Taxidermia – Essen, Erbrechen & ein bisschen Liebe

by on 03/07/2013
© Splendid Film/WVG

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Gut geht es einem nach Taxidermia – Friss oder stirb nicht, so viel kann ich schon einmal sagen. Dieser außergewöhnliche Film des ungarischen Regisseurs György Pálfi bewegt sich zwischen gekonnt und gekotzt – und das ist wortwörtlich zu verstehen.

Doch bevor ich mich intensiv mit dieser Perle auseinandersetze, möchte ich euch einen Überblick über die Geschichte von Taxidermia – Friss oder stirb verschaffen:
Drei Generationen einer Familie in Ungarn stehen im Mittelpunkt dieses grotesken Films. Alles beginnt mit Vendel Morosgoványi, einem Soldat im Zweiten Weltkrieg, der von seinem Vorgesetzten schikaniert wird und sich die Zeit mit ausgefallenen Selbstbefriedungsmethoden vertreibt. Eines Tages landet Vendel mit der fülligen Frau des Hauptmanns in der Kiste. Der gehörnte Ehemann exekutiert den Widersacher daraufhin. Aus der Affäre geht jedoch ein Sohn hervor. Kálmán, so der Name des Seitensprungkindes, wird von dem Offizier, der seinem richtigen Vater das Leben genommen hat, großgezogen. Im Laufe der Jahre steigt Kálmán zum Topmann der Kommunisten in der Disziplin Wettfressen auf. Nicht nur das massenhafte Essen muss in diesem „Sport“ beherrscht werden, sondern auch das Kotzen. Irgendwann verliebt Kálmán sich in Gizi, eine ebenso leidenschaftliche Fresserin. Aus dieser Beziehung geht der Junge Lajos hervor. Der ist jedoch das komplette Gegenteil seiner Eltern, nämlich sehr schmächtig. Anstatt in die Fußstapfen seiner futternden Erzeuger zu treten, macht Lajos im Ungarn der heutigen Zeit seine Leidenschaft zum Beruf: er wird Tierpräparator. Gleichzeitig kümmert er sich um seinen verbitterten und abartig fetten Vater. Wie nicht anders zu erwarten endet die Familiensaga alles andere als normal…

© Splendid Film/WVG

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Was ist Taxidermia – Friss oder stirb aber nun: Schrott oder Kunst? Eines vorweg: eine einfache Antwort kann man darauf nicht geben – vermutlich kann man auch gar keine Antwort geben.
Der Film hat künstlerischen Wert, das halte ich für unstrittig. Es sind Kleinigkeiten, die die Qualität zeigen (Achtung, es folgen SPOILER):

  1. Wie „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“-Märchen „real“ wird.
  2. Die Fische, die neben dem Boot, auf dem das Kaviarwettessen stattfindet, schwimmen & springen.
  3. Der kleine Schweißtropfen von Gizi, den sich Kálmán in den Mund laufen lässt.

Diese Zwischentöne sind Poesie. Diese wird aber in zerschmetternder Art und Weise umgehend aufgelöst:

  1. Das kleine Mädchen aus dem Märchen von Hans Christian Andersen dient dem onaniesüchtigen Morosgoványi nur als, knallhart gesagt, Wi***vorlage.
  2. Die Zwischenszene mit den Fischen unterbricht nur den „Sport“ des Paares, das abartige Fressen von Rogen – mit Magenentleerung durch Erbrechen.
  3. Auch wenn Kálmán Gizi heiratet, bringt ihm das kein Glück: Noch am Hochzeitstag lässt sie sich von seinem Fresssportkonkurrenten auf offenem Felde vernaschen, und auch die Zukunft bringt nichts Schönes mehr.
Taxidermia Still 3

© Splendid Film/WVG

Die explizite Darstellung sämtlicher primärer wie auch sekundärer Geschlechtsmerkmale sowie deren Einsatz mag manchmal irritierend, abschreckend aber auch eklig sein (so z.B. der Akt zwischen Morosgoványi und der Frau des Hauptmanns. Diese Szene offenbart im wahrsten Sinne tiefe Einblicke, die so sonst nur in Sexfilmen vorkommen), für eine provokante Groteske ist dies aber nicht zwingend falsch, soll doch bewusst überzeichnet werden.

Was das Thema des Films angeht, ist durch die ausgeprägte Symbolik Interpretationskompetenz erforderlich: Was deutlich zu Tage tritt ist jedoch das Verlangen nach Nähe und Zweisamkeit. Andere Muster, die der Film in sich trägt oder tragen könnte, sind aber subjektiver Natur und hinterlassen bei jedem oder zumindest den meisten Rezipienten einen anderen Eindruck.
So fällt dann auch mein Fazit aus: Ob das Gesamtwerk Schrott oder Kunst darstellt ist in diesem Falle äußerst subjektiv, weit mehr als bei vielen, vielen anderen Filmen. Nur denke ich, dass man dem Film unrecht tut, reduziert man ihn auf Pimmel, Muschis, Kotzen, Fressen und Ficken (ich entschuldige mich für die direkte Wortwahl, finde sie hier aber angebracht, da der Film ja auch nichts beschönigt: „…die Fotze ist immer der gemeinsame Nenner“).

Taxidermia – Friss oder stirb ist mehr als die Aneinanderreihung von Brechreizerzeugern. Es gibt tragisch-komische Momente, anrührende Passagen, aber natürlich auch Szenen, die von ihrer Abartigkeit leben. Es ist eben eine Groteske, eine Gratwanderung zwischen Ekel und Faszination – wer sich darauf einstellen kann, den erwartet ein Filmerlebnis abseits der ausgetrampelten Pfade.

3 Responses to “Taxidermia – Essen, Erbrechen & ein bisschen Liebe”

  • David Kern says:

    Eine allzu oberflächliche Betrachtung, die sich mit der hermeneutischen Flucht in vermeintliche Subjektivität wertender Kunstanschauung zufrieden gibt. Kein Wort zum meines Erachtens hauptsächlichen Topos des Films: die unabwendbare Kreatürlichkeit des Menschen, die Gefangenheit im eigenen Körper, dem man nicht entkommt, dessen Begehren und Beanspruchungen oberste Instanz sind. Darin knüpft der Film in grotesken und gnadenlosen Ästhetizismen nicht nur an die christlich fundierte Antisinnlichkeit, sondern vor allem an tiefenpsychologische Welterklärungen an und bestätigt Freuds dritte Menschenkränkung. „Taxidermia“ verbildlicht die letzte Konsequenz als Ausweg aus der körperlichen Okkupation: der Selbstmord. Natürlich ist dieser Film ein Kunstwerk, weil er das rezipiert und in einzelnen Bildern zur Metapher erhebt, was wir in seiner Verneinung Kultur nennen.

    • filmosophie says:

      Lieber David, danke für Deine analytischen Gedanken. Die Kolumne „Flimmerkiste“ hat nicht den Anspruch, umfassende Kritiken zu formulieren, sondern dient dazu, Filme jenseits des Mainstream vorzustellen. Wir freuen uns, wenn jemand einen solchen Text zum Anlass nimmmt, seine eigenen Gedanken zu mitzuteilen und weitere Aspekte des Films zu benennen. Aber bevor Urteile wie „allzu oberflächlich“ gefällt werden, wünschen wir uns, dass der Rahmen, in dem wir den Film vorstellen, auch Berücksichtigung findet.

  • David Kern says:

    Ich danke für die Entgegnung und möchte es nicht versäumen, meine Sympathie für die Idee, Filme abseits des Mainstreams vorzustellen, auszudrücken.

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