Schmitke – Der Ausbruch aus dem Hamsterrad

by on 06/23/2015

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Das Festival des deutschen Films in Ludwigshafen, idyllisch in großen Zelten direkt am Rhein gelegen, bezeichnet sich selbst als Festival für „eigensinniges deutsches Autorenkino der Gegenwart“. Davon habe ich – zumindest in den ersten Tagen meines Aufenthalts – äußerst wenig gesehen. Bis zur Vorführung von Schmitke, dem Langfilmdebut von Stepan Altrichter, einem Film, der sich mit aller Kraft dagegen sträubt, in eine Schublade gesteckt zu werden.

Schmitke beginnt mit nahezu skandinavischer Trockenheit, einer Komik, die sich aus dem Alltäglichen generiert. Altrichter fängt das eintönige Leben seines Helden in oft statischen und sich wiederholenden Einstellungen ein. Die wiederkehrende Routine entwickelt bittere Komik. Schmitkes (Peter Kurth) Tätigkeit als Ingenieur für Windräder ist sehr bewusst gewählt, denn so wie seine Räder dreht sich auch Schmitkes Leben ewig weiter und kommt doch nie vom Fleck.

Aber dann durchbrechen plötzlich mehrere Ereignisse seine Routine. Hippie-Tochter Anne (Lana Cooper) kehrt von einer Erleuchtungsreise zurück und versucht (vergeblich) ihren Vater für die esoterische Wirkung von Steinen zu begeistern. Und dann wird Schmitke auch noch von seinem Labor in den Außendienst versetzt und muss sich mit seinem nervtötenden Kollegen Thomas (Johann Jürgens) auf eine Reise nach Tschechien begeben, um in einem verschlafenen Nest mitten in den Bergen ein altes Windrad zu reparieren.

schmitke 2

© Credofilm

Wenn Schmitke seine geordnete Welt verlässt, verändern sich auch Stimmung und Stil des Films. Die trockene Tragikomik macht einer wachsenden Bedrohung platz. Altrichter inszeniert den Wald sowohl als Sehnsuchtsort wie auch als diffuse Gefahr und zieht diese Aspekte motivisch durch seinen Film. Ist es zunächst noch die Radionachricht vom „Bären-Mann“, der in der Wildnis aufgegriffen wurde, und ein mysteriöses Gebüsch, das Schmitke auf seinem Heimweg regelmäßig aus dem Konzept bringt, sind es nun die mit Nebelschwaden überhangenen tschechischen Wälder, die seinen Helden auf unerklärliche Weise faszinieren.

Doch der Wald ist nicht das einzige Motiv des Films. Rotierende Apparaturen, Hirsche und vermutlich noch einiges mehr, das von mir unbemerkt blieb, tauchen immer wieder auf und verleihen Schmitke etwas (Alb)Traumhaftes. Erzählebenen verschieben sich und stellen die Zuschauer_innen vor ein Rätsel. Was ist Traum, was Wirklichkeit? Auch das tschechische Nest, in dem Schmitke und Thomas stranden, wirkt wie eine zeitlose Parallelwelt. Wie das kaputte Windrad, das einfach nicht stehen bleiben möchte, scheinen sich auch im Dorf die Tage auf mystische Weise endlos zu wiederholen.

Der Wald als Ort, in dem der Mann noch Mann sein kann, scheint der einzige Ausweg aus der ewigen Wiederkehr des Gleichen zu sein. Das ist vielleicht ein bisschen sehr stereotyp gedacht, ebenso wie das offensichtliche Gegensatzpaar Technik-Natur ein wenig zu platt daher kommt. Schmitke muss lernen, dass sich nicht alles mit mechanischer Genauigkeit kontrollieren und reparieren lässt. Er muss loslassen, sich in den Kreislauf des Lebens ergeben und ihn genießen lernen. Dann und nur dann kann paradoxer und doch logischer Weise das Hamsterrad stehen bleiben.

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© Credofilm

Da ist so viel in Schmitke, was man_frau lieben kann. Wunderschöne Bilder der Natur, manchmal malerisch, manchmal bedrohlich. Verschiedenste Themen und Motive, die subtil zu einem komplexen Bedeutungsnetz verbunden werden, ohne nach Dechiffrierung zu schreien. Aber da sind auch Probleme, vornehmlich dramaturgischer Natur, die den Filmgenuss schmälern, oder – positiv formuliert – eine Herausforderung für die Zuschauer_innen darstellen.

Der Auftritt Annes bleibt zu isoliert. So schnell wie sie auftaucht, ist sie auch schon wieder verschwunden und spielt für die weitere Geschichte keinerlei Rolle mehr. Schmitke und der Film lassen die Tochter kommentarlos zurück, als habe sie weder für ihren Vater noch für die Handlung irgendeine Bedeutung. Auch Thomas steigt plötzlich aus der Geschichte aus. Statt als eigene Charaktere dienen die Figuren als Accessoires des Helden, sind ausschließlich durch ihre Funktion für Schmitke definiert, so dass der Film zu einem zähen Ein-Personen-Stück wird.

Auch ist die Arbeit mit Motiven und der mysteriösen Aufladung des Waldes zu gewollt und schließlich in ihrem Scheitern zu deutlich sichtbar. Die vermeintliche Bedrohung bleibt auf der narrativen Ebene stehen und kommt nicht als Gefühl beim Publikum an. Es fehlt an Spannung und Atmosphäre, um die repetitiven Bilder und Szenen auszugleichen. So wie Schmitke darum kämpft, dass das Windrad doch endlich stehenbleiben möge, ersehnen auch wir das Ende der gefühlt ewigen Wiederholung gleicher Bilder und Szenen.

Schließlich bleibt die Bedeutungsblase, das Mysterium vom Waldgeist und der diffusen (männlichen?) Selbstfindung in der Wildnis, letztlich leer. Manch eine_r mag darin einen gelungenen Interpretationsraum sehen, eine Projektionsfläche für die eigenen Gedanken. Andere wiederum, und dazu zähle ich mich selbst, fühlen sich frustriert, wenn ihnen die wiederholt angedeutete Lösung des Rätsels höhnisch lachend vorenthalten wird.

Aber was auch immer die Publikumsreaktion sein mag: Schmitke erfüllt das Versprechen vom „eigensinnigen deutschen Autorenkino der Gegenwart“. Und das ist in Zeiten des deutschen Unterhaltungseinheitsbreis in jedem Fall positiv zu werten.

Schmitke wird im September in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen sein

SCHMITKE Trailer from Stepan Altrichter on Vimeo.

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