Spuren – Die Kunst, Geschichten zu erzählen

by on 03/27/2014

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© Ascot Elite

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Nach dem Abitur begann ein Bekannter von mir, den Jakobsweg entlang zu pilgern und als medienaffiner Mensch hatte ich natürlich auch das passende Buch eines Moderatoren gelesen, der diesen Weg zuvor öffentlichkeitswirksam ebenso gegangen war. Die Idee erschien mir mehr als sympathisch. Eine Wanderung zur Selbstfindung, weg von allen Menschen und Annehmlichkeiten des urbanen Lebens. Eine Erfahrung, die mittlerweile in Mode gekommen ist, für gestresste Großstädter mit geltungsbewusstem Lebensstil. Allein 2700 Kilometer durch die australische Wüste zu wandern, ist dann aber doch ein anderes Kaliber. Robyn Davidson hat diese Reise 1975 nicht aus esoterischen Gründen unternommen, oder um bei den Menschen im Büro als authentisch alternativ zu gelten. Sie unternahm sie aus purer, innerer Notwendigkeit heraus.

Robyn Davidson (Mia Wasikowska) fährt mit dem Zug nach Alice Springs, etwa zum geografischen Mittelpunkt Australiens. Von hier aus will sie ihre Wanderung beginnen: quer durch die trockene Einöde bis zur äußersten Grenze des Landes, zum Indischen Ozean. Das Leben in der Stadt mit seiner Redundanz und den gesellschaftlichen Verpflichtungen hat sie satt und ohnehin tut sie sich schwer im Umgang mit anderen Menschen. Bevor sie ihre Reise aber beginnen kann, muss Robyn den Umgang mit Kamelen erlernen, die neben ihrem Hund Diggity ihre einzigen Weggefährten sein sollen. Und nicht zuletzt fehlt Robyn das Geld für den Ausnahmetrip. Eine Lösung bietet sich in Form eines Sponsors. Das Magazin National Geographic bietet sich an, stellt dabei aber eine Bedingung: Es schickt einen Fotografen, den geschwätzigen Amerikaner Rick Smolan (Adam Driver). Robyn ist das überhaupt nicht recht, aber eine Wahl hat sie nicht. Sie willigt also ein, den Mann alle paar Wochen für Fotosessions zu treffen und bricht auf. Nicht nur ihre eigene Familie glaubt kaum, dass sie den Trip bewältigen kann. Selbst die wüstenerprobten Aborigines trauen ihren Ohren kaum, als sie von der „Camel Lady“ hören, die diesen wahnwitzigen Schritt wagt.

Als junge Frau mit einer ausgeprägten misanthropischen Ader konnte ich mich von Anfang an gut in die auf eine reale Person und ihre Geschichte basierende Story einfühlen. Es hat einen Grund, dass Robyn die Gesellschaft anderer Menschen ablehnt und Regisseur John Curran lässt uns schnell erahnen wieso. Durch ein detailliert atmosphärisches Sounddesign und geschickte Montage veranlasst er auch uns Zuschauer dazu, alle anderen Figuren in erster Linie als Störenfriede zu empfinden. Die Männer in Alice Springs sind reaktionäre, rassistische Machos mit der Waffe immer im Anschlag, Robyns Schwester erweckt den Eindruck einer Frau, die sich Wüstenstaub in der Regel nicht einmal auf hundert Meter Entfernung nähern würde und Rick redet schlicht ununterbrochen und nervenzermürbend sprunghaft.

© Ascot Elite

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Reisen, so heißt es, erweitern den Horizont, und als Robyn ihre Reise beginnt, nimmt sie auch uns Zuschauer mit. An mir selbst entdecke ich dabei erstaunt, wie misstrauisch ich geworden bin. Wenn ein aggressiver Kamelbulle am Horizont auftaucht – immerhin eine ernstzunehmende Gefahr – dann bleibe ich völlig ruhig. Doch sobald Autos in der flirrenden Hitze des australischen Outbacks Gestalt annehmen, meldet sich bei mir ein Impuls, der auf Gefahr hinweist und plötzlich erscheint es mir außerordentlich fahrlässig, als junge Frau völlig allein in der Ödnis unterwegs zu sein. Solche Sorgen erweisen sich allesamt als unberechtigt: Die Menschen in der Wüste sind ausgesprochen hilfsbereit, die Unzulänglichkeit der Natur zwingt sie wohl auch dazu. Darin unterscheiden sie sich von den sporadisch auftauchenden Touristen, die stets nur auf ein möglichst gut getroffenes Foto von der jungen Frau und ihren Kamelen aus sind. Spuren deutet lauter solche Themenkomplexe an: den nur allzu oft präsenten Rassismus der weißen Australier oder ihren heuchlerischen Umgang mit den heiligen Stätten der Aborigines, wo zwar Kamele nicht erlaubt sind, dafür aber Karawanen weißer Riesenwohnwagen mit ihren lärmenden Bewohnern.

Der Film erzählt die Geschichte einer jungen Frau auf einem schier unglaublichen Weg, aber gleichzeitig findet er auch auf einer ganz anderen Ebene statt. Was wäre uns entgangen, hätte niemand etwas über ihr Vorhaben herausgefunden, hätte Rick Smolan die Reise nicht mit seiner Kamera dokumentiert und wären nie die Zeitungsreportage und Davidsons Buch erschienen. Eine Reisende und ein Reportagefotograf sind wohl die geeignetsten Menschen, um daran zu erinnern, wie viele faszinierende Geschichten jeden Tag auf der Welt entstehen, die alle erzählt werden wollen. Und gleichsam thematisiert Spuren, dass diesen Geschichten immer auch etwas Magisches genommen wird, wenn die Öffentlichkeit sie entdeckt. Indem wir beispielsweise immer wieder den Fotografen als Fremdkörper in eigentlich harmonischen Szenerien wahrnehmen, findet John Curran einen sehr angenehm subtilen Weg, uns diese Problematik vor Augen zu führen, ohne dabei die großen Fragen plakativ zu formulieren: Darf man alle Geschichten erzählen, die man findet? Und vor allem: wie sollte man sie erzählen?

Der Film übt sich in Zurückhaltung – und genau das tut ihm so gut. Eine Frau allein in der Wüste, das ist ein ähnlicher Stoff wie in Geschichten von Schiffbrüchigen auf hoher See, in den Händen der unwirtlichen Natur, quasi die Odyssee im staubig gelben Gewand. Klar, dass eine so existenzielle Story potentiell groß angelegte Metaphern bieten würde, epische Bilder der Landschaft, pompös orchestrierte Musik, psychedelisch ausgespielte Szenen von Hunger, Durst, Verzweiflung. Spuren spart sich all das und findet so einen viel nuancierteren, weniger sensationsgierigen Blick auf seine Protagonistin. Spuren erzählt die Geschichte genau so, wie sie erzählt werden sollte.

Kinostart: 10. April 2014

Pressespiegel auf film-zeit.de

Vier andere Filme direkt aus der Ödnis des Outbacks:

One Response to “Spuren – Die Kunst, Geschichten zu erzählen”

  • Jan says:

    Ein wirklich ganz berührender Film. SPUREN hat mir auf eine einmalige Art und Weise vorgeführt, wie ein Film mit ganz simplen Mechanismen bei mir tiefe Emotionen wecken kann. Zum Ende hin war ich schlicht und ergreifend von der Schönheit der Natur gepackt und berührt.
    Dazu zeigt Mia Wasikowska ihre bisher beste Leistung, die man hinter den so oft betitelten One-Man-Shows aus den vergangenen Jahren nicht vergessen sollte.

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