Tage am Strand – Endlich einmal keine Familienpropaganda

by on 10/24/2013

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© Concorde

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Kino kann manchmal wirklich ätzend sein. Für mich trifft das zu, wenn ich in einen Film gehe, auf den ich mich wegen seiner unkonventionellen Themen freue. Nicht selten folgt dann nämlich spätestens im letzten Drittel die Ernüchterung: Alle erfrischend anderen, verruchten und moralisch flexiblen Beziehungsformen scheitern, die Figuren kehren zurück zu ihren bewährten Lebensprinzipien und wenn sie nicht gestorben sind…. Nichts mit Unkonventionalität, ein großer Teil der Filme ist unter dem bunten Anstrich letztlich doch nur billige Familienpropaganda. Ätzend, sag ich doch. Denn eine Familie mit Mutter, Vater, Kind, Haus und Hund mag für den Einen vielleicht funktionieren. Aber für den Anderen eben nicht.

Und mal ehrlich, es gibt so viele so viel aufregendere Konstellationen. Eine davon sehen wir in Tage am Strand. Lil (Naomi Watts) und Roz (Robin Wright) sind seit ihrer frühsten Kindheit befreundet. Jahrzehnte später leben sie noch immer im selben Ort an der australischen Küste von New South Wales. Sie sind nicht nur Nachbarinnen, sondern nach wie vor beste Freundinnen und haben dieses innige Verhältnis auch auf ihre Söhne Tom (James Frecheville) und Ian (Xavier Samuel) übertragen. Zu viert verbringen sie so manchen lauen Abend, trinken Weißwein aus dickbauchigen Gläsern und genießen den Blick auf den Ozean. Es könnte ewig so weitergehen, aber dann verliebt sich Ian in Roz, und auch zwischen Lil und Tom entwickeln sich Gefühle.  Die beiden Frauen sind sich der Schwierigkeiten, die diese Beziehungsformen mit sich bringen, durchaus bewusst. Aber während die Öffentlichkeit sie mittlerweile für ein lesbisches Paar hält, gestehen sie sich gegenseitig ein, dass sie sich mit dem Sohn der jeweils Anderen glücklicher fühlen als je zuvor. Und so lassen sie ihre Gefühle einfach zu.

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Auf dieser inhaltlichen Ebene ist Tage am Strand endlich einmal das, was er zu sein verspricht: ein unkonventioneller Film. Und zu meiner außerordentlichen Freude ist er das zudem auch in seinen inszenatorischen Aspekten. So sind in dem Werk der Regisseurin Anne Fontaine endlich einmal nicht die weiblichen Figuren visuelle Objekte der Begierde – sondern die Männer. Die Filmemacherin zeigt Tom und Ian adonisgleich beim Surfen oder nackt unter der Dusche – wie junge Götter. Das perfekt gesetzte Licht bricht sich auf ihren Muskeln und ihre Gesichter wirken wie die in Stein gemeißelter griechischer Statuen. Zeitweise wirkt die Inszenierung dabei so überzeichnet, dass es beinahe unangenehm wird, hinzuschauen. Und dann wird irgendwann klar, dass Anne Fontaine dieses Prinzip konsequent weiterverfolgt.

Denn in Tage am Strand dürfen auch die Frauen endlich einmal Frauen sein – und zwar ganz natürlich, unverkrampft und altersgemäß. Gut, dass die Figur von Naomi Watts letztlich sogar zur Großmutter wird, nimmt ihr der Zuschauer vielleicht nicht so ohne Weiteres ab. Aber es ist erfrischend, dass vierzigjährige Freundinnen mit ihrer Familie hier endlich einmal nicht perfekt gestylt am Strand sitzen und selbst nach einer Schnorcheltour noch die Wimpern perfekt geschwungen sind. Fältchen und Hautunreinheiten – sie sind sichtbar und sie tun der Schönheit von Naomi Watts und Robin Wright keinen Abbruch.

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Letztlich ist es dann Lil, die nach den erwartungsgemäß auftretenden Schwierigkeiten in ihrer Beziehung einfach auf die eigene Stimme hört und die Tatsachen gegenüber ihrer besten Freundin erstmalig ausspricht: „Ich will nicht aufhören. Ich wüsste nicht, warum.“ Und ich wüsste es auch nicht. Sicherlich: diese Entscheidung bringt nicht wenige Komplikationen und moralische Dilemmata mit sich. Ehemänner sind im Spiel, die jungen Männer müssen irgendwann berufliche Entscheidungen treffen und auch Lil und Roz sind sich der Tatsache bewusst, dass ihre Liebhaber früher oder später Mädchen in ihrem Alter kennenlernen werden. Und doch ist an der Worthülse eben etwas dran: das Leben ist elendig kurz. Ein bisschen Schmerz und Leid, ein paar Narben sind definitiv für alle Beteiligten besser als jede verdammte Heuchelei.

Kinostart: 28. November 2013

Pressespiegel bei film-zeit.de

Vier filmische Lieben mit Altersunterschied – und ohne Wertung:

One Response to “Tage am Strand – Endlich einmal keine Familienpropaganda”

  • crizz says:

    Ich teile deine Ansicht, dass es zu viele Filme gibt, die versprechen, unkonventionell zu sein und dann doch in einer Bilderbuch-Normativität enden.

    Dass du deinen Wunsch nach unkonventionellen Beziehungskonstellationen ausgerechnet in ‚Tage am Strand‘ verwirklicht siehst, ist für mich dagegen schlichtweg unbegreiflich.
    Dieser Film ist in jeder einzelnen Einstellung und in jeder einzelnen Textzeile derart frauenfeindlich und heteronormativ, dass diese Konsequenz beinahe eine Parodie vermuten lässt.

    Fast kommt der Verdacht eines Fehlers am Schnittpult auf: aus diesem Filmmaterial hatte doch eigentlich eine schmierige, überaus platte Soapopera werden sollen. Versehentlich wurde daraus der wohl schlechteste Film des Jahres.

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