The First Avenger: Civil War und die Pubertät der Superhelden

by on 04/20/2016

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Ein Superheld jagt den nächsten – im übertragenen Sinne und im Fall von The First Avenger – Civil War sogar tatsächlich. Kaum ein Monat, in dem nicht irgendeine Ausgeburt aus der Marvel- oder DC-Hölle die Leinwände mit der immer gleichen Dramaturgie, den immer gleichen Materialschlachten und dem immer gleichen Proletenwitz verschmutzt. Ich bin schon jetzt überzeugt: Mit jedem Marvel Film stirbt das Kino ein bisschen mehr.

Oder gibt es noch Hoffnung? The First Avenger – Civil War deutet zumindest daraufhin. Vorausgesetzt die zarte Pubertät des Superhelden-Universums, die sich hier zeigt, geht irgendwann in die vollständige geistige Reife über.

© Warner

Man of Steel © Warner

Schauen wir noch einmal zurück, z.B. auf Man of Steel oder The Avengers, Filme in denen das US-amerikanische Trauma der unaufhaltbaren Zerstörung noch deutlich sichtbar war. Insbesondere Zack Snyder wurde für die unkommentierten Kollateralschäden an der Bevölkerung kritisiert, die sein edler Held hier zu verantworten hat. Zunächst ließ sich das Blockbusterkino davon nicht beeindrucken. Zu einem epischen Kampf gehört eben auch eine epische Zerstörung – wo gehobelt wird, da fallen Späne. Und letztlich ist das ja alles nur Fiktion. Doch irgendwo zwischen The Return of the First Avenger, Guardians of the Galaxy und Avengers: Age of Ultron sickerte dann doch die Erkenntnis durch, dass es vielleicht doch nicht so wahnsinnig cool ist, tausende, wenn nicht Millionen von Menschen niederzumetzeln und dies als Heldentat zu verkaufen.

Im Grunde gab es dieses Problem ja schon immer. Spiderman oder auch Batman hatten und haben ja immer wieder mit dem Vorwurf zu kämpfen, eher eine Gefahr als eine Rettung darzustellen und müssen ihren Edelmut somit ein ums andere Mal von Neuem unter Beweis stellen. Der innere Konflikt zwischen guten Absichten und menschlichen Kollateralschäden ist integraler Bestandteil des Superhelden-Psychogramms. Es ist eben gar nicht so einfach, Superkräfte zu haben, denn schon Spiderman wusste: „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“.

Marvel's The Avengers © Disney

Marvel’s The Avengers © Disney

Hinter dem Topos des Superhelden steht nämlich auch ein Männlichkeitsbild und -verständnis, das (vermeintliche) Überlegenheit untrennbar mit einer als schmerzlich belastend empfundenen Verantwortlichkeit verbindet. Es gehört tatsächlich zu den größten Aufgaben der heutigen Männergeneration, sich nicht nur vom Gefühl der Überlegenheit zu lösen, sondern auch die Mission abzulegen, immer auf alles und jeden aufpassen zu müssen. Gleichzeitig wächst auch das beunruhigende Bewusstsein dafür, dass die patriarchale Machtverteilung der Welt bislang nicht nur Gutes getan hat und dass eine von Frauen regierte Welt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine deutlich friedlichere wäre. Aus dieser Verunsicherung ergibt sich in vielen Fällen eine aggressive, sexistische Verteidigungshaltung, die statt produktiver Selbstkritik die eigene Fehlbarkeit hartnäckig negiert.

Selbstreflektion ist ein sehr komplizierter kognitiver Vorgang, für den eine gewisse geistige Reife notwendig ist. Bevor es zu Veränderung kommen kann, müssen die Fehler erst einmal erkannt, Gefühle von Schuld und Scham überwunden werden. So wie in der Pubertät, wenn wir aus dem Stadium der Naivität Hals über Kopf in eine schmerzliche Selbstanalyse stolpern, die uns erschreckender Weise zahlreiche Makel offenbart.

Marvel's The Avengers © Disney

Marvel’s The Avengers © Disney

So geht es auch Captain America und den Avengers. Schwer zu glauben, dass es so viele Filme und bestialische Schlachten geben musste, damit auch bei diesen ja angeblich so überlegenen Charakteren die Erkenntnis einsetzt, dass sie nicht nur viele Menschen gerettet, sondern auch zahlreiche hingerichtet haben. Was nun in The First Avenger – Civil War folgt ist eine Adoleszenzkrise, auf die jede_r unterschiedlich reagiert. Während die einen sich an die Obrigkeit binden und damit ihre Verantwortung abgeben, wählen andere die Revolte und Auflehnung gegen eben jene Autoritäten. In The First Avenger – Civil War geht die Bedrohung nicht mehr von fiesen Bösewichten, sondern von den Superhelden aus, die sich wiederum – wie es sich für Teenager gehört – im Taumel der frisch erwachten kritischen Emotionen gegenseitig auf die Rübe hauen.

The First Avenger - Civil War © Marvel

The First Avenger – Civil War © Marvel

Auch wenn The First Avenger – Civil War einen furchtbar langweiligen, weil von vorne bis hinten austauschbaren Film darstellt, bin ich deshalb neugierig darauf, wie es weitergeht. Denn was passiert mit dem Superhelden-Genre nach seiner Pubertät? Müssen Captain America und Konsorten jetzt vor jeder kämpferischen Auseinandersetzung erst einmal eine philosophisch-ethische Diskussion darüber führen, ob gerettete und geopferte Menschenleben sich die Wage halten? Das würde ja zwangsläufig dazu führen, den Wert des Menschen als solchen zu problematisieren: Welches Menschenleben ist denn rettenswert und welches nicht und dürfen wir das eigentlich entscheiden? Nicht auszudenken, wie viel Tiefe so ein Superhelden-Film dann plötzlich (wieder) hätte.

Wenn wir Sam Raimis Spider-Man als Geburtsstunde des neuen Superhelden-Genres begreifen, dann ist dieses mit 14 Jahren nun mitten in der Pubertät. In etwa vier bis fünf Jahren können wir also mit einem gereiften Marvel- bzw. DC-Kino rechnen. Aber ob das dann noch jemand sehen will, bleibt abzuwarten.

Kinostart: 28. April 2016

Hier geht’s zu der Rezension des Films von dennis

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