Sangue Azul – Das versprochene Paradies

by on 02/05/2015

Ein Boot nähert sich einer einsam im Meer liegenden Insel. Wir Zuschauer befinden uns nicht darauf: die Kamera hängt vielmehr außen an der Schiffswand, so dass wir von außen sehen, wie der Bug unentwegt auf den Wellen tanzt. Dann versperrt ein Kopf uns die Sicht: Zolah (Daniel de Oliveira) hat sich über die Reling gebeugt und übergibt sich ins Wasser. So paradiesisch die nahende Insel auch scheinen mag: schon in dieser ersten Einstellung kündigt sich uns an, dass hier etwas rein gar nicht stimmt.

Zolah heißt eigentlich Pedro. Nachdem ihn seine Mutter Rosa (Sandra Coverloni) vor Jahren einem Wanderzirkus übergeben hat, ist er als Kanonenmann um die halbe Welt gereist und kehrt nun erstmals zurück zu seinem Heimatort. Aber all das wissen wir zuerst einmal noch gar nicht. Das brasilianische Melodrama Sangue Azul (Blue Blood) von Lirio Ferreira beginnt in dialogarmen und berückend schön komponierten Schwarzweißbildern. Direkt an der brodelnden Atlantikküste der im Film namenlosen Insel bauen die Männer des Zirkus Neptun ihr Zelt auf. Dunkel heben sich die Planen gegen den Himmel ab, definierte Muskeln glänzen im Sonnenlicht. In ihrer perfekt durchgezeichneten Ästhetik erinnern diese ersten Momente optisch an Werke wie Fellinis 8 1/2 oder  den sträflich unterschätzten Stardust Memories von Woody Allen. Die erste Vorstellung beginnt, die Zuschauer klatschen begeistert und auf einer großen, phallischen Kanone nimmt der Kanonenmann Platz. Alle Augen sind gebannt auf ihn gerichtet, als er in das Zielrohr klettert – und als er mit einem lauten Knall in das gegenüber aufgebaute Sicherheitsnetz geschossen wird, finden wir uns plötzlich wieder in einem rauschenden Farbenmeer.

© Rodrigo Valenca

© Rodrigo Valenca

Wenn Lirio Ferreira in seinem Film auf eines Wert gelegt hat, dann auf seinen Stil. Sangue Azul bleibt wunderschön anzusehen, die vielen Zirkusnummern entfalten einen hypnotischen Sog, die Farben flirren auf der Leinwand und ein bedeutungsschweres Symbol reiht sich an das Nächste. Die namenlose Insel (gedreht wurde übrigens auf der abgelegenen Fernando de Noronha) wird so zu einem abgeschlossenen Universum und der Zirkus zu einem eigenen kleinen gesellschaftlichen Mikrokosmos, der nur so lange funktioniert, wie er nicht in Kontakt mit der Außenwelt tritt. Zolah verliebt sich in die verheiratete Tauchlehrerin Raquel (Caroline Abras) und erst mit der Zeit lernen wir zu verstehen, dass sie seine leibliche Schwester ist. Der tabubehaftete Inzest verbleibt in Andeutungen, genau wie die Motivationen und Charakterzüge der Figuren. Auf der narrativen und somit offensichtlichsten Ebene bleibt Sangue Azul so ein schwieriger Film. Er verbittet sich, seine Zuschauer mitfühlen zu lassen. Er erzählt eine typisch melodramatische Geschichte und verbietet uns die Emotionen, die dieses Genre eigentlich zum Tragen bringen. Es fällt deshalb leicht, Lirio Ferreira zu unterstellen, dass sein Werk nicht mehr ist als eine schöne Oberfläche, dass es schlicht nicht funktioniert. Und auch die symbolisch-repräsentative Ebene kommt letztlich zu platt daher, um für Begeisterung zu sorgen.

Trotzdem ist dieser Film nicht nur dafür geschaffen, Bilderfetischisten zu befriedigen. Es lohnt sich vielmehr, einen genaueren Blick auf die Inszenierung zu werfen. Immer wieder versucht Ferreira uns zu verführen. Wir sollen uns fallen lassen in den Bilderfluss, die glänzenden Fischschwärme im Atlantik, die imposante Bucht der Insel, die geschmeidigen Bewegungen der Tänzerin Teorema (Laura Ramos). Und dann stört er uns doch wieder. Durch das milchig blinde Auge des Fischers, ein in der abendlichen Vorführung schlecht geworfenes Messer, die tätowierten Tränen des Artisten Gaetan (Matheus Nachtergaele), durch die wackelige Kamera und den auf der Tonspur ständig rauschenden Wind, durch ein dröhnendes Flugzeug, das völlig unerwartet die Ruhe durchschneidet. Sangue Azul verspricht uns das Paradies und enthält es uns dann doch vor. Aber es ist wohl wie der Zirkusdirektor und Illusionist Kaleb (Paulo Cesar Pereio) mit seiner tiefen, weisen Stimme sagt: absolute Sicherheit ist Feigheit.

Sangue Azul auf der offiziellen Berlinale-Website

Teaser Sangue Azul from Mostra Grátis Cine on Vimeo.

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