The Dog – Gut oder Böse oder einfach nur Unterhaltsam

by on 02/08/2014
© Berlinale

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Wenn jemand ein Verbrechen aus nachvollziehbaren, vielleicht sogar sympathisch erscheinenden Gründen begeht – auf welcher Seite steht er dann? Bei den Guten? Den Bösen? Irgendwo dazwischen? Die Geschichten, die das Leben so schreibt, lassen sich meistens nicht in das bequeme Gut-Böse-Schema der zahllosen Fernsehkrimis einordnen. Deswegen ist es eine gute Idee, sich den Dokumentarfilm The Dog anzusehen, der in diesem Jahr im Panorama der Berlinale läuft. Da gibt es nämlich nicht nur eine interessante Lektion zu lernen, man wird auch noch großartig unterhalten.

Die Geschichte ist im Grunde so einfach wie ungewöhnlich. Auftritt John Wojtowicz. Nach einer unspektakulären Kindheit hatte der Mann aus New York City in den 1960ern eine Frau geheiratet, zwei Kinder bekommen, sich wieder getrennt und war daraufhin in der Schwulenszene der Stadt anzutreffen. Dort lernte er Ernie kennen und begann eine Beziehung, die ihre Krönung in einer öffentlichen Hochzeitszeremonie fand. Hinter den Kulissen dieser aufregenden Performance war jedoch nicht alles nur Glanz und Glitter. Ernie wünschte sich nichts sehnlicher als eine Geschlechtsumwandlung und obwohl John zuerst dagegen war, beschloss er irgendwann, eine Bank auszurauben, um an das dafür notwendige Geld zu kommen. Es traf eine Filiale der Chase Manhattan Bank in Brooklyn, um die sich am 22. August 1972 ein volksfestartiger Menschenpulk bildete. Die Polizei, sämtliche Medienvertreter und hunderte Schaulustige strömten zum Schauplatz des Geschehens, den The Dog – so nannte sich Wojtowicz selbst – schließlich verließ, nur um kurz darauf eingebuchtet zu werden. Die Geschichte kommt euch bekannt vor? Ganz genau, es ist die Vorlage des Filmes Hundstage, den Sidney Lumet 1975 mit Al Pacino in der Hauptrolle drehte.

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Es ist schon ein kleines Kunststückchen, das den Regisseuren Allison Berg und Frank Keraudren hier in einem Zeitraum von über zehn Jahren gelungen ist; nämlich einen Dokumentarfilm, der so viele Themen und Problematiken in die Waagschale wirft, so unterhaltsam wiederzugeben. Da ist immerhin ein Verbrechen, die wahrlich nicht von allen Gesellschaftsschichten akzeptierte sexuelle Orientierung einiger Männer und der Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung, selbstzerstörerisches Verhalten, eine traumatische Zeit im Gefängnis, eine kaputte Ehe und noch die ein oder andere Katastrophe, die sich während der Laufzeit von The Dog dazugesellt. Tatsächlich wird uns das Werk aber in einer Machart um die Ohren geknallt, dass wir uns bald nicht mehr wundern, wieso der Banküberfall von Wojtowicz und seinen Mannen 1972 so schnell zu einem urbanen Mythos werden konnte. The Dog verbindet nicht nur Archivmaterialien, Fotos und Interviews mit Zeitzeugen zu einem heterogenen Ganzen, er ist auch geschnitten wie ein unheimlich cooler Gangsterfilm: schnell, rhythmisch, unterlegt mit treibenden Beats. Am liebsten würden wir uns zur sensationsgierigen Meute vor der Chase Manhattan Bank dazustellen, und bei diesem Gedanken ertappen wir uns nicht nur einmal.

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Der einzig wahre Mittelpunkt von The Dog ist dann aber doch eben dieser. John Wojtowicz ist ein regelrechter Entertainer, ob er nun vor laufender Kamera flucht, kokettierend von seiner Sexbesessenheit erzählt, ob er von den Pizzen berichtet, die er sich während des Überfalls in die Bank liefern ließ oder dass er sich zuvor mit seinen Kumpanen noch schnell Francis Ford Coppolas Der Pate anschaute – zur Inspiration, wie er sagt. Und auch seine Mutter steht ihrem Sohn in seiner Direktheit in nichts nach. Die beiden führen definitiv die eigentliche Liebesgeschichte im Film. Und während die zierliche, mittlerweile sehr in die Jahre gekommene Dame ein Mundwerk vorzuweisen hat, das man ihr auf den ersten Blick gar nicht zutrauen würde, hat sie zwischendurch immer wieder regelrecht philosophische Momente. „Jeder kann heterosexuell sein“, sagt sie an einer Stelle, „aber es braucht jemand besonderen, um homosexuell zu sein.“

Wahrscheinlich ist es genau die Sympathie für diese beiden gebeutelten Leute, die uns den Banküberfall im Nachhinein so leicht verzeihlich erscheinen lässt. Dieses Robin Hood-Ding, der kleine Mann gegen das System. In gewisser Weise gewinnt er sogar, durch den Verkauf der Filmrechte erhielt Ernie schließlich seine Geschlechtsumwandlung und wurde zu Elizabeth Debbie Eden. Aber The Dog lässt auch die konträre Perspektive nicht gänzlich aus. Während die einen Jahre später noch Autogramme von ihrem Antihelden wollen und mit ihm vor dem ehemaligen Bankgebäude für Fotos posieren, sprechen sich einige Kritiker auch ganz klar gegen diese Glorifizierung aus: Wojtowicz sei letzten Endes schließlich doch nur ein Verbrecher, der seine Zeit im Gefängnis zurecht abgesessen habe. Wie auch immer sich jeder Einzelne nach Ablauf des durchaus mit dem Dog sympathisierenden Films positioniert, es bleibt immerhin die klare Erkenntnis, dass unsere Gesellschaft solche Typen wie ihn einfach braucht. Schon allein, weil es sonst todlangweilig wäre.

The Dog auf der offiziellen Berlinale-Website

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