Southpaw – Wie Antoine Fuqua den modernen Mann tröstet

by on 08/10/2015

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Billy gets down to some serious training at Tick's gym.  Boxing Coordintor Terry Claybon, JG, FW

© Tobis

Ein Boxring ist ein Ort der Männlichkeit. Zwischen den Seilen ist viel Raum für Blut, Schweiß, Aggressionen und andere maskuline Attribute, die in der freien Wildbahn dieser Tage gezügelt und unterdrückt werden müssen. Im Ring darf der Mann noch ein Mann sein, Kraft ausagieren, Wut kanalisieren und natürlich seine körperliche Stärke im Duell Mann gegen Mann unter Beweis stellen. Und wenn wir uns Jake Gyllenhaal in seiner Rolle als Boxer Billy Hope in den ersten Minuten von Southpaw so anschauen – ein muskelbepacktes, Testosteron versprühendes Tier von Mann – dann scheint Regisseur Antoine Fuqua den Boxring tatsächlich als eine eben solche Maskulinitätsbühne zu betrachten. Doch weit gefehlt.

Fuqua gelingt das vermeintlich Unmögliche: Der Ring wird vom Ort der Stärke zum Ort der Schwäche. Geschunden und verstört verlässt der Sieger Billy Hope gleich nach dem ersten Kampf des Films die Arena. Die Demonstration von Unverletzlichkeit und Stärke entpuppt sich als rein performativ. Wenn der blutige Speichel aus dem Mundwinkel tropft, dann sehen wir keinen triumphierenden Helden mehr. Wir sehen einen Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs.

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Diese Charakterzeichnung ist mehr als nur ein Vorgriff auf den weiteren Verlauf der Handlung, auf den Absturz des Helden in eine tragische Abwärtsspirale. Denn Southpaw ist nicht nur eine Geschichte über den Boxsport, sondern vor allem ein Coming of Age Film über moderne Männlichkeit, der trotz des frühen Todes seiner Heldin überraschend viel Raum für Weiblichkeit lässt.

Es ist Billys Frau Maureen (Rachel McAdams), die für den Erfolg der Box-Legende verantwortlich ist. Sie ist zugleich das Gehirn der Operation „Billy Hope“ wie auch ihr Herz und damit dem Helden des Films haushoch überlegen. Ihr gewaltsamer Tod ist nicht nur tragisch, sondern bedeutet für Billy auch den Verlust jeglicher stützender Struktur und Kontrolle. Ohne die beschwichtigenden Worte seiner Frau, ohne ihren beruhigenden Griff nach seiner Hand in Momenten der Anfeindung und ihre brutal ehrlichen, aber vor allem auch weisen Worte ist Billy nur mehr reine Physis. Wenn wir ihn und Maureen als ein einziges Wesen betrachten, so bleibt nach dem Tod der Frau nur noch eine animalische, instinktgesteuerte physische Hülle übrig. Ist das die gefeierte Männlichkeit, für die im Boxring so viel Raum ist?

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Antoine Fuqua und Drehbuchautor Kurt Sutter liefern uns den Code zur Dechiffrierung ihrer Story bereits in den ersten Filmminuten. Billys Taktik, insofern sie überhaupt so zu nennen ist, besteht darin, so lange Schläge einzustecken bis er genug Aggression für den Gegenangriff gesammelt hat. Damit ist die Dramaturgie des Films bereits vorgegeben. Aus der Niederlage – dem Tod seiner Frau, der Privatinsolvenz, dem beruflichen K.O. und dem Verlust der geliebten Tochter – kann Billy neue Kraft schöpfen, um erwachsen zu werden.

Billy ist ein großes Kind, das die Organisation des eigenen Lebens inklusive aller wichtigen Entscheidungen lieber anderen überlässt. Das Schöne daran ist: Auf diese Weise ist er für keinen seiner Rückschläge selbst verantwortlich. Doch spätestens als er den Boxtrainer und Streetworker Tick (Forest Whitaker) kennenlernt, ist es mit dieser Illusion vorbei. Billy muss die externe Attribution seiner Probleme gegen Eigenverantwortlichkeit eintauschen. Im Jahr 2015 reicht es eben nicht mehr, grölend und schwitzend die Fäuste zu schwingen, um ein Mann zu sein. Im Jahr 2015 darf der Mann nicht nur stark, sondern er muss auch klug und sensibel, nicht nur ein Ernährer, sondern auch ein Vater sein.

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Wie aber kann dies gelingen? Billy muss im Ring Raum für Weiblichkeit schaffen, für jene Qualitäten, mit denen Maureen ihr gemeinsames Lebensprojekt bereichert hat. Die Impulsivität seiner Frustrations-Aggressions-Technik muss einer durchdachten Defensive Raum machen. Statt sich von blinder Zerstörungswut leiten zu lassen, muss er sich ein konstruktives Ziel setzen: das Sorgerecht für seine Tochter. Und erst wenn Billy alle stereotyp männlichen Eigenschaften durch weibliche erweitert (nicht ersetzt!) hat, kann er dieses Ziel erreichen.

Aber Achtung: Southpaw ist kein Film über vegane Hausmänner mit Yoga-Ausbildung, verbreitet keine pazifistische „verweichlichte“ Botschaft. Nein: In Fuquas Film darf und soll der Mann in den Ring steigen. Er soll und darf die Fäuste heben und im Blut und Schweiße seines Angesichts das Duell gegen seinen Peiniger antreten. Doch er muss es auf die „richtige“ Art und Weise tun.

Männlichkeit definiert sich in Southpaw nicht über Erfolg, nicht über die Eroberung einer Frau oder den Triumph über einen Konkurrenten, nicht über Muskelberge und Potenz. Sondern darüber, den Mut aufzubringen, sich von einem veralteten Stereotyp zu lösen und ihm die Fresse zu polieren.

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Der Ring im Männerboxen ist ein sexistischer Ort, an dem Frauen als Nummerngirls ebenso diskriminiert werden wie die behandschuhten Muskelberge, von denen reine Stärke erwartet wird. Doch so wie Billy mit Miguel Escobar (Miguel Gomez) schließlich sein früheres, eindimensionales Ich zerlegt, dekonstruiert Southpaw ein stereotypes Männlichkeitsbild. Die Stärke des unbesiegbaren Boxers wird als Schwäche entlarvt. Sie allein reicht nicht zum Überleben. Nur gemeinsam sind Billy und Maureen ein funktionierender Körper. Die Kombination „weiblicher“ und „männlicher“ Eigenschaften (oder der Verzicht auf diese Unterscheidung?) ist überlebensnotwendig.

Aus der vermeintlichen Schwäche – der Abwesenheit von körperlicher Integrität, materiellem Reichtum und Macht – erwächst hier die wahre Stärke. Der eine oder andere Mann mag sich heute so fühlen, als werde ihm durch Feminismus und Gender-Theorie alles weggenommen (seine Vormachtstellung in der Familie, sein Job und sein Überlegenheitsgefühl). „Fürchtet euch nicht“, spricht jedoch Antoine Fuqua, „wie der Phoenix aus der Asche werdet auch ihr aus den Ruinen eines überholten Maskulinismus als stärkere und bessere Menschen hervorgehen.“ Ein wahrer Feminist, möchte mensch meinen.

Kinostart: 20. August 2015

Pressespiegel bei film-zeit.de

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