Schlussmacher

by on 12/31/2012

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© 20th Century Fox

Ausgerechnet an dem Tag, an dem die Pressevorführung zu dem neuen Film von Matthias Schweighöfer mit dem „vielversprechenden“ Titel Schlussmacher anstand, erinnerte mich IndieWire daran, wie sehr mir der erste Regie-Streich des deutschen Sonnyboys missfallen hatte. Die Ausgangssituation war also denkbar ungünstig. Umso überraschender, dass mich der Film wahrhaftig amüsiert hat.

Die Grundidee ist als solche schon deutlich interessanter als das ausgelutschte „Wann ist ein Mann ein Mann“ aus dem letzten Film: Paul (Matthias Schweighöfer) ist von Beruf Schlussmacher. Das heißt, er geht im Auftrag seiner Agentur zu nichtsahnenden Menschen und verkündet ihnen die traurige Botschaft, dass ihr Partner sich hiermit von ihnen trenne. In Anbetracht einer derart emotionskastrierten Tätigkeit ist es kaum verwunderlich, dass Paul selbst keine engen Beziehungen pflegt, was seine aktuelle Freundin oder Affäre (das ist wohl eine Frage der Perspektive) sehr bedauert. Doch Paul hat nur Augen für seine Karriere. Der Aufstieg zum Partner der Agentur steht kurz bevor. Doch gerade jetzt macht ihm ein Auftrag einen Strich durch die Rechnung. Nachdem er Toto (Milan Peschel) die Trennungsbotschaft seiner Freundin überbracht hat, wird er den verplanten Gutmenschen einfach nicht mehr los. Chaos breitet sich in Pauls geordnetem Leben aus. Gleichzeitig öffnet ihm sein neuer Begleiter aber auch die Augen für den Wert zwischenmenschlicher Beziehungen.

Ja sicher. Die Handlung von Schlussmacher zeichnet sich nicht durch unvorhergesehene Twists aus, sondern folgt brav der für deutsche Komödien vorgesehenen Storyline. Auch die Filmmusik markiert klar die Zugehörigkeit zum deutschen Unterhaltungskino, erinnert sie doch stark an Keinohrhasen, Männerherzen und What a Man. Das ist übrigens eine vollkommen neutrale Feststellung und keine Wertung. Es ist am Unterhaltungskino per se nichts auszusetzen. Wenn es denn funktioniert! Und in diesem Fall, so meine ich, funktioniert es tatsächlich. (Was man von What a Man nicht behaupten konnte. Sorry, aber das musste ich jetzt einfach noch mal sagen.)

Dass Schlussmacher deutlich witziger ist als Schweighöfers erster Film ist jedoch vor allem Milan Peschel zuzuschreiben, der in What a Man einfach zu wenig Screentime hatte. Nun ist er – vollkommen berechtigt – zur Hauptfigur aufgestiegen und fungiert als Mattis Begleiter. Schlussmacher ist sowieso weniger Romantic Comedy als vielmehr eine Art Buddy Movie mit einem Schuss Road Trip (Paul und Toto düsen im Laufe des Films durch ganz Deutschland), ein Konzept, das mir aus mehreren Gründen weitaus sympathischer ist. Aber zurück zu Milan Peschel. Seine Darstellung des esoterisch angehauchten, immer knapp an der Realität vorbei schrammenden und zugegebener Weise Nerv tötenden Totos ist mehr als nur gelungen. Seine clowneske Mimik und Gestik ist der einzige Grund dafür, dass der Slapstick-Humor größtenteils funktioniert. Man kann sich an Toto einfach nicht sattsehen, möchte ihm seinen eigenen Film – nein – seine eigene Serie geben. Es ist einfach eine Freude ihm zuzuschauen. Matthias Schweighöfer passt natürlich wie Arsch auf Eimer in die Rolle des smarten Aalverkäufers. Mit seinem spitzbübischen Lachen kann er jedem Trennungsopfer die Situation als positiv verkaufen – vermutlich würde dem Charmebolzen das auch im wahren Leben gelingen. Gleichzeitig hat er natürlich diese verletzliche Aura, die uns Frauen davon träumen lässt, ihn ganz fest an unsere Busen zu drücken und ihm beruhigend das krause Haar zu streicheln. Ist schon gut Matti, ist ja gut. Nichtsdestotrotz ist seine Figur über weite Strecken des Films weitaus weniger interessant als der verrückte Toto. Erst gegen Ende, wenn Pauls Charakter mehr Tiefe gewinnt, während Totos Charakter immer eindeutiger nur das Generieren von Lachern zum Ziel hat, entwickeln wir als Zuschauer endlich Sympathie mit dem vom Leben gebeutelten Schlussmacher.

Ganz so positiv ist das Filmerlebnis dann aber auch wieder nicht. Wie bereits erwähnt, ist es nur Milan Peschel zu verdanken, dass der Humor in Schlussmacher nicht dieselbe unfreiwillige Komik und den unangenehmen Fremdschämfaktor von What a Man entwickelt. Zu oft verlässt sich Matthias Schweighöfer auf pubertären, nein, infantilen Fäkalhumor (Pipi, Kacka, ha, ha, ha). Auch sind einige Episoden leider maßlos überzeichnet, so dass das amüsierte Lachen in ein ratloses Schmunzeln und schließlich in ein entnervtes Verdrehen der Augen übergeht. Auch Wut war eine der Emotionen, die Schlussmacher bei mir auslöste. Warum müssen übergewichtige Frauen immer als abstoßende Furien dargestellt werden, die den Helden Todesangst einflößen? Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen übergewichtigen Mann in einer solchen Rolle gesehen zu haben.

Mein größtes Bedauern gilt dem Verschenken des Potentials. Nicht nur des Schauspieltalents von Matthias Schweighöfer, das sicher auch anspruchsvollere Filme tragen kann als seichte Komödien, sondern vor allem auch der gesellschaftlichen Relevanz. Schon What a Man sprach ein im Grunde intelligentes Thema an: Wie kann Mann sich heute also solcher definieren, wenn die Gesellschaft bemüht ist, Geschlechterunterschiede sukzessive aufzuheben? Leider gelang Matthias Schweighöfer das fast Unmögliche: In seiner hohlen, vollkommen austauschbaren Komödie war von der Ernsthaftigkeit dieser Gedanken einfach nichts mehr zu erkennen. Ähnlich verhält es sich mit Schlussmacher. Der Film thematisiert die ernstzunehmende Veränderung unserer Beziehungen. Mehr als die Hälfte aller Ehen werden geschieden. Und jedes Mal, wenn eine Familie zerbricht, zerbricht auch ein kleines Kinderherz. Zu unterschiedlichem Grade vielleicht, aber doch immer ein bisschen. Paul ist solch ein Kind, dem es als Erwachsener schwer fällt, noch an Liebe und die positive Kraft zwischenmenschlicher Beziehungen zu glauben. Über weite Strecken hinweg ist jedoch dieses Thema so tief unter flachen Witzen und klebrigem Kitsch vergraben, dass wir es kaum erkennen können.

Auch an anderen Stellen scheint Matthias Schweighöfer Gesellschaftskritik zu üben, nur um sie gleich wieder zu negieren. So zum Beispiel, wenn Paul und Toto bei Pauls lesbischer Schwester und deren Lebensgefährtin zu Gast sind und darüber geredet wird, dass lesbische Beziehungen von heterosexuellen Männern immer sofort mit erotischen Fantasien assoziiert werden. Kaum ist das diskriminierende Potential dieser Haltung etabliert, tappt der Film auch schon in seine eigene Falle und setzt die Lesben erotisch in Szene. Mission gescheitert. Etwas besser gelingt die Kritik, die Schlussmacher an der sexistischen Einstellung seiner männlichen Protagonisten übt. Von Toto einmal abgesehen behandeln die Männer ihre Frauen wie austauschbare Objekte. Meist sind sie es, die den Schlussmacher engagieren, und ist es doch einmal eine Frau, dann ist bestimmt trotzdem an anderer Stelle ein Mann im Spiel – ein neuer Lover, ein strenger Vater, etc. „Kein Mann sieht in ner Frau nur n Mensch, es sei denn er ist schwul“, sagt Paul an einer Stelle sehr treffend. In Anbetracht dieser kritischen Klarsicht ist die oben beschriebene Diskriminierung übergewichtiger Frauen besonders ärgerlich.

 

Meine abschließende Botschaft an den Regisseur:

Lieber Matthias Schweighöfer,

Es ist Ihnen gelungen, einige Fehler aus What a Man in Schlussmacher zu korrigieren. Erneut wird deutlich, dass Sie sich über Ihre Geschichten wirklich Gedanken machen und bewusst Themen wählen, die für uns hier und heute interessant sind. Aber wieso, wieso, wieso, wieso verpacken Sie diese immer in einen derartigen Klamauk, der an der Grenze zum Niveaulosen rangiert? Wieso nutzen Sie Ihr offensichtliches Talent nicht für anspruchsvollere Filme, die nicht nur unterhalten, sondern uns auch wirklich etwas mit auf den Weg geben? Ich glaube an Sie! Ich glaube, dass das in Ihnen steckt. Und sollten die Selbstzweifel zu stark an Ihnen nagen, drücke ich Sie gerne an meinen Busen und streichele Ihnen Ihr krauses Haar.

Hochachtungsvoll,

filmosophie

KINOSTART: 10. Januar 2013

Pressespiegel bei film-zeit.de

3 Responses to “Schlussmacher”

  • Anja Winzer says:

    Schade, dass ein Film wie “ Männerherzen“ hier in einer Reihe mit solch seichten, altbackenen „Pipi-Kaka“ Humor Filmen wie “ What a man“ oder “ Keinohrhasen“ genannt wird.
    „Männerherzen“ ist meiner Meinung nach die mit Abstand beste, deutsche Komödie der letzten Jahre, die Schauspielperformances sind viel besser, die Pointen viel leiser, die einzelnen Geschichten viel raffinierter, realistischer und auch ernsthafter erzählt als in Schweiger / Schweighöfer Filmen.
    Schweighöfer macht genau wie sein Vorbild Schweiger billige Klamauk – klamotten mit Holzhammer Witzen und platten Figuren ( die aggressive, fettleibige Frau im Trailer von Schlussmacher ist ein Paradebeispiel)
    In diese Kiste gehört ein Film wie „Männerherzen“ einfach nicht, er ist viel näher dran an Filmen wie“ Crazy Stupid Love“und diese Art Differenzierung könnte man schon mal erwarten, insbesondere weil solche Filme hierzulande einfach sehr, sehr selten sind.

    • filmosophie
      filmosophie says:

      Da fühle ich mich ein bisschen missverstanden. Ich stimme Dir nämlich absolut zu, was den Unterschied zwischen Männerherzen und What a Man betrifft. Meine Assoziation bezog sich ausschießlich auf die Filmmusik!

  • Matte says:

    Komme grad aus dem Film und muss sagen: So`ne lange Benz Werbung habe ich noch nicht gesehen! Kein Scherz -der Trailer reicht vollkommen. Bei dieser nervigen Achterbahnfahrt zwischen überdrehter Slapstickkömödie und neurotischer Tiefenpsychologie weiß man bei bestem Willen nicht worauf man sich einstellen soll. Der Film ist höchstens was für eingfleischte Schweighöfer Fans, mir hat der Film leider nicht gefallen.

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