Print vs. Online – Für die doppelte Presse-Bürgerschaft

by on 06/28/2013

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In letzter Zeit ist es mir immer häufiger passiert, dass ich beim Besuch von Pressevorführungen mit der rigiden Unterscheidung von Print- und Online-Presse konfrontiert wurde, ein Vorgehen, dass mir aus verschiedenen Gründen nicht nur unklar, sondern auch ärgerlich erscheint. Dies möchte ich zum Anlass nehmen, meine Meinung zu diesem Thema einmal ausführlich darzulegen und hoffe, dass sie auch die Gedanken einiger Kollegen wiederspiegelt. Über Rückmeldungen in den Kommentaren freue ich mich.

 

Es soll hier nicht um die Frage der Sperrfrist gehen, die unter uns Filmjournalisten ja durchaus kritisch diskutiert wird. Nur so viel sei gesagt: In vielen (nicht allen!) Fällen verstehe ich die Auflage, Filmbesprechungen erst kurz vor Kinostart zu veröffentlichen und ich glaube, bei eindeutiger Kommunikation dieser Auflage, ist es grundsätzlich kein Problem, diesem Wunsch zu entsprechen.

Was die Trennung von Online- und Printjournalisten angeht, bin ich jedoch anderer Meinung. Hierfür gibt es verschiedene Gründe.

1. Freie Journalisten lassen sich nicht kategorisieren

Filmjournalismus und Filmkritik im Besonderen ist eine Profession, die vornehmlich von unabhängigen Autoren ausgeübt wird. In den seltensten Fällen wählen die Kollegen diesen Status übrigens freiwillig. Es ist schlicht und einfach besonders schwierig, eine Festanstellung in diesem Bereich zu finden. Als freie Journalisten schreiben wir sowohl für Online- als auch Printmedien und nicht immer steht bei dem Besuch der Pressevorführung bereits fest, an welches Medium wir den entsprechenden Text verkaufen werden. Da wir seit Kurzem angehalten sind, in die ausliegenden Listen nicht mehr nur „frei“ oder „diverse“ als Information über unsere redaktionelle Zugehörigkeit zu vermerken, sind wir an dieser Stelle gezwungen, einen unserer Auftraggeber anzugeben, auch wenn wir zu diesem Zeitpunkt unter Umständen noch nicht wissen, ob die Filmbesprechung auch in dem genannten Medium erscheinen wird.

2. Auch Online-Journalismus wird mit Vorlauf geplant

Nicht alle Texte, die online publiziert werden, entstehen kurz vor ihrer Veröffentlichung. Insbesondere thematische Texte wie Kolumnen oder Überblicksartikel werden im Voraus geplant, um den Inhalt mit der Chefredaktion und Kollegen abzustimmen. Filmempfehlungen, wie ich sie beispielsweise alle zwei Monate für das Gemeindejugendwerk Elstal ausspreche, setzen ebenfalls einen gewissen Vorlauf voraus, um aus einem großen Pool an potentiellen Filmen wählen zu können und die Auswahl mit dem Auftraggeber zu besprechen und Änderungen vornehmen zu können.

3. Nicht jeder Termin kann wahrgenommen werden

Als Filmjournalist einen Überblick über die aktuellen Filme zu behalten, ist nur mit einem guten Zeitmanagement möglich. Viele Pressevorführungen müssen besucht werden. Manchmal ist es zeitlich sehr schwierig, von einer Vorstellung zur nächsten zu gelangen, ohne den Beginn des nächsten Films zu verpassen. Darüber hinaus bevorzuge ich persönlich, nicht mehr als zwei bis drei Filme pro Tag zu sehen, um den einzelnen Werken meine volle Aufmerksamkeit schenken zu können. Nicht zuletzt muss bei aller Sichtung ja auch Zeit für die Besprechung bleiben. Deshalb nutze ich grundsätzlich gerne den ersten für mich passenden Termin, um sicher zugehen, einen Film auch wirklich sichten zu können, denn ich kann im Vorhinein oft nicht beurteilen, ob ich eine spätere Vorführung (deren Termin oft noch gar nicht bekannt ist) werde besuchen können.

4. Mehr Vorlauf – Mehr Berichterstattung

Je früher ich einen Film sehe, und dies ist vermutlich der interessanteste Grund für PR und Verleiher in dieser Aufzählung, desto häufiger wird er redaktionelle Verwendung finden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Film nicht nur rezensiert, sondern auch in einem thematischen Artikel erwähnt wird, steigt mit der Vorlaufzeit, mit der er gesichtet werden kann.

5. Mehrfachverwendungen sichern den Lebensunterhalt

Es ist mir persönlich finanziell nicht möglich, einen Film „auf gut Glück“ zu sehen. Eventuell eignet er sich für meine Kolumne, eventuell nicht. Vielleicht lässt er sich in einem anderen Kontext erwähnen, vielleicht nicht. Würde ich meine Filmauswahl auf diese Weise treffen, blieben viele Stunden Arbeitszeit unbezahlt. Insofern versuche ich, möglichst jeden Film, den ich sehe, zu rezensieren, und entscheide im Nachhinein, ob ich ihm eine Kolumne widmen oder ihn gesondert empfehlen möchte. Es kann also sein, dass ich einen Film zwar online rezensiere, ihn aber zwei Monate später in meiner Print-Kolumne ebenfalls erwähne, was mir ohne den entsprechenden Vorlauf nicht möglich gewesen wäre.

6. Die Konkurrenz ist hart

Insbesondere als junge Journalistin und Kritikerin kämpfe ich um jeden Auftrag. Die Konkurrenz schläft nicht. Viele Medien verteilen Aufträge nach dem Motto „Wer zuerst kommt“. Einen Film so früh wie möglich zu sehen, ist also ein nicht zu verachtender Wettbewerbsvorteil.

Das Kriegsbeil begraben

Ich habe manchmal das Gefühl, Pressevertreter, Verleiher und Kritiker arbeiten gegeneinander. Diskussionen um den generellen Zugang zu Pressevorführungen, Sperrfristen und die hier thematisierte Trennung von Online- und Printjournalisten etablieren ein Schlachtfeld, das meiner Meinung nach vollkommen überflüssig ist. Uns alle eint das Interesse daran, Filme in die Öffentlichkeit zu bringen. Als Kritiker sind wir natürlich verpflichtet, auch negative Aspekte eines Films zu benennen, wobei ich hoffe, dass der „Verriss“ hierbei immer das letzte Mittel ist. Grundsätzlich sollten Kritiker immer versuchen, einen Film als Kunstwerk oder doch zumindest als Produkt harter Arbeit zu würdigen.

Es gibt also in meinen Augen keinen Grund, gegeneinander zu arbeiten. Ich bin zu kurz in diesem Beruf, um zu beurteilen, woher diese Spannungen kommen. Ich bin jedoch sicher, dass niemand mit böser Absicht einen Film mit größtmöglichem Vorlauf sichtet, ebenso wenig wie es böse Absicht ist, Online-Journalisten kategorisch aus frühzeitigen Pressevorführungen auszuschließen. Alle Parteien haben hierfür gute Gründe.

Und darum frage ich mich: Wie können wir es schaffen, alle unseren Job so gut wie möglich zu machen, ohne uns gegenseitig zu verärgern oder zu frustrieren?! Vielleicht mangelt es einfach an Kommunikation, an fehlendem Wissen über die berufliche Realität der anderen Seite. Ich hoffe, dieser Text kann dabei helfen, den Grundstein für einen besseren Austausch und eine produktivere Zusammenarbeit zu legen, zumindest aber eine Diskussion anzustoßen.

2 Responses to “Print vs. Online – Für die doppelte Presse-Bürgerschaft”

  • NE says:

    Die Unterscheidung zwischen Print, Online, Radio, TV mag zwar für das Marketing eines Filmes relevant sein, aber das der Kopf, den sich nicht der/die Filmkritiker/in machen sollte.
    Ich teile die Beobachtung und ich finde, dieser Text fasst dis Situation sehr treffend zusammen. Eine konstruktive Diskussion wäre schön.

  • MZ says:

    Ich stimme den Ausführungen vollkommen zu. Es kann doch nicht sein, dass Pressestellen denken, Onlineredaktionen bräuchten weniger Zeit oder Vorlauf als Druckmedien! Ganz besonders frech ist es, Online-Journalisten ohne Vorwarnung am Einlass bei Pressevorführungen abzuweisen, vor allem, wenn in der Einladung kein diesbezüglicher Hinweis steht!
    Ich finde, in dieser Sache sollte im Dialog mit den Pressestellen eine Lösung gefunden werden – meinetwegen eine Sperrfrist für Onliner. Hauptsache man hat die Chance, einen Film rechtzeitig zu Gesicht zu bekommen, und nicht erst 2 Tage vor Start! Oft reicht dann nicht die Zeit, und eine Filmbesprechung muss ausfallen…

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