Sieben Lektionen, die uns Der Marsianer lehrt

by on 09/20/2015

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Es ist wieder so weit. Endlich ist Matt Damon wieder im All. Interstellar und Eylsium sind ja auch wirklich viel zu lange her… Doch Ridley Scotts Der Marsianer hat uns noch mehr zu lehren als nur Matt Damons Abo auf die Rolle als Weltraumreisender.

  1. Die Amis sind die Besten

Natürlich sind es die Amerikaner_innen, die zuerst auf dem Mars landen. Nicht die Russ_innen, die Chines_innen, schon gar nicht die Europäer_innen und selbstredend – Gott behüte – kein internationales Team kooperierender Weltraumbehörden, wie das in einer globalisierten Welt Sinn machen würde.

Amerika, Amerika, wie bist du doch so wunderbar. Aber nicht nur, weil hier ganz offensichtlich die cleversten Köpfe hausen, sondern auch, weil die USA noch immer der Vorreiter in Sachen Moral sind. „Wir lassen niemanden zurück“ – diese Mär hat uns schon so mancher Blockbuster erzählt: Black Hawk Down, Wir waren Helden, Ice Age

Hier ist es der Astronaut Mark Watney (Damon), der beim Abbruch einer Marsmission auf dem fremden Planeten zurückgelassen wird und natürlich wieder eingesammelt werden muss. Koste es was oder wen es wolle.

© 20th Century Fox

© 20th Century Fox

  1. Es heißt nicht umsonst EntdeckER

Der Marsianer gibt sich mit seinen Frauenrollen wirklich Mühe. Den Bechdel-Test schafft der Film mit Bravour und zum Ausgleich dafür, dass sie den gesamten Film über marginalisiert wurde, darf Kommandantin Lewis (Jessica Chastain) am Ende sogar mal Heldin spielen.

Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die großen Entdeckungen auch hier von Männern gemacht werden. So wird das Raumtechnik-Labor, das für die Rettungsmission verantwortlich ist, von einem Mann geleitet. Und es überrascht rein gar nicht, dass die zündende Idee und somit der Wendepunkt der Geschichte ebenfalls von einem Wissenschaftler stammt und nicht von einer Wissenschaftlerin. Hier haben sich die Macher_innen des Films übrigens wenigstens um ethnische Vielfalt bemüht. So lange der Mann auf dem Mars weiß ist, dürfen die Schlüsselrollen der Erde auch gerne mal von Afroamerikanern oder Asiaten gespielt werden.

Denn natürlich ist es Watney und nicht etwa Lewis oder der hispanische Kollege Martinez (Michael Peña), der zurück bleibt und den harten Überlebenskampf antreten darf. Ein weißer Mann gegen den Mars! Ein weißer Mann, der neue Wege beschreitet – wie Kolumbus, Neil Armstrong oder Reinhold Messner (an den ich jetzt vor allem wegen des Films Everest denken muss).

© 20th Century Fox

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  1. Kolonialismus ist ein Produkt des Patriarchats

Wie Mark Watney uns in seinem Video-Tagebuch erklärt, gilt ein Ort als kolonisiert, wenn dort erfolgreich etwas angepflanzt, also der Boden nutzbar gemacht wird. Die (weibliche) Kultur wird zur (männlichen) Kultur. Wir könnten es auch so formulieren: Wo der Mann seinen Samen streut, meint er die Hosen anzuhaben. Die Idee, was der Mann bestäube ginge in sein Eigentum über, ist eine von Grund auf patriarchale. Mit Watney sollen wir seinen Triumph über den Planeten Mars feiern, der hier reine Kulisse bleibt, unbewohnt und „ungenutzt“. Der Marsianer räumt keinen Raum für Zweifel an der Mission selbst oder der Idee der Kolonialisierung und Nutzbarmachung ein. Der Mars kann erobert werden, also muss er erobert werden. Und wer ihn erobert, der ist ein echter Kerl. Und jetzt trommeln wir uns alle auf die behaarte Brust und geben einen Urschrei von uns.

© 20th Century Fox

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  1. Die Frontier ist unendlich

Im Grunde ist Der Marsianer ein klassischer Western. Der Cowboy wird in der Wildnis zurückgelassen und muss sich mit Hilfe seiner übermännlichen Fähigkeit durchschlagen. Der Mann gegen die Natur – der einzige Kampf, in dem der Mann in Zeiten politischer Korrektheit auch heute noch Mann sein darf (der weiße Mann gegen den Indianer_innen kommt beispielsweise nicht mehr so gut an). Die Frontier gehört zu den Grundmythen der US-amerikanischen Nation. Die Frontier markierte die Grenze zwischen der verbliebenen Wildnis und der vorrückenden Zivilisation, wobei die Wildnis als rechtsfreier Raum die Sphäre des Mannes, die restriktive Zivilisation die Sphäre der Frau darstellte.

Wie jeder Mythos entstand auch dieser mit seinem eigentlichen Ende, nämlich als die böse Zivilisation sich von Osten bis ganz nach Westen durchgekämpft hatte und die Frontier für beendet erklärte. Aber für die US-amerikanische Nation endet die Frontier eigentlich nie. Sie verschiebt sich noch immer – vom nordamerikanischen Kontinent aus auf die Welt, auf den Mond und auf den Mars.

Der Western spielt im rechtsfreien Raum. Er ist eine Maskulinitätsbühne, auf der sich Cowboys im ewigen Pistolen-Schwanzvergleich beweisen können. Da auf der Erde rechtsfreie Räume rar geworden sind, wird der Cowboy also in einen Raumanzug gesteckt und in den Weltraum geschickt, was aber nichts daran ändert, dass er die Wildnis bezwingt und dabei seine Männlichkeit beweist.

© 20th Century Fox

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  1. Gott ist tot

Während ein wichtiger Grundpfeiler der US-amerikanischen Kultur lediglich in ein neues Gewand schlüpft, bricht ein anderer Grundpfeiler vollends weg: Gott ist tot. Der Mensch zieht sich– wie bereits in Interstellar – am eigenen Schopf aus dem Sumpf. Die Religion wird im übertragenen Sinne der Wissenschaft und das hölzerne Kreuz im tatsächlichen Sinne der Forschung geopfert. Und im einzigen Moment, in dem sich der Mensch in Der Marsianer explizit zu einer höheren Macht bekennt, scheint alles den Bach runter zu gehen.

Mark Watney hält nicht der Glaube am Leben, sondern die Naturwissenschaft und Informatik. Gott ist obsolet. Und da es mit Gott ein bisschen ist wie mit dem Baum, dessen Fallen niemand hört, ist für ihn in Der Marsianer einfach kein Platz. Mit seiner Überbetonung der wissenschaftlichen Errungenschaften des Menschen (=Mannes), seiner schier unendlichen Intelligenz und Stärke, ist Der Marsianer das reinste Promo-Video für die AAI.

© 20th Century Fox

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  1. Nur gemeinsam sind wir stark

Mark Watney stellt als einsamer Cowboy in der Wildnis den männlichen Überlebenstrieb unter Beweis. Die Rettung aber ist nur durch die Zusammenarbeit der ganzen Welt möglich. Nicht nur, dass China und Amerika sich über der Watney-Krise näher kommen, auch arbeitet dank des Internets die gesamte Welt an Rettungsstrategien (die letztlich natürlich trotzdem nur in den USA entwickelt werden). Der Team-Spirit drückt sich also nicht nur darin aus, dass kein_e Amerikaner_in hinter feindlichen Linien oder der Frontier zurückgelassen wird, sondern auch in einem wenig subtilen Aufruf zur Kooperation: Um unsere Ziele zu erreichen, müssen wir alle zusammenrücken. Oder vielleicht: Um Amerikas Ziele zu erreichen, muss eben die ganze Welt zusammenrücken und gegebenenfalls Opfer bringen. One nation under science.

  1. Es liegt an uns

Viele Science Fiction Filme der amerikanischen Filmgeschichte transportieren im Subtext eine apokalyptische Selbstaufgabe: Das biblische Ende kommt so oder so, also ist alles was zählt, am Tag des jüngsten Gerichts auf der richtigen Seite zu stehen. Hier geht es um den Glauben vieler US-Evanglikalen, dass die Apokalypse nicht abwendbar und daher beispielsweise Umweltschutz völlig hinfällig sei. Die einzige Chance ist die Bekehrung: Denn wer wahrhaft glaubt, wird rechtzeitig vor der Apokalypse in den Himmel entrückt. Fortschrittsfanatiker_innen jedoch machen Gott nur unnötig sauer.*

In Der Marsianer aber herrscht Wissenschaftsoptimismus, der sich jeder Herausforderung stellt. Gleichzeitig fehlt es zu Gunsten der Kooperationsbotschaft an den klassischen moralischen Codes, die den Cast sonst in sterbende Böse und überlebende Gute aufteilen. Die Moral von der Geschicht: Gebt die Welt nicht wegen einer vermeintlichen Apokalypse auf. Hört niemals auf zu kämpfen, denn wenn wir uns die Welt mit Hilfe von Wissenschaft und Technik mehr und mehr erschließen, dann ist unser Überleben gesichert und aus Scheiße wird Gold. Oder doch zumindest eine Kartoffel.

Kinostart: 8. Oktober 2015

Pressespiegel bei film-zeit.de

*“The abortionists have got to bear some burden for this because God will not be mocked. And when we destroy 40 million little innocent babies, we make God mad. I really believe that the pagans, and the abortionists, and the feminists, and the gays and the lesbians who are actively trying to make that an alternative lifestyle, the ACLU, People for the American Way, all of them who have tried to secularise America, I point the finger in their face and say, ‚You helped this happen.‘ “ Jerry Falwell über 9/11 (Quelle: The Guardian)

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