The Best Offer

by on 03/13/2013
© Warner Bros.

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Ich mag Männer der alten Schule. In langärmligen Hemden und gut sitzenden Anzügen, mit vorzeigbaren Umgangsformen, distinguierter Ausdrucksweise und einem Hauch Exzentrik im Blick. Kein Wunder also, dass The Best Offer sofort meine Aufmerksamkeit auf sich zog, spielt darin doch Geoffrey Rush genau diesen Typ Mann. Seit seiner perfekt verkörperten Britishness in The King’s Speech – Die Rede des Königs, komme ich an dem gebürtigen Australier einfach nicht vorbei.

Eine einsame Kerze brennt auf der Geburtstagstorte von Virgil Oldman (Geoffrey Rush). Der Sechzigjährige ist ein weltweit gefragter Kunstauktionator und Experte für Antiquitäten. Aber er lebt auch ein einsames Leben voller Neurosen. In seinem Schrank reihen sich fein säuberlich hunderte Paare lederner Handschuhe, denn den körperlichen Kontakt zu anderen Menschen erträgt Oldman nicht. Vor allem zu Frauen hat er ein schwieriges Verhältnis, das er anderweitig kompensiert: Mithilfe seines Freundes (Donald Sutherland) reißt er sich die wertvollsten Portraits unter den Nagel, die er heimlich in einem Panzerraum sammelt. Hier verbringt das einsame Genie seine Abende, schaut seine Frauen an und sie schauen zurück. Das geordnete Leben gerät allerdings aus den Fugen, als er beginnt, eine alte Villa zu inventarisieren, wobei er seine Auftraggeberin Claire Ibetson (Sylvia Hoeks) nie zu Gesicht bekommt. Sie leidet unter einer gesteigerten Form von Agoraphobie und kommuniziert mit Oldman nur durch eine Wand hindurch. Bald schon brennt er darauf, sie zu sehen, einfach ist das aber nicht. Der junge Mechaniker Robert (Jim Sturgess), der für ihn mysteriöse Zahnräder aus der Villa zu einem geheimnisvollen Automaten zusammensetzt, entwickelt sich mit der Zeit zum strategischen Ratgeber des Vorhabens.

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Altmodisch angehauchter Stil – wunderbar, wie gesagt. Geoffrey Rush schafft es aber darüber hinaus, seine Figur in allen ihren faszinierenden und beunruhigenden Facetten zu zeigen. Besonders gut gefällt mir dabei, dass Regisseur Giuseppe Tornatore nicht den Psychoanalytiker raushängen lässt und in emotionalisierenden Rückblenden die bewegende Geschichte des kleinen Virgil erzählt. Nein, er konfrontiert uns schlicht und einfach mit der Gegenwart und lässt so Oldmans Leben viel hermetischer wirken. Dazu passt auch, dass The Best Offer letztlich in einer fiktiven italienischen Stadt spielt. Zwar fand der Dreh unter anderem in Rom, Parma und Mailand statt,  doch im Grunde ist der exakte Ort nicht relevant – die Geschichte könnte sich so überall zugetragen haben.

Sollte ich mich in wenigen Worten beschreiben, fiele sicherlich der Begriff des Ästheten. Denn ich befasse mich gern mit schönen Dingen. Und auch The Best Offer ist bei weitem nicht nur bedrückend, sondern im wahrsten Sinne des Wortes ein schöner Film. Nicht nur, weil reichlich Gemälde, Skulpturen und Möbelstücke aus allen Epochen auf der Leinwand erscheinen, sondern weil Giuseppe Tornatore ganz offensichtlich etwas von Inszenierung versteht. Wenn seine Kamera mit schwermütiger Eleganz über die Frauenportraits fuhr und dazu der erhabene Score des Altmeisters Ennio Morricone erklang – dann schaffte es dieser Film, mich für Momente so gefangen zu nehmen, dass ich einfach vergaß, meinen nüchternen Kritikermodus einzuschalten.

© Warner Bros.

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Der zehnte Langspielfilm des Sizilianers ist aber nicht nur nostalgisches Schwelgen in opulenten Oberflächen. Von Anfang an liegt etwas in der Luft, eine Ahnung von Gefahr. The Best Offer macht schnell klar, dass ein Twist nur auf sich warten lässt. Weniger wohlwollende Stimmen behaupten gar, Giuseppe Tornatore verkaufe seine Zuschauer für dumm. So weit würde ich auf keinen Fall gehen, denn eigentümlicherweise bleibt dem Film trotz diverser Andeutungen die Spannung erhalten. Keine Spannung im Sinne von Horrorfilmen, bei der ich Virgil Oldman am liebsten davon abgehalten hätte, die heruntergekommene Villa zu betreten. Eher eine subtilere Thriller-Spannung, die in ihren intensivsten Momenten die Geister der Kammerspiele von Alfred Hitchcock heraufbeschwört, und die mich immer wieder fast unbemerkt sämtliche Muskeln anspannen ließ.

The Best Offer ist in meinen Augen ein Film, der gerade wegen seiner eigenwilligen Auswahl dessen, was er zeigt und was nicht, im Gedächtnis bleibt. Nach guten zwei Stunden ist er vorbei, nun ist der Zuschauer an der Reihe, zu reflektieren: Was macht Individuen zu dem, was sie sind? Woraus schöpfen sie ihre Motivationen und welche Ziele verfolgen sie? Gibt es das Gute in jedem Menschen? Wie steht es mit dem Bösen? Und wohnt tatsächlich jeder Fälschung eine Authentizität inne?

KINOSTART: 21. März 2013

Pressespiegel bei film-zeit.de

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