Que Horas Ela Volta? – Zwischen Küche und Esszimmer

by on 02/08/2015
© Gullane Filmes

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Ein kleiner Garten hinter einer Stadtvilla in Sao Paolo. Im Pool planscht ein kleiner Junge mit Schwimmflügeln und eine Frau im weißen Kittel steht daneben unter dem Sonnenschirm. „Ich habe keinen Badeanzug“, erwidert sie auf seine Frage, ob sie nicht zu ihm ins Wasser steigen wolle. Auf sein anderes Anliegen kann sie nicht so eloquent antworten: „Um wieviel Uhr kommt Mama nach Hause?“, will der kleine Fabinho immer wieder wissen.

Jahre später arbeitet Val (Regina Casé) noch immer im Haus der gleichen Familie. Fabinho (Michel Joelsas) ist älter geworden, ja, aber sonst hat sich nicht viel verändert. Er ist noch immer ihr Goldschatz und engster Vertrauter, sein Vater (Lourenco Mutarell) hingegen ist mit den eigenen Befindlichkeiten beschäftigt, die Mutter Bárbara (Karine Teles) den ganzen Tag für ihren Job in der Modebranche unterwegs. Dafür meldet sich eines Tages Vals Tochter Jéssica (Camila Márdila) aus der Heimat im fernen Nordwesten Brasiliens. Seit zehn Jahren hat sie die Mutter nicht mehr gesehen. Mittlerweile ist sie eine selbstbewusste junge Frau, die sich an der Uni in Sao Paolo bewerben will. Zu diesem Zweck darf sie eine Weile im Haus der Familie wohnen. Aber statt im Zimmer ihrer Mutter zu bleiben, quartiert sie sich im geräumigen Gästezimmer ein, freundet sich mit Fabinhos Vater an und landet auch noch im Pool der Familie. Die unausgesprochenen Standesregeln, an die sich die Menschen all die Jahre lang gehalten haben, werden von der jungen Frau mit nonchalanter Selbstverständlichkeit auf den Kopf gestellt.

Die Männer im Haus sind von Jéssicas Natürlichkeit schnell eingenommen. Bárbara kann den neuen Umgangsformen in ihrem Einflussbereich aber herzlich wenig abgewinnen. Und Val versteht einfach nicht, wie ihre Tochter all die ehernen Gesetze so einfach ignorieren kann. Die Eskalation ist vorprogrammiert. Que Horas Ela Volta? (The Second Mother) ist ein sehr brasilianischer Film, erzählt von einer Gesellschaft, in der zwar die Gleichheit Aller auf dem Papier steht, in der Praxis aber wenig von diesen hehren Zielen gelebt wird. In der es zum guten Ton gehört, als besser Gestellter eine Haushälterin zu beschäftigen. In der nahezu jeder kleine biografische Fakt eines individuellen Lebens auf die Politik des Landes verweist. Das bedeutet aber nicht, dass Que Horas Ela Volta? nicht auch ein universeller Film ist, der viel verrät über zwischenmenschliche Beziehungen und selbst auferlegte gesellschaftliche Regeln. Als Mutter und Tochter eines Tages im Garten der Familie stehen, erklärt Val: „Auf keinen Fall darfst du je diesen Pool betreten. Sollten sie dich einladen, erklärst du, dass du keinen Badeanzug dabei hast. Wenn sie uns etwas anbieten, dann tun sie das nur, weil sie damit rechnen, dass wir ablehnen.“ Der Film holt sein Publikum stets von seinem Standpunkt ab: einmal für die Thematik sensibilisiert, gelingt es uns Zuschauern nicht mehr, so unbefangen naiv auf die Ereignisse zu schauen wie noch in der scheinbar so idyllisch beiläufigen Anfangsszene.

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Regisseurin Anna Muylaert findet wunderbare Momente und Bilder für ihre Geschichte. Immer wieder filmt sie beispielsweise durch die Tür hindurch, die Küche und Esszimmer miteinander verbindet und zeigt die fein säuberlich getrennten Welten, die in dem Haus in unauffälliger Normalität aufeinander prallen. Auf der einen Seite die reichen Hausherren, die sich noch nicht einmal ihre Guaraná allein aus dem Kühlschrank holen wollen. Auf der anderen Seite die Angestellte, die sich noch nicht einmal traut, unbeobachtet am Küchentisch der Familie Platz zu nehmen. Ab und zu hinter der Wand lauschen oder an der Creme im Badezimmer schnuppern – das sind die einzigen Freiheiten, die sich Val erlaubt. Anna Muylaert vermeidet es, mit dem nackten Finger auf die Missverhältnisse zu zeigen, die sie thematisiert. Statt es sich leicht zu machen und in anklagenden Worten den Figuren nur ihre Thesen in den Mund zu legen, nutzt sie die Mittel des Films virtuos, entwickelt die Handlung aus den Charakteren ihrer Figuren heraus und schafft berührende Momente. Ein Pool wird so zum unsentimentalen Schauplatz eines zaghaften persönlichen Wandels, der stille Tränen des Glücks zutage fördert und ein schwarzweißes Kaffeeservice wandelt sich zum Symbol einer überaus optimistischen Selbstermächtigung.

Que Horas Ela Volta? ist aber auch ein sehr weiblicher Film. Regisseurin Muylaert und Kamerafrau Bárbara Alvarez werfen einen sehr ausgewogenen Blick auf ihre so unterschiedlich komplexen und fein gezeichneten Figuren. Dabei wird der Film nicht psychologisch, sondern bleibt viel eher ein genauer und liebevoller Beobachter. Seine Perspektive ist deswegen nicht ausschließlich weiblich, sondern hat jedem Menschen etwas zu sagen, unabhängig von Gender, Alter oder Herkunft. „Unser Land wandelt sich wirklich“, stellt Bárbara fest, als Jéssica ihr von ihren Studienplänen erzählt – und was sie als Anzeichen des drohenden Niedergangs interpretiert, bedeutet für Jéssica, für Val, für Fabinho und nicht zuletzt für uns Zuschauer das gute Gefühl von mutiger Zuversicht. Ich wünsche Que Horas Ela Volta? den Publikumspreis des Berlinale-Panoramas.

Que Horas Ela Volta? auf der offiziellen Berlinale-Website

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