Taxi – Der Film ohne Abspann

by on 02/06/2015

Eine geschäftige Kreuzung irgendwo im Herzen Teherans. Männer in Karohemden und voll verschleierte Frauen hasten vorbei, dann setzt sich das Auto langsam in Bewegung, aus dessen Frontscheibe heraus wir Zeuge dieser alltäglichen Szene werden. Das Auto ist ein Taxi, aber an seinem Steuer sitzt kein normaler Fahrer. Es ist der iranische Regisseur Jafar Panahi, der nach Festnahmen und Hungerstreiks nur von der iranischen Regierung freigelassen wurde, weil sich weltweit Künstler und Aktivisten für ihn einsetzten. Seitdem ist er für zwanzig Jahre mit einem Berufsverbot belegt. Aber Panahi kann nicht leben ohne Filme zu machen.

Taxi ist deswegen sein nunmehr dritter unautorisierter Film. Als Fahrer sitzt er selbst am Steuer und nimmt seine Landsleute mit: Menschen auf dem Arbeitsweg, zwei abergläubische Damen, einen Verletzten auf dem schnellsten Weg zum Krankenhaus, seine Nichte, die ihm erklärt wie inakzeptabel es sei, dass sie vor der Schule über eine Stunde auf ihn warten musste. Hier wird das Große im Kleinen gespiegelt: in den Gesprächen während der Fahrt ergibt sich ein Bild der iranischen Gesellschaft, die dem Image des Landes, das sich im Westen zumeist aus Medienberichten über drakonische Strafen der Scharia oder Kernreaktoren ergibt, eine menschennahe Perspektive entgegensetzt. Sie alle haben ihre individuellen Probleme und Fragen mit sich herumzutragen und stehen damit doch in direkter Verbindung zur Politik des Landes.

© Berlinale

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So darf die im Übrigen ungemein charismatische Nichte beim Kurzfilmwettbewerb ihrer Schule bitte keine unschönen Realitäten zeigen. Die Guten in ihrem Werk sollen am besten die Namen der heiligen Imame tragen und dafür auf keinen Fall Krawatten – das Sinnbild des dekadenten Amerikaners. Ein Raubkopierer sieht sich selbst als Erbringer einer kulturellen Tätigkeit, denn schließlich sind all die Blockbuster, Klassiker und Arthouse-Must-Sees im Iran nicht erlaubt – wie sollen die Menschen sie sonst sehen, wenn nicht durch seine Arbeit? Der Nächste traut sich nicht, nach einem Raubüberfall die ihm bekannten Täter anzuzeigen – aus Angst vor der drohenden Todesstrafe für die kleinsten Vergehen. Und der freundlich lächelnden Anwältin mit dem Strauß Rosen in der Hand, die so fröhlich und unbeschwert wirkt, droht ein Berufsverbot, weil sie immer wieder die aus Sicht der Regierung falschen Opfer vertritt. Eine junge Frau beispielsweise, die sich ein Volleyballspiel ansehen wollte.

Jafar Panahi illustriert die Probleme seines Landes in Taxi mit dickem Pinselstrich. In jedem Satz seiner Figuren ist immer auch das zugrundeliegende gesellschaftliche und politische Problem umgehend durchzuhören. Aber wahrscheinlich sind die verhandelten Themen auch einfach zu schwerwiegend, um mit feinsinniger Subtilität behandelt zu werden: die systematische Unterdrückung der Frauen, die völlig unverhältnismäßigen und willkürlichen Strafen, das Verbot jeglichen kritischen Diskurses, alles unter dem unhinterfragbaren Deckmantel der Religion.

Was Taxi trotz dieser eigentlich so gräulichen Inhalte besonders und sogar unterhaltsam macht, ist die Machart. Immerzu behält Jafar Panahi diese Ambivalenz aufrecht: sind die Szenen die er zeigt dokumentarisch oder vielleicht doch inszeniert? Beruhen sie vielleicht auf wahren Begebenheiten, sind aber überspitzt dargestellt worden? Der Stil bleibt durchweg roh und amateurhaft. Die Bilder stammen lediglich aus der vom Regisseur fest auf der Armatur installierten Kamera und der wackelig gehaltenen Fotokamera seiner Nichte. Immer wieder sehen wir Panahi selbst oder unternehmen eine visuelle 180°-Drehung, wenn er an dem permanent filmenden Gerät herumfuhrwerkt. Was wir jedoch zu sehen und zu hören bekommen, muss einfach inszeniert sein, zumindest in den Grundzügen. Ein skurriler Fahrgast reiht sich an den Nächsten, es entwickeln sich selbstreflexive Gespräche über das Filmemachen im Allgemeinen und Jafar Panahis Arbeit im Besonderen, ein Höhepunkt folgt auf den Nächsten. Taxi ist nicht unbedingt ein Film der leisen Töne. Viel wichtiger ist aber, dass von iranischen Regisseuren überhaupt Töne vernehmbar sind. Am Ende des Films gibt es keinen Abspann. Panahi darf seine Unterstützer nicht nennen, zu groß ist die Gefahr, von der Regierung mit weiteren Schikanen belegt zu werden. Er hofft, dass er den Abspann irgendwann nachreichen kann.

Kinostart: 23. Juli 2015

Taxi auf der offiziellen Berlinale-Website

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