Sex und Gewalt oder warum ich einfach nicht mehr hinschauen will

by on 02/11/2015

Manche Dinge möchte ich einfach nicht sehen. Unzählige verschiedenste Filme gibt es auf der Berlinale zu begutachten und bei einigen davon muss ich immer wieder die Augen schließen. Es ist mir selbst ein bisschen unangenehm, denn als Filmwissenschaftlerin und Kritikerin gehört es sich doch nun verdammt noch mal auf die Leinwand zu schauen. Wenn Pistolen gezogen werden, komme ich klar. Bei Nadeln, Messern und anderen Schneidewerkzeugen bin ich aber raus. Dann suche ich mir gern mal einen Punkt irgendwo auf dem Hinterkopf meines Vordermannes und starre ganz angestrengt darauf. Mittlerweile habe ich ein recht zuverlässiges System entwickelt, um aus den Filmbeschreibungen schon im Voraus zu prophezeien, womit ich es wohl wieder zu tun bekommen werde.

Und so langsam fällt mir dabei etwas auf, dass nicht so recht in meinen Kopf will. Immer wieder werden Autoaggression, Brutalität und suizidales Verhalten im Film mit Sexualität assoziiert. Speziell mit der sexuellen Selbstfindung von Jugendlichen, ob homo-, hetero- oder sonst wie sexuell. Ich frage mich, warum das so ist. Eros und Thanatos, Liebes- und Todestrieb, schon klar. Aber Freud hat mittlerweile ein paar Jährchen auf dem Buckel und ist nicht gerade unumstritten. Vielleicht können aber zuerst einmal ein paar Beispiele illustrieren, wovon wir hier überhaupt reden. Achtung, die folgenden Abschnitte enthalten SPOILER.

© Felix Hächler

© Felix Hächler

Im Rahmen der Berlinale 2015 habe ich bisher gefühlt unzählige Filme verschiedenster Qualität und Herkunft gesehen, über einige davon geschrieben und mir über viele Gedanken gemacht. Einer davon war Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern von Stina Werenfels. Er erzählt von einem geistig behinderten Mädchen (Victoria Schulz), das seine Sexualität entdeckt, mit einem Fremden schläft und schließlich schwanger wird. Zuerst freut sie sich auf das Kind, bereitet sich darauf vor und träumt von einer idyllischen Zukunft. Als sie sich jedoch einsam und verlassen fühlt, entwickelt sie Wut auf das Kind. In einer ziemlich drastischen Szene beginnt sie – mittlerweile hochschwanger – auf ihrem Bauch herumzudrücken und reißt sich schließlich – was im Kinosaal für viel leidendes Stöhnen sorgte – ihren Bauchnabelpiercing mit den bloßen Händen heraus. Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass solche brutalen Szenen einigermaßen sinnvoll in einen filmischen Kontext eingebettet werden können. Es ist ein wichtiger Film, der seine Protagonistin in ihrer Andersartigkeit doch immer als ganz normales Mädchen mit Bedürfnissen und Fehlern zeigt. Dora handelt so, weil sie es nicht besser weiß. Stina Werenfels zeigt auch was passieren kann, wenn Eltern sich in ihrem Selbstmitleid zu sehr mit sich selbst beschäftigen. Trotzdem frage ich mich: warum diese Drastik? Zerstört sie nicht die Aussage, die der Film zuvor mühevoll aufgebaut hat: dass ein körperlich oder geistig beeinträchtigter Mensch mit der richtigen Unterstützung ein ziemlich normales und definitiv lebenswertes Leben führen kann. Ich glaube, ohne diese Aufmerksamkeit haschende Szene wäre mir Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern noch positiver in Erinnerung geblieben.

© Berlinale

© Berlinale

Auf das noch recht positive Beispiel folgt der worst case. Ich habe über Bizarre von Étienne Faure bereits eine ausführliche Kritik verfasst, die sich hier nachlesen lässt. Der Thriller erzählt von einem jungen Franzosen (Pierre Prieur), der in Brooklyn in einer Bar zu arbeiten beginnt, in der jeden Abend exzentrische Fetisch-Performances stattfinden. Dass diese Performances Sex und Brutalität miteinander verbinden, ist dabei nicht mein Problem. Mein persönlicher Geschmack ist schließlich nicht der Punkt, der hier zur Debatte steht – und in der Kunst und Fantasie ist sowieso alles erlaubt, was gefällt. Was mich stört ist, dass die Performances vom Regisseur ausgenutzt werden, um ein symbolisch hochgradig aufgeladenes Bedeutungsgewebe um eine unfassbar banale Story herumzuspinnen. Statt die Geschichte einer sich entwickelnden Sexualität und beginnenden Romanze mit Maurices bestem Freund zu erzählen, muss unbedingt ein albtraumhaftes Szenario darum gebaut werden, das nichts als gähnende inhaltliche Leere zurücklässt. Dazu kommt das Gefühl permanenter Bedrohung und Spielereien der Jungen mit Maurices Messer, was schließlich in einem wahnwitzig trashigen Ende kulminiert. Maurice ermordet den schmierigen Typen, der ihm aus uns völlig unbekannten Gründen gefolgt ist. Statt sich um die Logiklücken in Bizarre zu kümmern oder seinen Figuren ein wenig Fleisch zu geben, kümmert sie Étienne Faure lediglich darum, den Zuschauer mit einer Schockszene nach der Anderen bei der Stange zu halten – was nicht einmal besonders gut funktioniert. Man kann sich eben nicht darauf verlassen, dass ein Film nur deswegen funktioniert, weil er Sex und Gewalt zeigt.

© Berlinale

© Berlinale

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch der litauische Festivalbeitrag Sangailé von Alanté Kavaité. Die titelgebende Hauptfigur (Julija Steponaityté) ist ein depressives Mädchen mit Höhenangst, das eine Beziehung zu der künstlerisch versierten Austé (Aisté Dirziuté) beginnt. Während der knappen anderthalb Stunden Laufzeit ritzt sie sich immer wieder mit einem Zirkel, zelebriert die Selbstverletzung gemeinsam mit Austé als eine Art erotisches Ritual, stellt auf Fotos ihren Suizidversuch nach und schaut viel deprimiert in die Ferne. Der Rest von Sangailé strotzt nur so vor lauter phallischen und mösealen Symbolen. Natürlich darf ein Film so etwas abbilden, Depressionen unter Jugendlichen sind schließlich nur allzu oft traurige Realität. Aber auch Alanté Kavaité nutzt ihr Thema hauptsächlich für ästhetische oder spektakuläre Bilder aus. „Er ist das Gegenteil von subtil“, so formulierte es filmosophie nach der Sichtung. Und sie hat recht. Aber obwohl der Film fast ausschließlich weibliche Figuren beinhaltet, zeigt er keine starken, selbstbestimmten Figuren mit Charakter. Er bemüht sich auch nicht, Lösungen, Ursachen oder Entwicklungen zu zeigen. Stattdessen lässt er Sangailé als ätherisches Wesen ohne Persönlichkeit durch Raum und Zeit schweben. Ihre Probleme bleiben ungeklärt und haben sich nach einem Zeitsprung plötzlich in Luft aufgelöst. Nur: wenn ich mich für die Psyche meiner Figuren nicht interessiere, warum statte ich sie dann mit so schwerwiegenden psychischen Problemen aus? Auf diese Weise wird die Grausamkeit der voyeuristischen Kamera zum Selbstzweck: sie schafft spektakuläre Bilder mit Unterhaltungswert, einen aufregenden Kitzel, gaukelt Tiefe vor.

Die drei Beispiele aus dem aktuellen Berlinale-Programm repräsentieren keine neue Tendenz. Filme, die mit Erotik spielen, spielen oft auch mit Gewalt in den unterschiedlichsten Formen. In Room in Rome werden schnell die Missbrauchsgeschichten ausgepackt, am Ende von Nymphomaniac (der schon mit einer übel zugerichteten Frau beginnt) steht eine versuchte Vergewaltigung, in Fessle mich! kommt der Protagonist aus einer psychischen Anstalt, die Liste von Erotikthrillern ist lang und von Avantgardefilmen à la Kenneth Anger oder Stanley Brakhage brauche ich gar nicht erst anfangen. Aber wieso um Himmels Willen muss ich im Grunde immer wieder das Selbe sehen? Strampeln die Regisseure schlicht in der gleichen küchenpsychologischen Soße wie wir alle? Oder halten sie unserer eigenen küchenpsychologischen Sicht den Spiegel vor, weil wir selbst nur die Vorstellungen davon entwickeln, wie bestimmte Figurentypen zu sein haben? Dafür scheinen sich die Filme ihrer eigenen Wirkung aber nur allzu selten bewusst. Ich werde das Phänomen weiter im Auge behalten. Wenn ich mich denn zum Hinschauen überwinden kann.

Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern auf der offiziellen Berlinale-Website

Bizarre auf der offiziellen Berlinale-Website

Sangailé auf der offiziellen Berlinale-Website

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