The Amazing Spider-Man

by on 06/28/2012

© Sony Pictures

Das Marveluniversum ist groß. In den letzten sechzig Jahren haben einige der vielleicht kreativsten Köpfe des vergangenen Jahrhunderts ihre Fantasie zusammen getan, um eine Welt in Frames und Sprechblasen zu bannen, die mal erstaunlich kindlich, mal düster und mal wie der größte Drogentrip aller Zeiten daher kommt.

Genug Stoff, um die Traummaschine Hollywood mit frischem Ideenmaterial bis ins nächste Jahrhundert zu ölen. Sollte man meinen. Doch Altbewährtes ist immer eine gute Bank und so startet ab heute The Amazing Spider-Man in den deutschen Kinos. Was? Jetzt schon ein Spider Man Reboot, wo doch die Verrisse des letzten Films immer noch durch den digitalen Äther geistern? Oh ja! Muss das denn wirklich sein? Ist Hollywoods kreative Energie so sehr dem Drang nach dem nächsten großen Box Office Hit gewichen? Das ist ein Thema, das einen eigenen Artikel wert ist und über das sich mit Sicherheit wunderbar streiten lässt. Jedoch sollte man dabei im Hinterkopf behalten, dass es nicht immer das Neue ist, was den kreativen Fortschritt bringt. Manchmal kann es auch die Variation des Alten sein. Regisseur Marc Webb, der mit dem Reboot in Sam Raimis große Fußstapfen tritt, hat sich diese Lektion zu Herzen genommen.

Seit Peter Parker seine Eltern bereits in frühen Kindertagen verloren hat, wächst er in der Obhut seines Onkels Ben und seiner Tante May auf. Dort führt er das chaotische Leben eines Teenagers, der seine Jugend lieber im Debattierclub als auf dem Footballfeld bestreitet. Als wenn so ein Leben manchmal nicht schon schwer genug wäre, muss Peter erfahren, dass sein Vater ein finsteres Geheimnis gehütet hat, das letztendlich mit seinem Verschwinden zu tun haben dürfte. Und dann ist da auch noch diese Sache mit dem Spinnenbiss, der dem schlaksigen Jugendlichen über Nacht die physischen Werkzeuge eines waschechten Superhelden beschert.

Soweit die bekannte Geschichte. Was also könnte frisch oder sogar neu an diesem Film sein? Zum einen die Optik, der man anmerkt, dass sie in einer Zeit nach Nolans Dark Knight entstanden ist. Raimis New York ist ein comicartiger Spielplatz aus Häuserschluchten und Hochhausfassaden. Dieselben Schluchten und Fassaden taucht Webb in ein düsteres anonymes Licht, das sich mehr durch Neonröhren denn Sonnenschein speist.

Zum anderen die Hauptdarsteller. Wer den Zeiten Tobey Maguires hinterher trauert, dem sei gesagt, dass der gute Mann inzwischen in einem Alter und an einem schauspielerischen Punkt angelangt ist, wo er die Rolle des Spider Man nicht mehr überzeugend vermitteln kann. Die gute Nachricht: Andrew Garfield kann es dagegen schon. Sogar viel überzeugender, als sein Vorgänger in dessen besten Milchbubi-Zeiten. Wo Maguire einfach nur wie ein Teenager aussah, da verkörpert Garfield ihn in jeder Hinsicht. Man kann es eigentlich nur charmant nennen, wie überzeugend er diese Mischung aus eigenbrödlerischer Schläue und jugendlicher Selbstüberschätzung herüber bringt. Sie ist essentiell für die Figur von Spider Man und hebt ihn mit einem Augenzwinkern vom Gros seiner Superheldenkollegen ab.

Und auch Emma Stone als Peters große Jugendliebe Gwen Stacey muss sich nicht scheuen die Nachfolge von Kirsten Dunst anzutreten. Ihre Rolle ist nicht ein bloßer Ersatz für Dunsts Mary Jane, sondern betritt gänzlich eigene Wege. Denn wo Mary Jane als passives Love Interest des Helden nie mehr war als die Women in Distress, die es nun einmal zu retten galt, da lässt Stone ihre Gwen Stacey viel selbstständiger und überzeugender handeln. Gwen ist nicht einfach nur ein amouröser Klotz am Bein, den es im Interesse des Happy Ends irgendwie durch den Film zu schleppen gilt. Sie ist Peters gleich berechtigte Partnerin, die schon sehr früh in dessen übernatürliches Geheimnis eingehüllt wird und als Mitwisserin stets auf Augenhöhe mit dem Helden agieren kann.

Es ist vor allem diese Interaktion zwischen Garfield und Stone, die den Film so bestechen lässt. Irgendwo zwischen verliebter Schüchternheit und heldenhaftem Teamwork verdeutlichen sie uns, was wir eigentlich an Spider Man so sehr mögen: Der Leichtsinn und die jugendliche Dummheit, die ihn so bodenständig und uns als Zuschauer so verbunden macht. Wir können mit ihm mitfühlen, denn seine Geschichte ist letztlich die des Erwachsenwerdens mit all seinen Verantwortungen, die jeder von uns kennt. Webb wählt hierfür letztlich nur die Metapher des Superhelden. Und so ist es eigentlich auch schon unterhaltsam genug, wenn man Peter beim ausprobieren seiner neuen Kräfte und den Eskapaden mit Gwen Stacey zusieht. Dass er ganz nebenher auch noch New York vor den Plänen des zum sinistren Lizzard mutierten Dr. Curt Connors (Rhys Ifans) schützen muss ist dabei fast schon störende Nebenhandlung, die zur unnötigen Überlänge des Films beiträgt.

Das tut der Tatsache aber keinen Abbruch, dass The Amazing Spider-Man ein sehr unterhaltsamer Superhelden Reboot ist, der den alten Filmen einige neue Facetten hinzu gewinnen kann und die Filmreihe inhaltlich näher an ihre Comicvorlagen bringt. Häufig sind es nicht die neuen Stoffe, die ein Genre am Leben erhalten oder gar verbessern, sondern die Neuinterpretierungen der alten.

KINOSTART: 28. Juni 2012

Pressespiegel bei film-zeit.de

 

Trackbacks & Pings

  • filmosophie » Diese Woche neu im Kino says:

    […] Reboot, über das Filmosoph felix uns in heldenhafter Nachtarbeit noch eine ausführliche Kritik geschrieben hat. Ihm hat der Streifen gefallen, nicht nur wegen der ausgezeichneten Besetzung, […]

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