Spring Breakers – Die Jugend von heute…

by on 09/03/2013

Flattr this!

© Universum Film

© Universum Film

Nie wieder Teenager, das war eine Erkenntnis in meiner Kritik zu Das Mädchen Wadjda. Wer hätte gedacht, dass ich aus einem saudi-arabischen Debütfilm und Spring Breakers das gleiche persönliche Fazit mitnehmen würde? Und überhaupt: Oh mein Gott, was habe ich da gerade gesehen? An dem Streifen von Harmony Korine scheiden sich die Geister und es scheidet sich verwirrenderweise auch mein Geist. Denn dass der Regisseur mit seinem Film etwas transportieren will, das über Bilder von wackelnden Hintern hinausgeht, das kann ich ihm nicht absprechen. Aber dass es mir gefallen hat, kann ich eben auch nicht behaupten.

Immer die gleichen Gesichter, gleichen Häuser, die gleichen Stundenpläne an der Uni – Faith (Selena Gomez), Candy (Vanessa Hudgens), Cotty (Rachel Korine) und Brit (Ashley Benson) können es nicht mehr sehen. Der berühmt-berüchtigte Spring Break in Florida scheint da genau das Richtige zu sein, aber so ein Ausflug übersteigt die Finanzen der vier College-Studentinnen. Also überfallen sie kurzerhand ein Restaurant – einfach vorstellen, es sei nur ein Videospiel – und machen sich auf in die Sonne. Von der Wärme, wummernden Beats, Alkohol und Sex berauscht läuft allerdings eine Party gewaltig aus dem Ruder, und die Vier finden sich im Gefängnis wieder. Vorzeitig entlassen werden sie nur, weil der Rapper Alien (James Franco) ihre Kaution bezahlt und den Mädchen die schönsten Versprechungen macht. Für seine vornehmliche Großherzigkeit erwartet er allerdings eine Gegenleistung: die Studentinnen sollen seine Gangsterbräute werden.

Nicht umsonst zähle ich Regisseurinnen wie Sofia Coppola zu meinen Lieblingsfilmemachern. Eine extrem stilisierte Oberfläche zu kreieren, die auf den ersten Blick vielleicht beliebig wirken mag, der Zweck dieses Mittels leuchtet mir durchaus ein. Übertreibung schafft Veranschaulichung, pflegt eine gute Freundin stets zu sagen, aber ich glaube fast, dass die Ästhetik von Harmony Korine selbst ihr zu viel wäre. Schnelle Schnitte im Musikvideostil zeigen neonfarbene Bikinis und viel nacktes Fleisch, die sich hundertfach wiederholenden Stimmen aus dem Off schwelgen in Teenager-Philosophie und über all dem schwebt der Vier-Viertel-Rumms von Skrillex. Und dazu die inhaltliche Ebene: vier brave Collegestudentinnen planen eiskalt einen Raubüberfall, nur weil sie sich ihren Urlaub nicht leisten können? Wenn sowas glatzköpfige Jugendliche vom Dorf machen, zucken alle nur mit den Schultern ob des traurig auswegslosen Prekariats. Wenn die Protagonisten aber mittelmäßig hübsche und halbnackte Mädchen aus der Mittelschicht sind – dann sehen wir darin plötzlich einen intelligenten Kommentar über unsere Gesellschaft?

© Universum Film

© Universum Film

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben sich die von MTV und Konsorten aufgezogenen Jugendlichen anscheinend zu feierwütigen und sinnentleerten Marionetten entwickelt, die ohne ernstzunehmende Ziele durchs Leben driften und sich von jedem dahergelaufenen Machotypen mit Geld manipulieren und vom rechten Weg abbringen lassen. Diese Medienschelte mag in bestimmten Punkten vielleicht ihre Berechtigung haben. Ob sie allerdings in den hier gezeigten Ausmaßen vonnöten ist, da bin ich mir nicht so sicher. Natürlich, ein Film darf übertreiben und er muss auch nicht realistisch sein, aber trotzdem: ich habe Britney Spears gehört, ich war auf Partys, auf denen Drogen konsumiert wurden, wollte aus dem Alltag ausbrechen, etwas anderes sehen, und Moral halte ich bis heute für überschätzt. Ein Restaurant zu überfallen, um in den Urlaub zu fahren, das würde mir trotzdem im Traum nicht einfallen. Natürlich gibt es diese exzessiven Partys mit der immer gleichen Autoscootermukke und Alkohol in rauen Mengen. Die meisten von uns müssen durch diese Phase eben durch, und irgendwann ist sie dann auch überstanden. Der Fall einer ganzen Generation muss deswegen noch lange nicht beschworen werden. Und das schon gar nicht in Zeiten, in denen die Feuilletons sich gleichzeitig bei dem Versuch überschlagen, die so verweichlichte Jugend zu analysieren, die nicht bei Mutti ausziehen will und bis ins hohe Alter auf finanzielle und vor allem emotionale Unterstützung angewiesen ist.

© Universum Film

© Universum Film

Dass die Protagonisten von Spring Breakers über keine tiefgründige Backstory verfügen, erscheint unter dieser Interpretationsvariante konsequent. Aber ganz zieht Harmony Korine diese Entscheidung dann doch nicht durch: denn schließlich ist da immer noch Faith, das personifizierte Gewissen der Partytruppe. Bei ihr ist der Name Programm, und so wird die einzige angedeutete Hintergrundgeschichte des Films zu einem schauerlichen Klischee. Denn wenn sich bei der Figur der ehemaligen Disney-Prinzessin Selena Gomez das Verantwortungsbewusstsein meldet, dann nicht etwa weil sie mit gesunder Distanz die Situation überschaut, sondern weil sie sich an die ach so heimelig behüteten Nachmittage im Kreis ihrer Jugendgruppe erinnert, in der der Leiter das Denken übernahm und die einzige Sorge das leise Gefühl von Peinlichkeit war, wenn alle auf dem Boden saßen und sangen. Und das ist der Punkt, an dem ich mir ehrlich gesagt eine Frage stelle, die ich sonst aufs Übelste verabscheue: what the heck will mir der Regisseur damit sagen? Um letztlich nicht an Typen wie Alien (von James Franco zugegebenermaßen großartig gespielt) zu geraten, brauche ich nämlich keinen Glauben, sondern allenfalls eine gesunde Portion Menschenverstand.

Verkaufsstart: 30. August 2013

Pressespiegel auf film-zeit.de

Vier Filme, die schöner in der Oberfläche schwelgen:

One Response to “Spring Breakers – Die Jugend von heute…”

  • Marcel says:

    Sehr cooler Artikel mal wieder! Ich hab mich über den Film noch nicht drübergetraut, weil ich sowas ähnliches schon vermutet hatte. Aber vlt ja eines Tages mal…Vielen Dank jedoch für eine wieder mal großartige Review!

    LG

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* 7+3=?

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.