Saiten des Lebens

by on 03/18/2013
© Senator

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Philip Seymour Hoffman kann in Filmen bestens von schwachen Drehbüchern ablenken – das beweist er in Saiten des Lebens. Wenn ich jemandem in diesem Jahr den Oscar für den Besten Nebendarsteller gegeben hätte, dann ihm für seine überragende Leistung in The Master. Der Mann kann einfach alles darstellen. Auch einen Musiker in der Midlife Crisis.

Robert (Philip Seymour Hoffman) spielt die zweite Geige in einem erfolgreichen Streichquartett mit seiner Frau, der Bratschistin Juliette (Catherine Keener) und seinem alten Studienkollegen Daniel (Mark Ivanir). Als Vierter und Ältester im Bunde komplettiert Peter (Christopher Walken) The Fugue. Das Ende des gefeierten Quartetts rückt plötzlich jedoch in erschreckend greifbare Nähe, denn Peter bekommt eine niederschmetternde Diagnose: Parkinson. Schon überschlagen sich die Ereignisse im sonst so routinierten Leben der Musiker: Peter will sich nach dem nächsten Konzert zur Ruhe setzen, ein passender Ersatz muss gefunden werden und Robert sieht in der Veränderung seine Chance, um endlich die erste Violine spielen zu dürfen. Seine und Juliettes gemeinsame Tochter Alexandra (Imogen Poots) durchlebt währenddessen eine ausgewachsene rebellische Phase, und schon spielen die Instrumentalisten Beethovens Streichquartett Nr. 14 cis-Moll op. 131 mehr gegen- als miteinander.

Beethoven ist einer meiner Lieblingskomponisten. Und auch, wenn ich eher zu den groß angelegten Sinfonien tendiere, wollte ich direkt mehr hören, als Mark Ivanir in seiner Rolle als Daniel erklärte, wenn Komponisten ihre innersten Gefühle ausdrücken wollten, so griffen sie am liebsten zum Streichquartett. Das erscheint mir einleuchtend. Eine überschaubare Gruppe miteinander seit langem vertrauter Menschen mag zum Ausdruck feinerer, intimerer Emotionen imstande sein als ein großes Sinfonieorchester. The Fugue spielt Beethovens Opus 131, und das scheint mir eine gelungene Metapher. So wie sich die Instrumente während der sieben nahtlos ineinander übergehenden Sätze verstimmen, sind auch die vier Musiker bald nicht mehr im Einklang.

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Schade nur, dass der erste Langfilm von Yaron Zilberman diese ambitionierte Haltung nicht konsequent verfolgt. Während Grundidee und Darstellerriege zu überzeugen wissen, wartet ganz besonders das Drehbuch mit einigen krachenden Schwachstellen auf. Da werfen anerkannte Künstler mit leeren Dialogphrasen um sich, die in ihren übelsten Momenten an Seifenopern à la Gute Zeiten, Schlechte Zeiten erinnern. Da sprechen feinfühlige und hochgradig intelligente Musikerkollegen jede empfundene Emotion dreimal aus, damit auch noch der Letzte im Kinosaal garantiert folgen kann. Von einem Film, der mit seinem Sujet gezielt das Bildungsbürgertum anspricht, hätte ich ehrlich gesagt schon ein wenig mehr Intelligenz erwartet. Oder zumindest Cleverness. So kündigt der verrutschte deutsche Titel Saiten des Lebens aber leider zu Recht einen eher etwas sentimentalen Film an, der nur allzu leicht wieder aus dem Gedächtnis verschwindet.

Einzig Philip Seymour Hoffman konnte mich dann doch so richtig überzeugen. Er gibt seiner Figur die nötige psychologische Tiefe, um über die schwachen Dialoge hinwegzuhören. Selbst den Violinisten habe ich ihm abgenommen, während ich bei den anderen Darstellern – und besonders bei der sonst ganz passablen Imogen Poots – permanent das unangenehme Gefühl nicht loswurde, dass dort schlicht ein Schauspieler mit einer Geige steht.

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Ähnlich verwirrt wurde ich noch dazu durch diverse Gefühlsausbrüche und Sinneswandel der Figuren. Woher kommt das denn jetzt, fragte ich mich, als Alexandra urplötzlich die ewig vernachlässigte Tochter heraushängen ließ. Einen Schuss Familiendrama, gewürzt mit allen nur möglichen Formen gescheiterter Liebesbeziehungen, eine mitleiderregende Krankengeschichte und oben drauf noch ein wenig Konkurrenzgehabe wie live aus der Steinzeithöhle. Irgendwann hatte ich nicht mehr den Eindruck, ein professionelles Streichquartett vor mir zu sehen, sondern eher einen dem Nachmittagsfernsehen entsprungenen Inzestverein.

Nun gut, ich gebe es zu, ich übertreibe ein wenig. Aber je länger ich über Saiten des Lebens nachdenke, desto weniger passt alles für mich zusammen. Robert, Juliette, Peter und Daniel proben gemeinsam in ihren schicken New Yorker Appartements, sie joggen im Central Park, sitzen am Abend in Bars oder verbringen ihre Nachmittage auf Gestüten, immer auf der Suche nach dem perfekten Schweifhaar für die Geigenbögen. So elitär wie das Leben seiner Figuren gibt sich auch Yaron Zilbermans Film mit seiner bourgeoisen Idee – um dann mit seinem optimierungswürdigen Drehbuch den Zuschauer für dumm zu verkaufen. Schade, finde ich. Beethoven und Philip Seymour Hoffman in einem Film, das hätte glatt was werden können.

KINOSTART: 02. Mai 2013

Pressespiegel bei film-zeit.de

One Response to “Saiten des Lebens”

  • Kersten Ihne says:

    Werte Cutrin,

    Ihre Bewertung des Films Saiten des Lebens ärgert mich – überrascht mich aber wiederum nicht, wenn ich lese, dass Sie etwa den Film The best offer positiv bewerten.

    Schätzen Sie sich glücklich, dass das Leben sie offenbar bislang davor verschonte, Ihre ästhetisierten und formbehafteten Vorstellungen des menschlichen Miteinanders hinterfragen zu müssen. Sollte es sie jedoch irgendwann einmal einholen und behelligen, wird es Ihnen schnell den wahren Unterschied zwischen Phrasen und gelebten Einsichten vermitteln. Und dann, werte Frau Cutrin, schauen Sie sich die beiden Filme nochmals an – und ich bin überzeugt, dass Sie beschämt meine Verärgerung über Ihre leichtfertigen und selbstverliebten Kritiken verstehen werden.

    Bis dahin gleichwohl freundliche Grüße

    Kersten Ihne

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