Sag nicht, wer du bist – Das Psycho-Experiment

by on 07/04/2014

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© KOOL Filmdistribution

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Ein weites, flaches Feld, von einer schon sehr tief stehenden Sonne in goldenes Licht getaucht. Das Rauschen eines Autos durchschneidet die Stille. Es fährt schnell und zielstrebig die gerade Straße entlang, immer weiter auf die Farm zu, von der sich sein Insasse für die nächste Zeit nicht mehr freimachen können wird.

Ich liebe die Filme von Xavier Dolan. Die irre Videoclipästhetik, die Spiele mit dem Bildformat und die bunte Mischung aus Klassik und Popsongs, die extravaganten Kostüme der ebenso extravaganten Figuren, die verspielten Montagen und Zeitlupen und die vielen popkulturellen und filmischen Referenzen, denen der Jungregisseur trotzdem eine eigene ganz Handschrift hinzuzufügen weiß. Dass ich Sag nicht, wer du bist sehen wollte, stand für mich fest. Und zwar trotz des Wissens, dass ich es hier mit einem eher untypischen Dolan-Werk zu tun bekommen würde. Untypisch zumindest in einigen Aspekten.

Als Tom (Xavier Dolan) an seinem Ziel ankommt, ist das goldene Sonnenlicht wie ausgelöscht. Die Farm mitten in der kanadischen Provinz liegt eingehüllt von grauem, feuchten Nebel. Und anders als erwartet wird Tom hier noch nicht sehnsüchtig erwartet. Er hat seine Heimatstadt Montreal verlassen, um die Beerdigung seines Geliebten Guillaume zu besuchen, dessen Familie er nie kennengelernt hat. Jetzt sitzt er in der Küche von Agathe (Lise Roy), doch die weiß noch nicht einmal, dass ihr Sohn homosexuell gewesen war. Guillaumes Bruder Francis (Pierre-Yves Cardinal) gibt Tom schon bald nachdrücklich zu verstehen, dass das auch um jeden Preis so bleiben muss.

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Mit seinem vierten Spielfilm wollte sich Xavier Dolan ganz bewusst von der Inszenierungsweise seiner vorangegangenen Trilogie über die unmögliche Liebe absetzen – und das ist ihm auch gelungen. Sag nicht, wer du bist ist ein kein überdrehtes Melodrama, sondern ein weitgehend konventionell erzählter Psychothriller mit einigen geschickt gearbeiteten Hitchcock-Anleihen. Popsongs kommen nur noch vereinzelt innerhalb der Diegese vor, stattdessen wechselt sich beklemmende Stille mit einem Suspense evozierenden Score von Gabriel Yared ab. Nur weil ein Film sich stärker an Genrekonventionen orientiert, heißt es aber glücklicherweise noch lange nicht, dass er unoriginell oder langweilig ist. Wenn wir zu Beginn Francis nur mit stark verschattetem Gesicht zu sehen bekommen, stellt sich umgehend ein intensives Gefühl der Bedrohung ein und wenn Tom auf der Flucht vor dem zunehmend brutalen Mann durch ein Weizenfeld rennt, wird seine Panik beinahe greifbar. Xavier Dolan versteht es, mit reduzierten Mitteln die größtmögliche Wirkung zu erzielen und hält dabei nicht nur eine unterhaltende Spannung aufrecht, sondern stellt auch noch gesellschaftliche, psychologische und politische Fragen, an denen wir Zuschauer uns abarbeiten können.

Zum Beispiel diese: wieso zum Teufel bleibt Tom auf der Farm? In seinem masochistischen und nur schwer nachvollziehbaren Verantwortungsgefühl erinnert er an den blond gelockten, naiven jungen Mann aus dem deutschen Horrorthriller Tore Tanzt, der sich ebenfalls seinen Peinigern mehr oder weniger freiwillig aussetzte. Oder die Frage nach dem Grund für Francis Brutalität, bei der wir zwar aufgrund der Inszenierungsweise eine eigene unterdrückte Homosexualität vermuten können, deren lückenlose Beantwortung der Regisseur aber glücklicherweise schuldig bleibt. Hier verschieben sich die Parameter, die sonst den roten Faden in den Filmen von Xavier Dolan bildeten: die Mutter ist keine Löwin mehr, die verzweifelt und blindlings um die Gunst ihres Kindes kämpft, sondern fügt sich mit naiver Zurückhaltung überfordert in ihr Schicksal. Und auch die Großstadt bekommen wir nur als fernes Leuchten zu Gesicht; als eine Ahnung von einem Ort, der so ganz anders ist und an dem doch ganz ähnliche Gefahren lauern. Der schmalzige Synthpopsong „Pleur dans la pluie“ von Mario Pelchat, der während der Beerdigungszeremonie aus einem Ghettoblaster schallt, ist nur noch eine schwülstige Erinnerung an die Vergangenheit.

Aber Xavier Dolan kehrt zurück. Sag nicht, wer du bist ist nicht sein jüngstes Werk. Mittlerweile feierte das großartige Drama Mommy seine Premiere auf dem Filmfestival in Cannes und es ist die formvollendete Rückkehr in die Stadt, zurück zum over the top. Dieser Thriller steht nicht unbedingt für eine neue Tendenz des Regisseurs und es ist auch nicht sein bestes Werk. Er ist mehr als Experiment zu verstehen, als der Film eines jungen Mannes, der nicht weniger versucht, etwas über sich herauszufinden als seine Figuren. Wie schön für uns, dass er sogar in seinen Experimenten sein Handwerk derartig gut versteht.

Kinostart: 21. August 2014

Pressespiegel auf film-zeit.de

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