Gegensätzen: er verkauft uns eine schrille Komödie, einen britischen Culture-Clash mit einem großen Schuss Albernheit. Würde der komplette Film so funktionieren, wäre das möglicherweise ab und zu ganz lustig, letztlich aber besorgniserregend einfach. Denn es geht gerade nicht darum, das Andere zu identifizieren, einzugrenzen und sich davon (zum Beispiel durch Humor) zu distanzieren. Vielmehr muss das passieren, was die Queer-Community zu einem Grundprinzip im Kampf gegen moralisierende Kleinkarierte erhoben hat: sich den Vorwurf aneignen und ihn positiv umdeuten.

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Heraus kommen dabei so schillernde Einfälle wie ein Benefizkonzert unter dem Motto „Pits and Perverts“ und zahlreiche andere Aktionen, die heftig die Kassen klingeln und die Vorurteile bersten lassen. Dabei entstand die erste Idee dazu aus einem eben so simplifizierenden wie auf dem Oppositionsprinzip beruhenden Gedanken: der Feind meines Feindes ist mein Freund. Massive Polizeipräsenz bei jeder noch so kleinen Kundgebung, Brutalität und ungerechtfertigte Festnahmen, Hetze durch die konservativen Medien, tägliche Diskriminierung und Geringschätzung – was die streikenden Mienenarbeiter durchmachten, war den queer people der 1980er Jahre bestens bekannt. Solidarität in allen Ehren – an der oben genannten Motivation der Zusammenarbeit hatte ich trotzdem lange zu knabbern. Bis mir schließlich einfiel, wo das Prinzip der binären Oppositionen ursprünglich eigentlich herrührte. Da war doch was in meinem Studium… Beifach Ethnologie, Einführung in die Kulturtheorie. Claude Lévi-Strauss! Gut, der zählt nun auch nicht mehr als das Maß aller Dinge – aber dennoch: „Das Wilde Denken“ nannte er 1962 einen seiner Texte und stellte darin fest, dass das menschliche Denken im Kern immer auf der Gegenüberstellung zweier Oppositionen beruhe. Für ihn reichte das als Beweis aus, um festzuhalten, dass das menschliche Denken universell sei. Aus Gegensatzpaaren war ein Ganzes geworden. Okay: wir können eben nicht anders. Wir brauchen eine leicht übersichtliche Denkstruktur, um uns einem Sachverhalt anzunähern. Oder einfach ausgedrückt: wir dürfen ruhig in Schubladen einordnen, solange wir bereit sind, jederzeit umzusortieren.

Und nun komme ich auch mit den Aspekten von Pride zurecht, die mich anfangs wirklich irritierten. Es ist alles so wahnsinnig over the top. Wenn Figuren plötzlich aufstehen und unvermittelt zu singen beginnen, sorgt das bei mir selbst in Musicals in der Regel für Fremdscham. Die Psychologisierung beschränkt sich bei Regisseur Matthew Warchus in der Regel auf Probleme mit den intoleranten Eltern, und die Figuren erscheinen vor allem in der ersten Hälfte des Films als reine Typen: der schüchterne und sich selbst entdeckende Teenager, der exaltierte Schönling mit Tolle, Ohrring und Lederjacke, die freche Punk-Lesbe mit Undercut und Kodderschnauze, der verklemmt zurückhaltende Waliser im Tweed-Jacket. Aber das macht nichts, nein, es muss sogar so sein. Weil sich Pride sämtliche Vorurteile aneignet und sie positiv umdeutet, weil die Überzeichnung sich selbst ironisch persifliert und etwas Neues schafft, das eben nicht mehr aus zwei Oppositionen besteht. Da ist es dann auch in Ordnung, wenn es nur ein schmissiger Disco-Sound und schwingende Hüften sind, die Gay-Community und Minenarbeiter während eines einzigen Songs endgültig zusammenbringen. Pfff! So etwas wie Universalität gibt es nicht. Aber die Vielfalt können wir ruhig ausgelassen feiern.

Kinostart: 30. Oktober 2014

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