Schotter wie Heu, oder: Geld in Gammesfeld

by on 11/07/2012

© Edition Salzgeber

Diesmal wird’s persönlich. Nein, ich nutze meine exponierte Stellung nicht, um mit alten Feinden abzurechnen oder eine neue Fehde vom Zaun zu brechen. Persönlich geht’s deshalb zu, da ich die „Hauptdarsteller“ des heute vorgestellten Films kenne. Sie stammen nämlich aus einem Nachbardorf. Das ist an sich noch keine Doku wert, denn viele Menschen leben in einem Umreis von ein paar Kilometern um mich herum. Aber die Bewohner Gammesfelds sind doch irgendwie besonders. Zumindest einige von ihnen.

Schotter wie Heu, so der Name des Dokumentarfilms von Sigrun Köhler und Wiltrud Bauer, handelt hauptsächlich von Fritz Vogt, dem Leiter der Raiffeisenbank Gammesfeld. Nicht dass der Fritz ein bedeutender Mann der Hochfinanz wäre, ein Superbanker, einer, der mit Derivaten und Hedgefonds zu tun hätte. Der Fritz ist eher das Gegenteil – und so ist seine Bank: klein, persönlich, altmodisch. Kein Fax, keine Computer, keine Angestellten. Der Fritz erledigt alles in Personalunion, nebenbei ist er noch Landwirt. Konten haben nur Gammesfelder, die Zinsen sind traumhaft. Wer Kohle braucht, der muss gucken, dass er zu den Öffnungszeiten kommt, einen Automaten gibt es logischerweise nicht. Die kleinste Bank Deutschlands ist eben anders – so wie die Einwohner des hohenlohischen Dorfs, die in Schotter wie Heu ihren Auftritt haben.

Friedrich Dürr zum Beispiel. In seinem EDEKA-Laden bekommt der Gammesfelder alles, was er zum Leben braucht. Inklusive frischer Brötchen, denn eine Bäckerei ist angeschlossen. Seine Sicht auf die Dinge ist einfach. Die Muswiese, ein einmal jährlich stattfindendes, regionales Volksfest, ist für ihn ein Megaereignis. Folgerichtig zieht er den Vergleich zwischen der Muswiese und dem Oktoberfest. Einziger Unterschied: Die Muswiese ist etwas kleiner. Aber wirklich nur etwas…

Oder EDEKA-Verkäuferin Andrea Herrmann: Schlichtes Gemüt, aber einen lange gehegten Traum. Worum es sich dabei handelt? Um das Wichtigste überhaupt! Um ein Auto! Sehnlichst wünscht sie sich einen Audi A3. Man sieht, in Gammesfeld sind Wünsche einfach noch realistisch.

© Edition Salzgeber

Schotter wie Heu ist mehr ein Portrait einer Hohenloher Gemeinde als eine Dokumentation über die Mini-Bank. Sicher, Fritz Vogt nimmt viel Platz in diesem Film ein, aber eben nicht nur als Banker, sondern vor allem als Gammesfelder. Dass die Ureinwohner einen besonderen Menschenschlag darstellen, wird spätestens beim Thema Suizid deutlich. Der Freitod, das muss man wissen, ist in Gammesfeld ein häufig gewähltes Mittel, um mal was Neues zu sehen. Während die ältere Generation die Selbstmörder noch als „Terroristen“ bezeichnet (was eigentlich keinen Sinn ergibt, aber wohl darauf hindeuten soll, dass sie etwas – im christlichen Glauben – Unrechtes getan haben), geht die Jugend lockerer damit um. Die von Andrea Herrmann erzählte Episode verdeutlicht dies: Ein Bekannter von ihr hat einen ordentlichen Russen gehabt (= er war besoffen) und dabei sein Moped kaputtgefahren. Der Lebenssinn war offenbar dahin, weshalb der junge Mann nach Hause ging, einen Strick nahm und sich aufknüpfte. Aus die Maus.

Die vergleichsweise hohe Selbstmordrate führte in Gammesfeld jedoch nicht zu einem kollektiven Schock. Nö, die Leute dort leben einfach weiter. Apropos Terroristen: Fritz Vogt wurde aufgefordert, die Konten seiner Kunden per Computer offen zu legen, um etwaige Taliban ausfindig machen zu können. Taliban. In Gammesfeld. Computer. Beim Fritz. Viele Worte, die nicht zueinander passen.

Der Film ist übrigens mittlerweile über 10 Jahre alt. Fritz Vogt ist Rentner, das Gammesfelder Bankenwesen unter neuer Führung. Der nach altmodischen Prinzipien arbeitende Fritz ist aber immer noch ein gern gebuchter Redner, wenn es um Verfehlungen im Finanzwesen geht. Schließlich war er Chef einer bekannten Bank. Auch wenn die in der Welt der Hochfinanz ein Mückenschiss war und ist. Bäcker Dürr betreibt immer noch sein Geschäft, geht immer noch auf die Muswiese und ist immer noch von ihr begeistert. Und Andrea Herrmann? Ihr großer Traum ist nie in Erfüllung gegangen: Sie bekam nie einen Audi A3. Tja, nicht jedes Märchen endet perfekt. Ach ja, eines noch: Wenn sie sich nicht selber umgebracht haben, dann leben die Gammesfelder auch noch heute. Ende.

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