Suite Française – Unmöglich zu vergessen

by on 08/19/2015
© Universum

© Universum

Der Roman Suite Française wurde heimlich geschrieben. Während der Besatzung Frankreichs in der Nazizeit. Die jüdische Schriftstellerin Irène Némirovsky war 1940 aus Paris aufs Land geflohen, wo sie die Arbeit an ihrem Werk begann. Beenden konnte sie es nicht – von den Nationalsozialisten nach Auschwitz deportiert, starb sie dort 1942 im Alter von nur 39 Jahren. Sechs Dekaden lang lag das Manuskript in einem Koffer, bis ihre Tochter es fand. 2004 wurde es veröffentlicht und geriet zum Bestseller. Eine wahrhaft filmreife Geschichte, adaptiert wurde jedoch der Roman selbst.

Ein Film wie Suite Française lässt sich unter vielen verschiedenen Gesichtspunkten anschauen und beurteilen. Als Historienfilm über den Zweiten Weltkrieg beispielsweise, als eine sozialwissenschaftliche Annäherung an das Verhalten einer Gesellschaft im Ausnahmezustand oder auch als die Geschichte einer Liebe unter widrigsten Umständen.  Letztere mag auf den ersten Blick im Mittelpunkt der Geschichte stehen. Michelle Williams spielt die junge Französin Lucile, die gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter Madame Angellier (Kristin Scott Thomas) auf die Rückkehr ihres Ehemannes aus dem Krieg wartet. Über seinen Verbleib sind lediglich Gerüchte zu hören, aber eigentlich führen die beiden Frauen in ihrem Dorf Bussy ein angenehmes Leben. Der Krieg scheint weit weg, und da Madame Angellier unermüdlich darin ist, die Miete ihrer Pächter einzutreiben, wohnen sie im schönsten Haus am Platz. Ihr Alltag wird schließlich durch Flüchtlingsströme aus Paris auf den Kopf gestellt, kurz darauf kapituliert Frankreich und in Bussy fällt eine Einheit deutscher Soldaten ein. Auch die Angelliers müssen in ihrem Haus einen der verhassten Offiziere aufnehmen. Bruno von Falk (Matthias Schoenaerts) entpuppt sich aber nicht als kaltblütige Menschmaschine, sondern als einsamer Musikliebhaber. Schon bald wehen seine verträumten Pianomelodien durch das Haus und er und Lucile haben Mühe, ihre erwachenden Gefühle füreinander vor der misstrauischen Dorfgemeinschaft zu verheimlichen.

Lucile und Bruno bilden in Bussy eine der wenigen noch vorhandenen Einheiten und Saul Dibb isoliert ihre Zweisam- und oft auch Einsamkeit regelrecht von allem übrigen Geschehen. Die beiden müssen sich Freiräume mühsam erschaffen und selbst im eigenen Haus ist das unter den wachsamen Augen Madame Angelliers ein schwieriges Unterfangen. „Eher sterbe ich, als nach deutscher Zeit zu leben“, zischt sie und muss sich geschlagen geben, als Bruno eigenhändig ihre Uhr umstellt. In den kurzen, hermetisch alle Umwelt vergessen machenden Momenten zwischen Lucile und Bruno werden kleine Gesten mit großer Bedeutung aufgeladen, werden kaum hörbare Geräusche zu lauten Klängen. Es ist ihre einzige Möglichkeit und ein in Suite Française oft wiederholtes Motiv: „Vergiss für zwei Minuten alles um uns herum.“ Michelle Williams und Matthias Schoenaerts wissen als verlorene Seelen zu berühren und die Kamera findet zurückhaltende Bilder, die mit ihrem Gespür für Tiefe und Textur die hässlichen Schrecken des Krieges tatsächlich auszublenden vermögen.

© Universum

© Universum

Nur eben nicht lange – viel interessanter als die im Grunde nicht sonderlich originell erzählte Liebesgeschichte sind die sozialen Grausamkeiten, die Saul Dibb in Suite Française eine nach der anderen freilegt. Und das nicht nur ausgehend von den Deutschen, sondern auch innerhalb der französischen Dorfgemeinschaft. Da gibt es die jungen Frauen, die sich mit den deutschen Soldaten einlassen und daraufhin Ächtung erfahren. Auch Lucile gehört dazu, die für ihre Nachbarn gerade noch gut genug ist, wenn sie für sie bei Bruno irgendwelche Bevorteilungen herausschlagen soll. Aber auch die oberste soziale Schicht bekleckert sich nicht gerade mit Ruhm, wenn es darum geht, zu eigenen Gunsten mit den Nazis zu kooperieren. Dass das nicht immer gut ausgeht, beweist Lambert Wilson als opportunistischer Bürgermeister Bussys, der in einigen Szenen den hochkarätigen Hauptdarstellern tatsächlich die Show zu stehlen weiß.

Die Bemühungen des Regisseurs sind dem Film ab und zu sehr deutlich anzumerken: bloß die Geschichte nicht zu einseitig zu erzählen. Auch nicht all seine Entscheidungen sind nachvollziehbar. Zum Beispiel die mittlerweile durchaus namhafte Margot Robbie in einer winzigen Nebenrolle zu besetzen, die in der Dramaturgie des Films geradezu unnötig erscheint. Besonders fragwürdig ist jedoch der Umgang mit Sprache in Suite Française. Hier lässt Saul Dibb die nötige Konsequenz vermissen, die den Film zu einem wertvollen Beitrag zur Erinnerungskultur machen würde: Obwohl sein Werk in Frankreich spielt, steht kaum ein Franzose auf seiner Besetzungsliste und abgesehen von einem Radio im Hintergrund ist auch kein französisches Wort zu vernehmen. Lediglich die deutschen Darsteller (darunter zum Beispiel Tom Schilling in einer besonders ekelhaften Nebenrolle) kommen in ihrer Muttersprache zu Wort. Saul Dibb macht es sich mit diesem Kunstgriff wesentlich zu einfach: die bösen Nazis dürfen ruhig in ihrer harten, zischenden Sprache daher krakeelen und so für die Mehrheit des internationalen Publikums unnahbar bleiben – da stört sich dann auch niemand mehr am weichen Englisch der „Franzosen“.

Über allem schwebt der melancholische Klang des Klaviers – die Suite Française ist ein von Bruno komponiertes Stück, das er als Partitur für Lucile zurücklässt. Mit Musik hat ihre Beziehung begonnen und so endet sie auch. Dieses zentrale, mit Vorsicht gewählte Motiv des Films entschädigt für so manche Ungereimtheit. Eine Melodie lässt sich wahrnehmen und beschreiben, analysieren und interpretieren. In ihrer Gänze verstehen oder erklären lässt sie sich nicht. Genauso wenig wie sich Menschen in schwarzweißen Blöcken anordnen lassen: Opfer und Täter, Held und Bösewicht verschwimmen. Manchmal braucht es wohl einen sechzig Jahre vergessenen Roman, um das in Erinnerung zu rufen.

Kinostart: 19. November 2015

Pressespiegel auf film-zeit.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.