Skyfall

by on 10/25/2012

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© Sony Pictures

Ich kann mit Agentenfilmen einfach nichts anfangen und so gehörte das Screening von Skyfall für mich auch zu dem Teil meiner Arbeit, den ich als Pflichtprogramm bezeichne. Dies ist also eine James Bond Kritik einer James Bond Hasserin. Umso überraschter war ich, dass mich das neuste Abenteuer von 007 sehr gut unterhalten hat. Vielleicht ist es jedoch gerade die fehlende Beziehung zu der klassischen Bond-Figur, die mich für des Konzept des Films empfänglich macht. Aber lest selbst:

In Skyfall wird der britische Geheimdienst Opfer des organisierten Verbrechens. M’s (Judi Dench) Autorität und auch Integrität wird zunehmend in Frage gestellt. James Bond (Daniel Craig) selbst ist nicht besser dran, bietet seine Tauglichkeit doch immer wieder Anlass für Diskussionen. Doch es hilft alles nichts: Er ist der einzige Mann, der den bösesten der Bösen, Raoul Silva (Javier Bardem), ausfindig machen kann, bevor dieser die Identität zahlreicher Geheimagenten preis- und Bonds Kollegen somit zum Abschuss freigibt.

Der aktuelle Bond-Film legt seinen Fokus auf die Beziehungen seiner Figuren untereinander. Kann James Bond seiner Chefin noch trauen? Was schürt den extremen Hass von Raoul Silva? Hierdurch wird der Agentenstory eine Tiefe verliehen, die dem Konzept gut tut. Daniel Craig spielt seine Figur erneut mit einer in meinen Augen sympathischen Ambivalenz, die seinen makellosen Vorgängern fehlt, und macht den bekanntesten Filmagenten der Welt somit zu einem Menschen aus Fleisch und Blut. Judi Dench versprüht in ihrer Rolle so viel Würde und Charisma, dass James Bond trotz all seiner Coolness neben ihr manchmal blass erscheint. Das wahre Highlight stellt jedoch Javier Bardem dar, der seinen Part mit derart diabolischem Charme und gar Witz verkörpert, dass er sich mit Leichtigkeit in die Riege der coolsten Bösewichte aller Zeiten gleich hinter Hannibal Lecter einreiht. Trotz aller Abneigung kann man sich an dieser Figur nicht satt sehen und wünscht sich im Nachgang, Raoul Silva wäre mehr Screentime vergönnt gewesen.

James Bond selbst ist gewohnt cool, abgebrüht und unsterblich. Die Frauen liegen ihm zu Füßen, während er emotional vollkommen unbeteiligt bleibt (Mein Lieblingszitat: „I like you better without your Beretta.“). Natürlich hat er ein gutes Herz, was Regisseur Sam Mendes für meinen Geschmack etwas überbetont. So gefährdet 007 gleich zu Beginn eine Mission, weil er lieber einen Kollegen retten als den entlaufenen Bösewicht fassen möchte. Was den Skyfall-Bond von seinen frühen Vorgängern unterscheidet, ist vor allem seine Ausstattung. Es fehlen die gewohnt einfallsreichen Gadgets und auch ein beeindruckendes, hochmodernes Auto sucht der Zuschauer vergebens. Die Ausstattung, die der neue Q (Ben Whishaw) dem Superagenten zur Verfügung stellt, ist spärlich. Das sieht auch James Bond so, woraufhin Q den Agenten und das Publikum mit zwinkerndem Auge fragt: „Were you expecting an exploding pen?“ Es sind diese Momente der gelungenen Ironie, in denen der Film deutlich macht, dass er sich seiner Herkunft bewusst und damit zu spielen im Stande ist. Zuschauer ohne notwendiges Vorwissen weist der Film übrigens stets mit dem musikalischen James Bond Thema daraufhin, dass nun ein tradiertes Element mit komödiantischer Intention folgt. Das funktioniert erstaunlich gut, wie ich auf Grund eigenen mangelnden Vorwissens bestätigen kann.

Das fehlende Equipment führt zu einem Finale, das mich sowohl an MacGyver als auch an Kevin allein zu Haus erinnert. Aber wer wissen will, wie so etwas funktioniert, der muss sich Skyfall einfach selbst ansehen. Es lohnt sich: Skyfall hat alles, was ein guter Bond braucht: Explosionen, Verfolgungsjagten, unwahrscheinliche Affären mit zwielichtigen Frauen und als Bonus die komplexen Beziehungskonstellationen, die Freud-Jünger begeistern werden. Die Selbstironie sorgt für Humor, die funktionierende Storyline für Spannung und die komplexen Figurenzeichnungen geben uns das Gefühl, es mit echten Menschen zu tun zu haben, deren Schicksal uns wahrhaftig interessiert. Am Ende stellt sich der Film gar auf eine Metaebene und nimmt seine eigene Daseinsberechtigung ins Visier. Was bringt ein Bond in einer Zeit, in der lustige Gadgets nur noch unnötiger Ballast sind, in der das im Grunde unsichtbare Internet der Hauptakteur des zeitgenössischen Verbrechens ist? M muss sich vor einem Ausschuss für ihre konservativen Arbeitsmethoden rechtfertigen und die Frage beantworten, ob in der heutigen Zeit Agenten überhaupt noch gebraucht werden. Sam Mendes richtet diese Frage hiermit auch an sein Publikum: Passt der Agentenfilm noch in unsere Zeit? Meine Antwort nach Skyfall ist darauf ganz klar: Ja!

KINOSTART: 1. November 2012

Pressespiegel bei film-zeit.de

PS: Da der Verleih mich und die Kollegen ausdrücklich gebeten hat, auf Spoiler zu verzichten, habe ich mich in meinem Text mit Details zur Handlung bewusst zurückgehalten. Ich möchte jedoch an dieser Stelle ankündigen, dass ich nach dem deutschen Kinostart noch einen thematischen Artikel zu den erwähnten Beziehungskonstellationen nachliefern werde. Titel: Skyfall- Das Familiendrama des James Bond.

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