The Congress – Ein Dokument seiner Zeit

by on 08/27/2013

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© Pandora Film

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Vor etwa hundert Jahren drehten die Menschen durch, weil sie Angst vor der bedrohlich rasch fortschreitenden Industrialisierung hatten: das Leben wurde schneller, die Elektrifizierung veränderte den Alltag, Städte platzten aus allen Nähten und der Halleysche Komet sorgte für eine abstrakt ungreifbare Bedrohung von oben. In den 1960er Jahren war es dann der Kalte Krieg, der die Menschen ängstigte. Vietnam, die Kubakrise und die permanente Omnipräsenz der Atombombe sorgten für eine gereizte Stimmung. Und immer schlugen sich diese Ängste auch in den Künsten nieder: besonders das Genre des Science-Fiction setzte sich in Wort und Bewegtbild mit den potentiellen Gefahren der Gegenwart und Zukunft auseinander. Heute leben wir wieder in einer Zeit, in der viele von uns das Gefühl haben, nicht mehr mitzukommen. Die umfassende Digitalisierung, gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Fortschritt sind spannend, aber in vielen Aspekten auch beunruhigend. Und wieder ist es mit Vorliebe das Kino, das sich derartigen Entwicklungen annimmt.

In diesem Fall ist es genauer genommen Ari Folman, der mit The Congress einen Film über die Zukunft der Filmbranche, aber auch der Menschheit im Allgemeinen gedreht hat. Robin Wright spielt darin eine mögliche Variante ihrer selbst: eine Schauspielerin, die in ihren Zwanzigern ein gefeierter Filmstar war und deren Karriere sich mittlerweile auf dem absteigenden Ast befindet. Das Studio Miramount unter dem Vorsitz des ekelhaften Jeff Green (Danny Huston) bietet ihr einen letzten großen Deal an: Robin soll sich scannen lassen und ihre Identität dem Studio verkaufen, das ihre digitale Kopie fortan in immerwährender Jugend und Schönheit in Filmen benutzen darf. Der Haken: im Gegenzug darf sie nie wieder schauspielern oder anderweitig öffentlich in Erscheinung treten. Robins anfängliche Bedenken werden durch Jeff und ihren Agenten Al (Harvey Keitel) schnell ausgeräumt, und die Schauspielerin lässt sich auf den Deal ein. Aber zwanzig Jahre später sind die digitalen Kopien schon wieder Schnee von gestern: Miramount hat sich mit dem Konzern Nagasaki zusammengetan, und nun kann jeder einen Chemiecocktail zu sich nehmen, der Figuren, Filme und ganze imaginäre Realitäten im Kopf entstehen lässt.

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Nach Waltz with Bashir hat der israelische Filmemacher Ari Folman mit The Congress erneut einen Film gedreht, der quasidokumentarisch Spielfilm und Animation miteinander verbindet. Als Basis diente dafür der Science Fiction-Roman Der futurologische Kongress – Aus Ijon Tichys Erinnerungen, den Stanislaw Lem in den Sechzigern schrieb. Die Thematik ist noch heute aktuell und der Regisseur hat aus der Vorlage eine Art filmische Entdeckungsreise gezaubert. Das liegt zum Teil sicher an der sehr ernsthaften Schauspielleistung, die Robin Wright hier vollbringt, und zum Teil auch an den Animationen, die eine faszinierende und gleichzeitig schaurig schreckliche Schönheit kreieren. Vor allem liegt es aber an der Vielschichtigkeit der Geschichte und ihrer Implikationen.

Dass The Congress perfekt ist, bedeutet das keinesfalls. Da ist zum Beispiel der Erzählstrang um Robins Sohn Aaron (Kodi Smit-McPhee), der am Usher-Syndrom leidet und früher oder später sein Augenlicht und Gehör verlieren wird. Der auf Emotionalisierung ausgelegte Handlungsexkurs um den Jungen mit der besonderen Gabe soll eine besonders raffinierte Parallele zu den chemischen Prozessen bieten, die Miramount Nagasaki nun auch allen gesunden Menschen andreht – und wirkt letztlich doch nur konstruiert und plakativ. Es entgeht dem aufmerksamen Zuschauer auch nicht, dass die anfangs doch sehr fokussierte und intelligente Story von The Congress im letzten Drittel des Films ein wenig ausfranst und sich in all ihrer Bedeutungsschwere verrennt.

© Pandora Films

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Und doch bietet Ari Folmans Werk eine gewaltige Bandbreite an Anspielungen, Themen und Interpretationsspielräumen, die in mir direkt das Bedürfnis nach einer zweiten Sichtung wecken. Denn dieser Film macht gleich mehrere gewaltige Fässer auf. Er stellt die Frage nach künftigen Entwicklungen, nach Moral und Ethik der Firmen, aber vor allem auch nach einem Punkt, der Philosophen umtreibt. Die Frage nach Realität und Illusion. Sind diese beiden Pole überhaupt auseinanderzuhalten? Leben wir nicht ohnehin schon in einer permanenten Illusion? Verfügen wir überhaupt über den hochgerühmten freien Willen, der uns in all unserer menschlichen Arroganz den übrigen Lebewesen angeblich überordnet? Und letztlich: ist nicht auch das Kino nur eine Illusion?

Für mich ist gerade dies das Interessante an Science-Fiction: egal, in welcher Epoche sie entsteht, letztlich sagt sie immer mehr über ihre eigene Zeit aus als über eine vage Zukunft. The Congress bildet da keine Ausnahme. Ich glaube nicht, dass die Welt des Films in zwanzig Jahren so aussehen wird, wie der Streifen sie zeigt. Ich glaube ja noch nicht einmal, dass James Cameron recht behält und wir in wenigen Jahren nur noch Filme in 3D sehen werden. Die Tendenz und die Haltung, die Ari Folman allerdings beschreibt, liegt meines Erachtens nicht einmal mehr in der Zukunft, und das meine ich völlig wertungsfrei. The Congress ist auf vielschichte Art und Weise interessant, vor allem aber als Dokument seine Zeit.

Kinostart: 12. September 2013

Pressespiegel auf film.zeit.de

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