Tangerine L.A. – Drama, Baby!

by on 07/05/2016

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© Kool/Filmagentinnen

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Die Sonne steht tief am Abendhimmel über Los Angeles und taucht alles in ein leuchtend mandarinfarbenes Licht. Es ist dieses Licht, das dem Film seinen Namen gegeben hat: Tangerine L.A. von Sean Baker, eine kleine Sensation auf dem Sundance Festival 2015. In den Himmel zu schauen ist manchmal wie eine Leinwand zu betrachten. Dann ziehen Farben und Texturen vorbei, die sich je nach Stimmung des Betrachters direkt in Emotionen umzuwandeln scheinen. So ein tiefroter Himmel kann Symbol romantischer Gefühle sein, ganz knapp auf der Kippe zum Kitsch. Oder auch Ausdruck von sich ins unendliche steigernder Rage.

Dieses warme Licht wird sich im Laufe des Films noch intensivieren. Tangerine L.A. erzählt nämlich die Geschichte eines einzigen Abends: des Heiligen Abends. Und der ist für das exzessive Ausleben der kompletten Gefühlsskala von Romantik bis Rage ganz besonders geeignet. Als Sin-Dee (Kitana Kiki Rodriguez) an diesem Abend aus einem kurzen Aufenthalt im Gefängnis entlassen wird, ist plötzlich alles anders. Ihre beste Freundin Alexandra (Mya Taylor) hat endlich Brüste. Und ihr rutscht heraus, dass Sin-Dees Freund Chester (James Ransone) sie betrogen hat. Mit einer Cisgender-Frau: „Vagina and everything.“

Und so beginnt ein wilder Run quer durch den Straßenstrich von Los Angeles, auf der Suche nach Chester und dem Mädchen. Desiree? Delia? Irgendwas mit D. So genau weiß das niemand, oder es will Sin-Dee gegenüber niemand die Wahrheit sagen. „No Drama“, beschwört Alexandra ihre Freundin. Aber Tangerine L.A. ist genau das. Kein Warten, kein bloßes Suchen, kein zögerliches Angehen gegen irgendetwas Unbestimmtes. Sondern ein Trip mit der Rage, mit der Trauer, mit dem Triumph, totales Ausleben aller Emotionen auf der Skala: Drama, Baby.

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Es gibt da diese Szene, in der Sin-Dee für einen Moment an der Bushaltestelle sitzt, an der Chester häufig vorbeikommt. Mit zweifelndem Blick kaut sie auf ihrer Lippe herum, Orchestermusik schwimmt im Hintergrund. Abruptes Ende: „Fuck it“, stößt Sin-Dee hervor, springt auf und jagt weiter, harter Dubstep nimmt ihr neu gewonnenes Tempo auf. Über allem der leuchtende Himmel. Ein zweiter Handlungsstrang webt währenddessen die Geschichte eines armenischstämmigen Taxifahrer (Karren Karagulian) in den Film ein, dessen Doppelleben als Familienvater und Stammkunde auf dem Straßenstrich an die Konventionen alter Familienmelodramen anknüpft. Tangerine L.A. dreht das Rad weiter, bricht sich selbst genügende Familienstrukturen auf, lässt seine Figuren nicht in der mythisch-selbstmitleidigen Passivität des Melodramas verweilen und in transzendentalen Erfüllungsvisionen schwelgen.

Das wäre auch reichlich anachronistisch für einen Film, der sich seiner bewussten Inszenierung zum Trotz derart radikal einer brutalen Auffassung von Authentizität verschreibt. Die beiden Begriffe, die in allen Pressemitteilungen und Texten über Tangerine L.A. zu lesen waren, lauten: Transgender und iPhone 5s. Der Regisseur Sean Baker fand seine Darstellerinnen in Los Angeles. Mya Taylor hatte eine Weile als Sexarbeiterin ihr Geld verdient und begann zu dem Zeitpunkt mit der Einnahme weiblicher Hormone. Sie brachte ihre tatsächliche beste Freundin Kitana Kiki Rodriguez ins Spiel und gemeinsam entwickelte man den Film, der schließlich mithilfe neuartiger Prototypen anamorphotischer Aufsteck-Linsen komplett auf drei Smartphones gedreht wurde. Der digitale Look ist kein abschreckender Faktor. Es rauscht in den dunkleren Szenen, alles ist flächiger und schärfer als bei normalen Filmkameras und in der Postproduktion geizt Sean Baker nicht mit der Farbsättigung. Aber es bleibt eben auch der Rückgriff auf Weitwinkel, auf Komposition, Orchestrierung und die ewig reizvolle Großaufnahme. Tangerine L.A. ist keine bloße Mischung all dieser Elemente. Er ist ein Film, dessen improvisierte Entstehung nicht darüber hinwegtäuscht, dass er das Produkt bewusster Entscheidungen ist. Und dessen Künstlichkeit seiner Rasanz keinen Abbruch tut.

Kinostart: 07. Juli 2016

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