Under the Skin – Mehr, als nur Scarlett Johansson nackt

by on 08/20/2014

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© Ascot Elite

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Gleich vorweg: Ich hatte keinerlei kinematographische Erwartungen an Under the Skin von Jonathan Glazer. Der zuvorderste Grund für den Kinokartenkauf im letzten London-Urlaub war für mich das Versprechen einer nackten Scarlett Johansson. Obwohl ich sie als Schauspielerin sehr schätze, war das für mich der ursprüngliche Anreiz. Ich brauche inzwischen kaum mehr zu sagen, dass in dem Film weit mehr steckt, als von vielen ersehnte, nun auch gut ausgeleuchtete und hochaufgelöste nackte Haut.

In Under the Skin geht es um … schwer zu beschreiben. Es geht um ein mangels besserer Ausdrücke so benanntes Alien (Scarlett Johansson) in Menschengestalt. Äußerst hübscher Menschengestalt. Das ist der Punkt, denn dieses Alien angelt sich lusthungrige Männer, um sie auf eine abstrakte Art und Weise zu „verspeisen“. Kontrolliert wird sie von einem mysteriösen Alien-Motorradfahrer (Jeremy McWilliams), der seiner Kontrollfunktion schon bald nachkommen muss. Denn nach eine Begegnung mit einem unter Neurofibromatose leidenden Mann (Adam Pearson) entwickelt das sonst vollkommen non-emphatische Johansson-Alien menschliche Gefühle.

Under the Skin ist ein Style-Over-Substance-Film im Sinne von 2001: Odyssey im Weltraum. Stark heruntergebrochen lässt sich Under the Skin tatsächlich auch als Mischung aus Die Körperfresser kommen (Themen) und 2001 – Odyssey im Weltraum (Überbringung dieser Themen) beschreiben. Hochstilisierte Symbolstaffagen wechseln sich ab mit dreckigen, ohne großartige Tricks und Musik gefilmten Alltagsszenen in Schottland. Letztere Bilder der in einem Van herumfahrenden und Anhalter mitnehmenden Scarlett Johansson sind mondän, fast langweilig, wenn wir nicht wüssten, dass sie eben alles andere ist: Sie ist ein Raubtier und dies ist ihre Suche nach Beute. Und diese Beute wird nicht einfach Zerbissen. Das „Verschlingen“ der männlichen Opfer ist eben kein solches, sondern eine Art Hineingehen in Scarlett Johansson, in der sie als Person noch einmal vorhanden ist. In ihr findet sich eine Art schwarzer Ozean, in dem die lüsternen, wie Zombies auf sie zu wandernden Opfer versinken.

© Ascot Elite

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Während diese symbolischen, eben fremdartigen Szenen eines Nährungsprozesses (ist es das?) definitiv eindrucksvoll sind, waren die erwähnten Alltagsszenen dies um ein vielfaches. Während wir wie immer voyeuristisch diese verfolgen, verfolgen wir auch das Alien bei seiner täglichen Routine und, noch wichtiger, dessen Reaktionen auf den menschlichen Alltag. Scarlett Johansson hat in dieser Charakterstudie eines Nicht-Charakters die Unmenschlichkeit gemeistert, die sie auch in Lucy noch weiterverwenden konnte.

Menschliche Mimik aus ihrem Repertoire getilgt, verhält sie sich nur noch im Einklang der Funktion des Aliens (die wir nicht genau kennen). Szenen der Grausamkeit, des Glücks oder der Hilflosigkeit werden vom Alien als solche nicht erkannt und sind nebensächlich, egal. Die filmische Einbindung des Zuschauers durch den Protagonisten ist nicht mehr gegeben und eben das macht in Under the Skin oftmals das Unbehagen aus. Die menschliche Sichtweise, mit ihrer Moral, ihrem Denken und überhaupt ihrem Erkennen an sich, ist nichts weiter als eine Möglichkeit. Diese existenzialistische Unsicherheit ist meiner Meinung nach das, was guten Horror ausmacht.

Neben seinen stilistisch wie schauspielerisch vorhandenen Implikationen, bringt auch die Dramaturgie von Under the Skin eine Gnadenlosigkeit mit sich. Eingangs bereits erwähnt, findet das Alien tatsächlich einen Zugang zur Menschlichkeit und versucht diese zu erforschen. Hier wäre wohl von schwarzem Humor zu sprechen, wenn das Wort Humor nicht völlig unangebracht wäre. Hoffnungslosigkeit wohl eher. Under the Skin ist ein Feel-Bad-Movie, wie es im Buche steht.

© Ascot Elite

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Die Inhalte (lies: Interpretationen) von Kunst und Kommunikation an sich sind hochgradig vom Kontext abhängig (um noch ein anderes Fass aufzumachen). Während des Films und der großzügig eingestreuten Nackt-Szenen hatte ich oft das Gefühl, eine versteckte Meta-Ebene zu sehen. Im Vorfeld wurde viel über die vermuteten Nacktszenen gesprochen und Scarlett Johansson kann wohl als eine der meistbegehrtesten Schauspielerinnen bezeichnet werden. Vor ein paar Jahren gab es einen „Skandal“ um vermeintliche Handy-Nacktbilder. In diesem Kontext sah ich den Film als eine Art Metapher, in der derartig oberflächliches, sensationalistisch-lüsternes Verhalten eine krankhafte Horrorspirale aufmacht. In der das Objekt der Begierde letztlich tatsächlich ein fremdartiges Objekt, quasi ein unmenschliches Alien wird. Die Unmenschlichkeit der Menschen gegenüber diesem sich entwickelnden Wesen (und letztlich auch sich selbst) füllt die Metapher dann weiter aus.

Aber auch ohne derartige Kontextualisierungen bietet Under the Skin einiges und wenn es nur unterbewusster Horror ist. Des Öfteren habe ich Klagen über zu viele Längen gehört. Das habe ich nicht so wahrgenommen, aber gelungene „Eintönigkeit“ gefällt mir sowieso. Wie 2001: Odyssey im Weltraum ist auch Under the Skin, ohne die Qualität der beiden Filme vergleichen zu wollen, Geschmackssache. Erstaunliche, wirklich anwidernde Bilder nebst einer in ihrer Unmenschlichkeit ebenso erstaunlichen Hauptdarstellerin und einer erbarmunslosen Langsamkeit, die den Blick nicht abwendet.

DVD-Start: 10. Oktober 2014

Pressespiegel auf film-zeit.de

 

4 Responses to “Under the Skin – Mehr, als nur Scarlett Johansson nackt”

  • Jan says:

    Kinematographisch gesehen ist UNDER THE SKIN wahrscheinlich DER Film von 2014 – was für eine Ironie, dass ausgerechnet dieser Film ins Heimkino verbannt wird. Aber dieses Fass will ich nicht noch einmal öffnen.
    Dieses einmalige Erlebnis hatte ich im Kino so wirklich nicht erwartet. Beim Fantasy Filmfest werde ich mit sehr großer Vorspannung erfahren, ob sich dieses wiederholen lässt.

    • quadzar
      quadzar says:

      Du sagst es, der sollte eigentlich auf einer Leinwand erlebt werden. Ich finde, die Ur-Ängste hervorrufenden Bilder passen wirklich perfekt zu der „kleineren“ Geschichte. Klein im Vergleich zu 2001, wo der philosophische Universal-Anspruch das Ganze manchmal zu kopflastig wirken lässt. Under the Skin ist dagegen emotionaler (nicht besser, anders) und ich finde das macht die Bilder intensiver. Wenn man sich nach einem Film wie ausgespuckt fühlt, hat das schon was für sich.

      Für mich wahrscheinlich nicht der 2014er-Film überhaupt, aber definitiv der visuell eindrucksvollste.

      • Jan says:

        Ja, mit kinematographisch wollte ich auf das audio-visuelle Konzept zusammenführen.
        Für den besten Film insgesamt hat es bei mir (bisher) auch noch nicht gereicht.

  • Christian says:

    Grandioser Film, mit wunderschöner Bildsprache und starkem Score. Für mich Top 5 2014!

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