The Revenant – Terrence Malick in der Wildnis

by on 01/03/2016

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© 2015 Twentieth Century Fox

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Bei einer Expedition tief in der amerikanischen Wildnis wird der legendäre Jäger und Abenteurer Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) von einem Bären attackiert und von seinen Jagdbegleitern, die überzeugt sind, dass er dem Tod geweiht ist, zurückgelassen. In seinem Überlebenskampf erleidet Glass nicht nur unerträgliche Qualen, er muss auch erleben, dass sein vermeintlicher Beschützer John Fitzgerald (Tom Hardy) ihn verrät, beraubt und im Stich lässt. Angetrieben von der Liebe zu seiner Familie und einem schier übermenschlichen Willen zu überleben, um diesen Verrat zu rächen, kämpft Glass sich durch einen unerbittlichen Winter und eine feindliche Wildnis zurück ins Leben.

Schon von der ersten Sekunden an, als die entfesselte Kamera von Emmanuel Lubezki fast schon hypnotisch über das stille Wasser eines kleines Flusses in der nordamerikanischen Wildnis fährt, wird klar, dass wir uns in einer Art Traum befinden. Einem für Iñárritu schon fast typischen Halbtraum. Auch wenn im Tumult des kurz danach folgenden Angriffs der Indianer, als wir als Zuschauer mit den Trappern auf das Boot fliehen müssen und die Pfeile nur Millimeter neben der Kamera vorpfeifen, klar wird, dass dies kein schöner Traum ist. Wenn nicht sogar schon ein Albtraum.

Die brutale Eingangssequenz setzt die Maßstäbe für den Film: es wird hart für alle – Schauspieler und Zuschauer. Und so schnell und brutal die Eingangssequenz auch vorbei ist, so schnell werden die Fronten und das Setting in diesem Film klar: das Setting ist ab dem Moment, in dem die Überlebenden auf das Boot springen, auf das Minimum reduziert. Im Angesicht dieser archaischen Umgebung, in der der Mensch auf sich alleine gestellt ist, richtet sich der Fokus des Films auf den Menschen selbst, oder besser gesagt auf den tierischen Instinkt in ihm und seinen natürlichen Kampf zum Überleben. Dabei verläuft die Front nicht nur zwischen Mensch und Wildnis, sondern auch zwischen der Hauptfigur Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) und seinem Gegenspieler John Fitzgerald (Tom Hardy).
Nicht nur das Setting sondern auch der Dialog ist auf das Minimum reduziert – besonders bei Leonardo DiCaprios Figur. Und spätestens als er in der Wildnis zurück gelassen wird, sind die einzigen Töne die aus seinem Mund kommen das Schnaufen, das Atmen und die Geräusche des Schmerzes.

© 2015 Twentieth Century Fox

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Fast schon wie eine von Alejandro G. Iñárritu verordnete Ruhepause – die obendrein auch noch die Isolation der Figur untermauern – erscheinen da die wunderschönen Panoramaaufnahmen der schneebedeckten Wildnis, die die Sequenzen des Überlebenskampfes von Glass in der Wildnis zeigen.

Doch jenseits des zentralen Gegensatzes Mensch versus Wildnis, gibt es da noch den Gegensatz Rache versus Überleben. Klar, das Überleben generiert sich aus dem Begriffspaar Mensch und Wildnis, doch die Rache ist die zentrale Triebfeder der Geschichte. Die Triebfeder, die Glass dazu animiert zu überleben und Rache an Fitzgerald zu nehmen.

In dieses ganzen Setting von Gegensätzen und Extremen, mischen sich ganz im Sinne der anderen Filme von Iñárritu wie z.B. 21 Grams (2003), philosophie Fragen ein. Was ist der Mensch oder genau gesagt, wo ist in die Grenze zwischen Menschen und Tier? Und wo könnte die Frage am Besten beantwortet werden, wenn nicht in einer Extremsituation wie hier.
Es stellt sich daher nicht nur die Frage ob sich Rache lohnt, sondern auch: wer sind die „Wilden“? Ist es der Halbblutsohn von Hugh Glass, die Indianer oder doch die Trapper und Händler, die mit den Indianern Handel treiben und dabei deren Frauen vergewaltigen? „Nous sommes tout des sauvages“, wir sind alles Wilde, ist das Urteil des Films. Und so entwickelt der Film neben dem archaischen Leitfaden der Rache, wie als Gegensatz, auch um einen Leitfaden um das Thema der Vergebung. Iñárritu stellt sich nicht nur die Frage, ob Glass seinem Peiniger vergeben kann, sondern auch ob es möglich, die Indianer um Vergebung zu bitten. Vergebung für all das Leid, dass ihnen über die Jahrhunderter angetan wurde. Mehr sogar, er fragt sich, ob es möglich ist – und das ist wichtiger – den Toten und sich selbst zu vergeben.

Wie gesagt, philosophische Elemente sind in den Filmen des mexikanischen Regisseurs keine Seltenheit. Doch im Fall von The Revenant sind sie sehr präsent. Da kommt der Gedanke an Terrence Malick nicht von ungefähr. Und an dem scheiden sich ja bekanntlich die Geister. Der Film nimmt sich viel vor, denn er behandelt gleich drei philosophischen Aspekte auf einmal. Ein Wagnis, denn der Film balaciert immer zwischen den Extremen, speziell wenn Iñárritu mit den Traumsequenzen/Visionen von Hugh Glass aufwartet – selbst wenn diese in der gleichen visuellen Art und Weise dargestellt werden, wie manche Szene in Birdman or (The Unexpected Virtue of Ignorance). Der Film geht dabei einen Weg, der vielleicht jedem gefallen wird, doch es lohnt sich darauf einzulassen. Auch wenn man stellenweise am Sinn und an der Wirkung der besagten Traumsequenzen zweifeln kann. Gerade weil sie die Frage aufwerfen, ob sich der Film sich zu Kosten der Geschichte nicht doch im visuellen Rausch verliert.
Der Film ist im Ganzen eine tour de force, allen voran für Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio, der stellenweisen an sein Limit zu gehen scheint. Und vielleicht macht das die größte Magie dieses Films aus. Wollen wir hoffen, dass DiCaprio für die Strapazen nun endlich mit dem überfälligen Oscar belohnt wird. Er hätte es endlich verdient.

Pressespiegel auf film-zeit.de

Kinostart: 6. Januar 2016

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