Königin der Wüste – Die Prostitution des James Franco

by on 02/07/2015
© 2013 QOTD Film Investment Ltd.

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Ungläubiges Gelächter schallt durch den Berlinale-Palast. Auftritt Robert Pattinson – mit konzentriertem Blick und orientalischer Kopfbedeckung fachsimpelt er über die Kolonialpolitik im ehemaligen osmanischen Reich. In einer kleinen Rolle in Werner Herzogs Wettbewerbsbeitrag Queen of the Desert spielt er den legendären T.E. Lawrence und beweist, dass wir auf der Leinwand nur allzu selten Figuren sehen, sondern vielmehr eben die Schauspieler. Es bleibt dies nicht der einzige Lacher.

Mit seinem Biopic über die Forscherin Gertrude Bell hat der Herzog nämlich zunächst einmal vor allem eines – Spaß. Nicole Kidman spielt hier eine Frau, der Großbritannien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wesentlich zu eng ist. Erschrecke die Männer nicht mit deiner Intelligenz, mahnt die Mutter inständig. Aber warum sollte Gertrude – eine von nur vier weiblichen Studentinnen in Oxford – sich ihres Freiheitsdranges und ihrer Wissbegierde schämen? Weil der richtige Mann für sie in England noch lange nicht geboren scheint, begibt sie sich zu Verwandten nach Teheran und läuft prompt ihrer großen Liebe über den Weg.

Womit wir schon beim zweiten Lacher wären. Der Diplomat und Spieler Henry Cadogan wird von James Franco verkörpert und spätestens in den Szenen zwischen den beiden Verliebten wird klar, worauf Werner Herzog hier abzielt. Die abstruse Besetzung, die überdeutlichen Dialogzeilen, die ausladenden Bewegungen der Akteure, die pathetische und bewusst platte Inszenierung – Queen of the Desert ist in seiner ersten Hälfte ein einziger ironischer Kommentar auf scheinbar alles, was der Regisseur schon immer mal loswerden wollte: die Absurdität Hollywoods und seiner Protagonist_Innen, aber auch die tatsächliche Kolonialpolitik der Vergangenheit und die freiheitlich Verpackte der Gegenwart. Versteht man erst einmal, dass man nichts was auf der Leinwand geschieht wirklich ernst nehmen muss, hat man plötzlich genauso viel Spaß wie Herzog. Da prostituiert sich Franco regelrecht in seinem Werben um die schöne Blonde, Kidman verführt ihn mit abgedroschenen Sprüchen und in der nächsten Szene ragt schon der sogenannte Turm der Stille wie ein riesiges Phallussymbol in den blauen Himmel.

© 2013 QOTD Film Investment Ltd.

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Nur ist die Idylle nicht von Dauer. Gertrudes Vater verweigert seine Einwilligung zur Hochzeit, und als sie nach Hause fährt um Überzeugungsarbeit zu leisten, bringt Cadogan sich um. Fortan, schwört sich die junge Frau, will sie mit Liebe und Romantik nichts mehr zu tun haben. Stattdessen widmet sie ihr Leben der Forschung, besteigt Dromedare, reiht sich in eine Karawane ein und bereist die Wüste, um Reisetagebücher zu schreiben, bedeutende Emire zu besuchen und die Beduinenstämme zu studieren. Es wäre dies die Chance für Werner Herzog, dem Film einen weiteren spannenden Dreh zu geben und sich fortan ganz seiner durchaus außergewöhnlichen Hauptfigur zu widmen. Immerhin galt Gertrude Bell irgendwann als die Orient-Versteherin schlechthin und war maßgeblich an den Grenzziehungen in der arabischen Welt beteiligt. In der zweiten Hälfte beginnt sich die zuerst so stringente Spur von Queen of the Desert aber im Sand zu verlieren. Wunderschöne Aufnahmen der rauen Wüste bleiben, ja, aber die Dramaturgie zerfasert, bis wir nur noch einer Abfolge von scheinbar zusammenhanglosen Ereignissen beiwohnen. Der Ton wird ernster, das bedeutet aber nicht, dass wir nun die Leistungen der Gertrude Bell besser schätzen könnten. Die Figur bleibt distanziert wie eh und je, nur eben plötzlich ohne die so unterhaltsame Ironie.

Dass statt ihrer Arbeit ein neuer Erzählstrang sich lieber auf ihre zweite Liebschaft mit einem verheirateten Militär (der sich später übrigens ebenfalls in den Tod stürzt) fokussiert, wird der Hauptfigur ebenfalls nicht gerecht, und so bleibt Queen of the Desert letztlich nicht als Biopic über eine verdienstvolle Forscherin und Freidenkerin in Erinnerung, sondern als dieses beinahe Douglas Sirk-esk überdrehte Melodrama, das leider sein anfänglich so grandios witziges Niveau nicht konsequent beibehalten konnte.

Queen of the Desert auf der offiziellen Berlinale-Website

Kinostart: 3. September 2015

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