Quartett

by on 01/04/2013

Flattr this!

© DCM

Meine Großmutter sagt, Senioren seien ein expandierender Markt. Daher solle ich die Filmkritik an den Nagel hängen und lieber Seniorentanzlehrerin werden, denn in diesem Beruf könne ich noch Karriere machen. Sie hat Recht. Wer jetzt beginnt, die Zielgruppe jenseits der 70 ins Visier zu nehmen, hat gute Chancen, seinen eigenen Lebensabend zu sichern. Und dabei ist der neue Fernsehsender Sat1 Gold für Frauen „im besten Alter“ mit einer anvisierten Zuschauergeneration zwischen 49 und 64 quasi noch jugendlich.

Über Quartett, das Regiedebut von Dustin Hoffman lässt sich das nicht sagen. Im stolzen Alter von 75 Jahren entscheidet sich der legendäre Schauspieler, noch einmal den Beruf zu wechseln. Andere Leute sind ja froh, wenn sie mit Mitte 60 endlich in Rente gehen können. Nicht so Hoffman und sein Team. Der Cast von Quartett besteht zum Großteil aus Schauspielern, die wir normaler Weise als Senioren bezeichnen würden. Auch Hauptdarstellerin Maggie Smith geht immerhin mit schnellen Schritten auf die 80 zu. Aber es ist nicht nur der Cast, der Quartett zu einem Film macht, der in spätestens drei Jahren bei Sat1 Gold in der Dauerschleife laufen wird. Denn auch inhaltlich spielt das Alter eine große Rolle.

Wilf (Billy Connolly), Reggi (Tom Courtenay) und die zunehmend senile Cissy (Pauline Collins) leben in einem majestätischen Altersheim für Musiker. Alternde Opernsänger und greise Orchesterpianisten verbringen hier ihren Lebensabend in einem wahrhaft luxuriösen Ambiente. Das großzügig eingerichtete Herrenhaus… äh Altersheim… bietet glücklicher Weise endlose Gelegenheiten zu musizieren. Aber es ist nicht alles so rosig wie es scheint, denn finanzielle Nöte gefährden den Fortbestand dieses friedvollen Exils. Nur eine Gala, bei der die ehemaligen Weltstars sich noch einmal auf der Bühne die Ehre geben, kann ihr gemeinsames Heim retten. Als Neuankömmling Jean (Maggie Smith) dazu stößt, scheint das die Lösung aller Probleme zu sein. Schließlich hat sie einst mit Wilf, Reggi und Cissy das Rigoletto von Verdi gesungen. Doch eine alte Liebesgeschichte und Jeans unverbesserlicher Stolz hindern sie daran, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.

Es ist grundsätzlich nichts daran auszusetzen, einen Film fast ausschließlich mit älteren Schauspielern zu besetzen. Es ist jedoch meiner Meinung nach daran etwas auszusetzen, die einzige Afroamerikanerin als übergewichtige, mufflige, aber natürlich herzensgute Pflegerin im Stil der amerikanischen Mammy zu inszenieren. Und auch die zweite „junge“ Frau des Films, Heimvorsteherin Dr. Cogan (Sheridan Smith), ist in meinen Augen eine Fehlbesetzung. Der Doktortitel mag so gar nicht zu der Person passen, die die Ausstrahlung einer 16 jährigen Lehrschwester besitzt. Überhaupt konnte mich dieses angebliche Altersheim zu keinem Zeitpunkt überzeugen. Nicht, weil es so unheimlich elegant und gemütlich ist. Ich kann mir schon vorstellen, dass nicht alle Menschen ihren Lebensabend in sterilen, nach Desinfektionsmitteln stinkenden uringelben Fluren verbringen müssen so wie meine Großtante. Aber dass bis auf Dr. Cogan und die Mammy so gut wie kein Personal vorhanden war, fand ich dann doch merkwürdig. Sind denn die Damen und Herren in dieser Einrichtung nun pflegebedürftig oder nicht? Und wenn ja: Wer zum Teufel pflegt die eigentlich?

Wie so oft, wenn es um Senioren geht, bekommt der Zuschauer eine geschönte Version der harten Realität zu sehen. Ja, Cissy ist senil, aber so richtig tragisch ist das eigentlich nicht. Immerhin fängt sie sich ja stets im richtigen Augenblick wieder. Und ja, einer der Heimbewohner wird im Laufe der Geschichte abtransportiert, aber er ist schlicht und einfach krank. Vom Tod wollen wir hier lieber nicht reden. Ebensowenig von Inkontinenz oder ähnlich unangenehmen Themen. Soll ja auch witzig sein der Film. Einmal lachen bitte!

Es ist wohl eine Frage des Alters, ob man über Quartett lachen kann. Zumindest kann ich mir nur so erklären, dass sich die Kollegen um mich herum  köstlich amüsierten, während ich mich selten auch nur zu einem Schmunzeln durchringen konnte.

Das ist alles so furchtbar konstruiert. Auf gewisse Weise lässt sich Quartett mit Sex in the City 2 vergleichen, der ja ebenfalls dafür kritisiert wurde, seine Protagonistinnen in einer vollkommen entrückten, dem durchschnittlichen Zuschauer definitiv fremden Luxuswelt anzusiedeln. Und genauso erging es mir bei Quartett. Es machte für mich einfach keinen Sinn, dass diese ehemaligen Diven in großem Pomp ihren letzten Lebensabschnitt genießen, sich die Geschichte aber gleichzeitig um den finanziellen Bankrott der Einrichtung dreht. Wie wäre es damit, Doppelzimmer einzurichten, das Tafelsilber gegen IKEA-Besteck einzutauschen und statt Evian Leitungswasser zu servieren? Damit wäre doch schon viel gewonnen!

Da also die Geschichte um die finanziellen Nöte des Heims keine rechte Dramatik entwickeln möchte, ist die Storyline auf die Beziehungskiste zwischen Jean und ihrem Verflossenen Reggi angewiesen. Aber auch diese hat für mich leider nicht funktioniert. Während Reggi auf Jeans Ankunft zunächst mit scheinbar bedingungsloser Ablehnung reagiert, entschließt er sich im Folgenden unerwartet schnell, seiner Verflossenen noch eine Chance zu geben. Zwar entwickelt diese Geschichte einer gescheiterten Liebe einen gewissen Charme, doch kann dieser den Zuschauer keinesfalls durch den gesamten Film tragen. Quartett plätschert ereignisarm dahin, als wolle er die Nerven seiner greisen Protagonisten schonen. Dass die Seniorenresidenz den einzigen und nicht wirklich abwechslungsreichen Spielort bildet, trägt nicht unbedingt zum Unterhaltungswert des Ganzen bei.

Ach, was soll ich sagen. Ich will Quartett eigentlich nicht schlecht machen. Dafür verehre ich Dustin Hoffman viel zu sehr. Und sicher hat er sich bei der Adaption dieses Theaterstückes von Ronald Harwood auch etwas gedacht. Aber Film ist eben nicht Theater. Auf der Bühne mag diese kleine Geschichte funktionieren, für die Leinwand fehlt es für meinen Geschmack an Realismus. Dass der Zuschauer am Ende das große Quartett, um das sich ein Großteil der Handlung dreht, nicht einmal auf der Bühne erleben darf, macht den Frust noch größer. Vielleicht hätte Opernstar Gywneth Jones nicht in eine Nebenrolle verdrängt werden sollen. Mir ist wahrlich nicht ganz klar, warum Dustin Hoffman die Hauptrollen nicht mit echten Opernsängern besetzt hat. Das hätte dem Ganzen sicher einen besonderen Charme verliehen, der eventuell über die dramaturgischen Schwächen hätte hinwegtrösten können.

So kann ich den Film leider nur meiner Oma empfehlen. In der Tat habe ich in den – leider nicht sehr zahlreichen – Äußerungen der Figuren zum Thema Alter die Aussagen meiner Großeltern wiedererkannt. Ein wenig von dem realen Frust eines Menschen, der mehr und mehr die Kontrolle über seinen Körper und somit sein Instrument verliert, bringt Quartett wahrhaftig rüber. Einem jungen Menschen wie mir hat Dustin Hoffman leider wenig zu sagen. Und so ist alles was ich aus Quartett mitnehme die etwas zu oberlehrerhafte Aufforderung, statt Rapmusik endlich mehr Klassik zu hören.

KINOSTART: 24. Januar 2013

Pressespiegel bei film-zeit.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 2+7=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.