Ringstraße statt Côte d’Azur – Herbstlese bei der Viennale

by on 10/26/2014

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© Viennale

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Dieses Wochenende geht’s wieder mit der Viennale los. Das Vienna International Film Festival ist ja gewissermaßen mein Heimfestival, ein halbes Heimspiel jedenfalls als ehemaliger Kurzzeit-Wiener, der jedes Jahr wieder zurückkommt in die einzige Stadt in Österreich, die den Namen verdient. Das gleiche könnte man über das Filmfestival sagen, aber da liegen die Dinge etwas komplizierter: Die Viennale ist als ältestes und größtes Festival gewissermaßen der Allrounder (daneben gibt’s eine Reihe von Spezialisten in Wien und der Provinz). Alles Aktuelle, was sich hier über die Leinwand bewegt, genießt das Vorrecht eine Österreich-Premiere zu sein – oder halt ein Teil der vielen Retrospektiven, Tributes und Personalen. So wie die klassische Coolness der John Ford-Retro, die die alten Western wieder durch den Analog-Projektor jagt (am Vorabend der Eröffnung hat sich gleich schon mal ein Projektor verabschiedet und Wagon Master lief mit Pausen zwischen den Akten – soviel zur Nostalgie der Analogprojektion).

Ein Tribute heißt heuer A Dangerous Method und ist dem König von Minas Tirith alias Aragorn alias Viggo Mortensen gewidmet. Der kommt zwar nicht zu seinem eigenen Tribute inklusive Der Herr der Ringe – Die Gefährten und dem aktuellem argentinischen Film Jauja (ein klingender Titel, by the way!). Aber wer will schon Schauspielstars und die unvermeidlichen Groupies? 😉 Die Viennale gibt sich da doch eher als „ernstes“ Festival für ein Publikum zwischen Kunst-Cineasten und Weltfilm-Nerds. Nur manchmal kokettiert man mit den Superstars am Roten Teppich. Das wollen die Sponsoren und die Medien (nicht nur die Society-Reporter) – und insgeheim wollen wir als Filmmenschen es doch eigentlich auch.

Nachdem Viggo kneift, gibt’s – nach Michael Caine und Will Ferrell in den letzten Jahren – heuer keinen großen Namen. Zumindest nicht in echt, sondern nur in den Filmen. Da ist die Viennale nämlich als Festival für’s Wiener Publikum das, was so schön als „Herbstlese des Festivaljahres“ bezeichnet wird. Soll heißen: hier gibt’s das beste der A-Festivals von B wie Berlinale im Februar über C wie Cannes im Mai bis V wie Venedig im August. Dazu noch ein bisschen Sundance-Independence und asiatische Liebhaber-Stücke und die ganze experimentelle Schiene für die Intellektuellen. Wer also nicht beruflich das ganze Jahr durch die Filmwelt jettet, kann hier einiges nachholen – eine praktische Sache.

Das spezielle Flair der Viennale liegt aber wohl in der Größe: Sie ist nicht so groß, dass Profis und Publikum in getrennten Vorstellungen sitzen, aber fühlt sich doch groß an. Immerhin ist die Viennale ja auch, entlang der Ringstraße, über die ganze Stadt verteilt, in fünf Kinos vom 50er Gartenbau-Galakino über das neu eröffnete 20er-Jahre-Theaterkino mit Logen bis zum puristischen schwarzen Filmmuseum. Sie sind alle rund um den imperialen ersten Bezirk verteilt. Wenn man also von einem Kino durch die grausame Wiener Winterkälte und die Touristen-Horden zum nächsten hetzt, fühlt man sich dort gleich wieder warm aufgehoben. Wer braucht da schon Côte d’Azur und Lido!?

Internationale Festival-Highlights:

  • Birdman von Alejandro Gonzáles Iñárritu
  • Clouds of Sils Maria von Olivier Assayas
  • Timbuktu von Sissako
  • Deux Jours, Une Nuit von den Brüdern Dardenne
  • The Homesman von Tommy Lee Jones
  • Magic in the Moonlight von Woody Allen
  • Nymphomaniac I & II (Director’s Cut) von Lars von Trier
  • Winter Sleep von Nuri Bilge Ceylan
  • Pasolini von Abel Ferrara

Abseits des aktuellen Kinogeschehens bei der Viennale:

  • große Retrospektive im Filmmuseum zum großen US-Regisseur John Ford
  • Würdigung des Kleinformats: “Revolutionen in 16mm”
  • Tributes für Schauspieler Viggo Mortensen und den algerischen Regisseur Tariq Teguia
  • Spezial-Programme zu Jean-Luc Godard, Harun Farocki, Fritz Kortner u.a.

Marian Wilhelm
kaatibun movies and more

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