Silver Linings Playbook

by on 11/30/2012

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@ Senator Film

Die Grenzen zwischen Normalität und Wahnsinn sind fließend. Silver Linings Playbook ist einer dieser Filme, die uns vor Augen führen, dass entweder niemand verrückt ist oder aber wir alle ein bisschen neben der Spur laufen. Garden State meets Dirty Dancing, dazu eine hochkarätige Besetzung, The Fighter -Regisseur David O. Russel – da kann ja nicht mehr viel schief gehen, oder?!

Die Story: Als er seine Ehefrau Nikki (Brea Bee) in flagranti mit einem Kollegen beim Liebesspiel in der Dusche erwischt, knallen bei Pat (Bradley Cooper) die Sicherungen durch. Immerhin kommt er wegen der schweren Körperverletzung nicht ins Gefängnis, sondern in die Klapse, wo eine bipolare Störung diagnostiziert wird. Nach 8 Monaten ist nicht nur Pat, sondern auch seine Mutter (Jacki Weaver) vom Erfolg der Behandlung überzeugt. Und so kehrt der ehemalige Aushilfslehrer in sein Elternhaus zurück, wo er auf seinen zwanghaften, abergläubischen und nicht minder impulsgesteuerten Vater (Robert De Niro) trifft, der dazu übergangen ist, seinen Lebensunterhalt mit Sportwetten zu verdienen und Pat als Glücksbringer verpflichten möchte. Doch sein Sohn hat andere Pläne: Trotz entgegengesetzter einstweiliger Verfügung glaubt er an eine Wiedervereinigung mit Nikki. Bei einem gemeinsamen Abendessen lernt er die Schwägerin seines besten Freundes Ronnie (John Ortiz) kennen. Tiffany (Jennifer Lawrence), jüngst verwitwet, rangiert ähnlich an der Grenze des gesellschaftlich als normal definierten Verhaltens und geht Pat damit zunächst tierisch auf die Nerven. Da sie aber seine einzige Verbindung zu Nikki darstellt, lässt er sich auf einen Deal ein: Tiffany wird Nikki heimlich einen Brief zukommen lassen und im Gegenzug stellt sich Pat als Tanzpartner für einen Amateurwettbewerb zur Verfügung.

Neben den bereits genannten Schauspielern treten außerdem Chris Tucker als Klappsmühlen-Kollege Danny und Julia Stiles als Ronnies dominante Ehefrau Veronica auf. Das Ensemble hat also in jedem Fall einiges zu bieten. Besonders interessant ist, dass hier viele Schauspieler latent gegen ihren Typ spielen. Jennifer Lawrence steht die Rolle der promiskuitiven, gesellschaftliche Regeln missachtenden Witwe erstaunlich gut, ja vielleicht gar besser als das Vorzeige-Mädchen aus Die Tribute von Panem. Neben ihrer überschäumend emotionalen Performance droht Bradley Coopers sensibles Schauspiel manchmal gar unterzugehen. Dabei ist Coopers Leistung hier im Grunde ebenso beachtenswert. Er verleiht der Figur des Pat Tiefe und es gelingt ihm, ihn nicht als irre, sondern als verletzlich und vom Leben gezeichnet darzustellen. Ausgerechnet Robert De Niro hat mich nicht vollends überzeugt. Seine Darstellung des ebenfalls gewaltbereiten Familienoberhaupts ist mir zu komödiantisch geraten. Pat Sr. spielt eine Schlüsselrolle für die psychische Entwicklung seines Sohnes, die für mein Empfinden nicht deutlich genug herausgearbeitet wird. Vielleicht ist dieses Manko aber auch weniger Herrn De Niro und eher David O. Russel zuzuschreiben. An dieser Stelle wäre es interessant, wie die Romanvorlage von Matther Quick dieses Thema behandelt. Aber wie so oft ist mir diese leider unbekannt.

Wie schon der in der Einleitung angesprochene Film Garden State arbeitet auch Silver Linings Playbook mit einem zurückhaltenden Humor, der sich oft aus dem Aufeinandertreffen der „verrückten“ Figuren mit der „normalen“ Welt ergibt, jedoch niemals die absurde Qualität des Films von Zach Braff erreicht. Dennoch gelingt es David O. Russel uns immer wieder zu amüsieren, ohne Pat und Tiffany auszulachen. Ab und an bleibt uns das Lachen dann auch im Halse stecken. Und das ist auch gut so, denn weder Pats noch Tiffanys Situation ist wahrhaft zum Lachen. Die tragikomische Inszenierung erspart uns einen übermäßigen Druck auf die Tränendrüse, läuft aber auch Gefahr, die der Geschichte zu Grunde liegenden Themen zu verharmlosen. Insbesondere am Ende ließe sich David O. Russell Realitätsferne vorwerfen. Aber Silver Linings Playbook ist eben ein Unterhaltungsfilm und keine Darstellung menschlicher Abgründe à la Michael Haneke. Dementsprechend gestaltet sich auch das Finale. Auch wenn Bradley Cooper und Jennifer Lawrence der Dirty Dancing Choreographie keine Konkurrenz machen können, erzeugt doch gerade ihre etwas ungelenke und somit authentische Performance einen ganz besonderen romantischen Charme. Dem Zuschauer darf warm ums Herz werden. Dass die Realität etwas härter daherkommt, wird er beim Verlassen des Kinosaals schon merken.

An Silver Linings Playbook wird besonders deutlich, wie stark unsere eigenen Erfahrungen und Vorlieben die Bewertung eines Films beeinflussen. David O. Russel hat objektiv gesehen nichts falsch gemacht. Er hat einen berührenden und gleichzeitig unterhaltsamen Film mit interessanten Charakteren geschaffen, die von überzeugenden Schauspielern dargestellt werden. Bei mir bleibt dennoch das Gefühl, dass David O. Russel hier zu vorsichtig bleibt, sich weder für eine konsequente komödiantische Darstellung, noch für eine intensive psychologische Aufarbeitung seines Themas entscheidet. So kann Silver Linings Playbook in meinen Augen nicht den Charme tragikomischer Independentfilme wie Garden State oder Little Miss Sunshine entfalten. Schade, denn ich möchte Jennifer Lawrence hundertmal lieber als Tiffany in Erinnerung behalten als in der Rolle der Katniss Everdeen!

KINOSTART: 3. Januar 2013

Pressespiegel bei film-zeit.de

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