Seelen

by on 05/21/2013

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© Concorde

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Zuerst einmal: Ich habe nichts gegen Stephenie Meyer. Weder gegen ihren Schreibstil, noch gegen ihre Geschichten und am allerwenigstens gegen ihre Religionszugehörigkeit. Soll doch jeder glauben woran er will! Ich bin nicht unbedingt ein Fan, aber die Popularität des Twilight-Franchises hat mich doch sehr fasziniert und dazu geführt, dass ich versucht habe, Frau Meyers Werken und Wirken möglichst genau zu verfolgen. Dementsprechend habe ich natürlich auch Seelen gelesen, oder The Host, wie das Buch auf Englisch heißt. Außerdem bin ich seit Gattaca ein Fan von Andrew Niccol, auch wenn In Time in meinen Augen kein Meisterwerk darstellte. Die Verfilmung von Seelen sollte also eigentlich ein absolutes Highlight werden. Doch wie so oft: Vorfreude ist die größte Freude und ich befinde mich in tiefer Trauer darüber, dass den Kritikern von Stephenie Meyer hiermit nun neues Futter gegeben wird: „Was für’n Scheiß. Das war ja klar!“

Da Seelen nicht so bekannt ist, wie die Twilight Saga, will ich noch einmal kurz zusammenfassen worum es geht. Außerirdische haben die Erde bevölkert und die Menschheit fast vollkommen ausgerottet. Die sogenannten Seelen pflanzen sich wie Parasiten in den menschlichen Körper ein und übernehmen ihn mit allen seinen Funktionen. Der menschliche Geist hingegen verstirbt. So zumindest der Plan. Doch als Wanderer in den Körper von Melanie (Saoirse Ronan) eingepflanzt wird, kann das außerirdische Wesen die Stimme ihrer Wirtin noch immer hören. Und nicht nur das: Auch alle Emotionen gehen auf Wanderer über. Auf der Flucht vor den Außerirdischen musste Melanie ihren kleinen Bruder Jamie (Chandler Canterbury) und ihren Freund und Liebhaber Jared (Max Irons) zurücklassen, die sie nun schmerzlich vermisst. Wanderer ist hin- und hergerissen zwischen diesen Emotionen und ihrer Mission, den Aufenthaltsort von Jamie und Jared preiszugeben, damit auch diese von der Seekerin (Diane Kruger) aufgespürt werden können. Doch die Gefühle sind stärker als die Vernunft und Wanderer beginnt mit Melanie zusammenzuarbeiten, um jene zu beschützen, die sie beide lieben.

Wie verfilmt man eine Geschichte, die sich zu großen Teilen im Bewusstsein eines Menschen abspielt? Wie kann man die Dialoge zwischen Wanderer und Melanie für den Zuschauer glaubwürdig erfahrbar machen? Nun, Andrew Niccol zeigt uns, wie es nicht geht. In seiner Verfilmung muss Wanderer stets laut mit Melanie sprechen, die wir nur als Voice-Over erleben, und dreht sich hierzu jedes mal „total unauffällig“ zur Kamera. Zu keinem Zeitpunkt wirkt diese innere Zwiesprache überzeugend, stattdessen eher unfreiwillig komisch. Dies liegt meiner Meinung nach aber nicht nur an der Inszenierung Niccols, sondern auch an Saoirse Ronan, die leider nicht in der Lage ist, Wanderers Zerrissenheit glaubwürdig darzustellen. Vor allem vermisse ich ein körperliches Schauspiel, das die Unterscheidung der beiden Charaktere – Melanie und Wanderer – auch rein optisch ermöglicht. Doch nichts dergleichen. Wenn aber schon die zentrale Figur, besser gesagt die beiden zentralen Figuren, nicht überzeugen, wie soll der Zuschauer dann eine Beziehung zu der Geschichte herstellen?

Genau: gar nicht. Dass der gesamte Film von sentimentaler Duselmusik begleitet wird, macht das Ganze nicht besser. Der emotionale Teil der Geschichte wird von Andrew Niccol vollkommen überbetont, so dass der im Vergleich zu Twilight weitaus komplexere Inhalt nicht zur Geltung kommen kann. Die Schauspieler können leider durch die Bank nicht überzeugen. Einzig William Hurt als Anführer der letzten Menschen und Chandler Canterbury als Jamie verkörpern ihre Figuren ansatzweise glaubwürdig. Der restliche Cast läuft mit dem ewig gleichen traurigen Gesichtsausdruck durch die Höhlenkulissen bis selbst ich es nicht mehr ertragen konnte. In seiner Ereignislosigkeit und unerträglichen Gefühlsduselei erinnerte mich Seelen ein wenig an den ersten Twilight Film, die meiner Meinung nach schlechteste der fünf Verfilmungen.

Auch optisch hat Andrew Niccol es für meinen Geschmack nicht geschafft, das Wesen des Buches in Bilder umzusetzen. Die Welt der Außerirdischen ist viel zu steril. Die Seelen zeichnen sich durch ihre Gutmütigkeit und ihre Harmonie aus. Materielles hat für sie keine Bedeutung. Sie sind so voller Liebe, dass ihr Zusammenleben groteske Ausmaße annimmt (so enden beispielsweise alle Sportwettkämpfe unentschieden, denn es geht ja schließlich nicht ums Gewinnen!). In Andrew Niccols Film aber ist die Welt der Außerirdischen nicht nur einfach und bodenständig, sondern vor allem steril, um nicht zu sagen leblos. Von dem liebevollen Bild, das Stephenie Meyer in ihrem Buch von den Seelen zeichnet, ist hier kaum etwas übrig geblieben.

Es gibt vieles, was sich an Seelen kritisieren ließe. Aber es gibt auch Dinge, die ich als Argumente nicht gelten lasse. Viele geben sich ja gar nicht mehr die Mühe, einen Film zu durchdringen, der auf einem Stephenie Meyer Roman basiert. Es ist ja auch so schön einfach, darauf rumzuhacken. Ich bin nicht der Meinung, dass Seelen mormonische Propaganda darstellt. Von Twilight ließe sich das vielleicht noch behaupten, aber Seelen ist in meinen Augen eine Geschichte von gegenseitigem Verständnis und friedlichem Miteinander, wie sie – hoffentlich – auch jenseits der mormonischen Kirche erzählt wird. Zudem ist die „kein Sex vor der Ehe“-Botschaft hier deutlich weniger stark und im Film als solche kaum mehr wahrzunehmen. Es finden sich die bekannten Motive von Familienzusammenhalt und wahrer Liebe, aber ich möchte einfach mal die starke Behauptung aufstellen, dass sich diese Themen auch in nicht-mormonischen Erzählungen finden. Der zweite Vorwurf, alle Schauspieler hätten denselben Gesichtsausdruck, ist zwar zutreffend, aber nicht der Grund dafür, dass der Film nicht funktioniert. Ryan Gosling hat auch immer denselben Gesichtsausdruck- in JEDEM Film – und wird dafür hochgelobt. Seelen krankt vor allem an den schlechten oder schlecht geführten Schauspielern und den unfassbar eindimensionalen Charakteren, zu denen wir einfach keine Beziehung aufbauen können. Ein Teil dieser fehlenden Komplexität der Figuren findet sich natürlich schon in der Romanvorlage, doch nicht im selben Ausmaß wie in der Verfilmung. Durch die Raffung der Geschichte wird den verschiedenen Personen einfach kein Raum für eine glaubwürdige Entwicklung gelassen. Oder kurz gesagt: Ja, Stephenie Meyer erzählt ihre Geschichte etwas platt. Aber Andrew Niccol erzählt sie noch platter.

Unterm Strich bin ich mir sicher, dass Seelen gutes Unterhaltungskino hätte werden können. Das Buch bietet trotz seiner Schwächen definitiv die Grundlage für einen spannenden und berührenden Science Fiction Film. Wie immer besteht die Kunst aber darin, eine umfangreiche Geschichte geschickt zu kürzen. Hinzu kommt in diesem Fall die optische Umsetzung des inneren Dialoges. Und beides ist bei Seelen einfach nicht gelungen. Das ist nicht die Schuld von Stephenie Meyer. Andrew Niccol hat hier einfach versagt. Traurig, aber wahr.

KINOSTART: 13. Juni 2013

Pressespiegel bei film-zeit.de

 

One Response to “Seelen”

  • karin says:

    Sehr gut getroffen – wenn man das Buch gelesen hat, kann man sich einiges dazu denken, aber sonst ist das nur eine unglaublich fade Geschichte mit zugegebenermaßen sehr schönen Bildern und Darstellern.
    Ein Problem: Jared und Ian sind sich vom Typ her so ähnlich, das ich oft überlegen mußte: welcher ist das jetzt? Und ja, der Einheits-Gesichtsausdruck …
    und ein paar Sachen sind einfach super unlogisch: die Seelen haben keine Waffen – woher kriegen die verbliebenen Menschen die Munition? Auf ihrem Raubzug ballern sie herum wie die Blöden, also gibt es scheinbar endlos Nachschub.
    Und: sie fahren am hellichten Tag mit dem LKW zum Höhleneingang und hinterlassen eine kilometerlange Staubfahne. Da können sie gleich ein Schild aufstellen …
    Ganz schlimm die Schlußszene: wir fahren jetzt in die Stadt. Was soll das heißen? Alles ist wieder gut?

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